Neue Nutzung, alter CharmeWohnen im Bahnhof
Die deutsche Bahn gibt immer mehr Bahnhöfe auf. Entweder verfallen sie dann, oder es finden sich neue Besitzer. So wie die Bocklets, die einen alten Bahnhof zum Wohnhaus umgebaut haben.
Wenn Michael Bocklet in Koblenz-Moselweiß aus der Bahn steigt, hat er es nicht weit nach Hause. Genaugenommen muss er nur den Bahnsteig wechseln - denn Bocklet wohnt im Bahnhof. Ihm und seiner Frau Henriette war das Gebäude zum ersten Mal bei einem Spaziergang aufgefallen. Als sie dann kurze Zeit später eine Verkaufsanzeige in der Zeitung entdeckten, schlugen sie kurzerhand zu.
Und dann ging es los. Innerhalb eines Jahres wurde aus einem Toilettenhäuschen ein Badezimmer mit Terrasse. Kleine, enge Fenster wurden große Türen mit Balkon davor. Die historische Fassade erhielt individuelle Farben und Metallelemente als Ergänzung.
Bevor der Bahnhof zur Baustelle wurde, war aber erst einmal eine Bestandsaufnahme dran. Beim Projekt „Wohnen im Bahnhof" nicht ganz einfach. Denn für das über 100 Jahre alte Gebäude gab es keine Baupläne. Diese aber sind bei einem solchen Umbau Grundvoraussetzung, weiß Architekt Jens J. Ternes. "Sonst stellt man am Ende vielleicht fest, dass die Wand, die man herausgenommen hat, ein tragendes Bauteil ist." Terne stand also vor kniffligen Aufgaben.
Hauptsache kein Norm-Haus
Die Vorgaben der Bauherren waren immerhin klar: Im Erdgeschoss wünschten sie sich eine große Wohnhalle mit integrierter Küche und Arbeitszimmer als Mittelpunkt und Treffpunkt für die Familie. Und noch etwas war Ihnen wichtig: Viel Licht! "Fenster sind ja so etwas wie die Augen des Hauses", meint Henriette Bocklet. Sie freut sich über das viele Licht, das ins Haus fällt. Die Fenster sind unterschiedlich groß und auch farblich verschieden. Denn ein genormtes Haus wollte die Hausherrin nicht haben.
Mit ihrem Wunsch nach individueller Note liegen die Bocklets voll im Trend. Denn beim Wohnen spielt nicht nur die Quadratmeterzahl eine Rolle. Neben dem Preis achten Bauherren auch auf Image, Flair und Tradition ihres Wohnraums, hat Immobilien-Spezialist Julien Reizenstein festgestellt. "Solche Wohlfühl-Aspekte sind Kaufanreize, die ein Altbau oft eher befriedigen kann als ein Neubau, auch wenn der vielleicht etwas modernere Ausstattungsmöglichkeiten und Baumöglichkeiten hat."
Energiesparen wo es geht
Trotzdem wurde bei Bocklets auch das ganz moderne Thema Energie nicht vergessen. Unter die historischen Schiefer-Ziegel kam eine neue Dämmung. Für Warmwasser sorgt eine Solar-Thermie-Anlage. Ein Passiv-Haus kann man aus so einer alten Immobilie zwar nicht machen, weiß Bocklet: "Wir haben aber einfach versucht, die Energiesparmaßnahmen, die heute mit einem vertretbaren Aufwand möglich sind, auch umzusetzen."
Wer den Altbau-Charme zu schätzen weiß, muss also nicht auf Energieeffizienz verzichten. Die Bocklets jedenfalls genießen außergewöhnliches Zuhause in vollen Zügen.