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Tacheles und Co vor dem Aus Berlin riskiert Sehnsuchts-Status

"Der Hype um Berlin ist ungebrochen", heißt es. Aber die Club- und Kulturszene ist in Bewegung. Die linke Szene kämpft gegen Investoren und einen "Ausverkauf" der Subkultur.

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Die Tage des Berliner Kunsthauses Tacheles scheinen gezählt zu sein.

Berlin-Mitte, im Juli 2010. Ein Rastazopf-Träger dudelt auf dem Akkordeon die Filmmusik aus "Amélie". Gegenüber, an der Kaufhausruine in der Oranienburger Straße, hängt ein Schild: "Schließt die Bank, nicht das Kunsthaus." Damit ist das Tacheles gemeint, das nach dem Mauerfall ein legendärer Ort für Hausbesetzer und Künstler war. Damals, vor der Latte-Macchiato-Ära, als es noch illegale Kellerclubs und billige Altbauten mit Kohleheizung gab. Graffiti und Schmiedekunst wie aus den 90ern: Heute sind es vor allem Touristen und die dort werkelnden Kreativen, die das Tacheles cool finden.

Eine Bank will das Gelände an der Ecke zur Friedrichstraße verkaufen. Das Kunsthaus ist deswegen von der Schließung bedroht - gegen den Willen des Senats, der auf 400.000 Tacheles-Besucher im Jahr verweist. Auch die renommierte C/O Galerie ein paar Schritte weiter, eine der wichtigsten Adressen für Fotokunst in Deutschland, muss ihren Stammsitz aufgeben. Das alte kaiserliche Postfuhramt hat einen neuen Investor. Zur Zeit hängen in den Räumen Bilder von Magnum-Fotografen wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson.

Legendäre Bar 25 muss umziehen

Es sind nicht nur Kulturinstitutionen, die zu kämpfen haben. Die Bar 25, die unter Szenegängern aus aller Welt, der "Generation Easyjet", einen fast mystischen Ruf hat, muss sich ab Herbst eine andere Adresse suchen. Das Spreeufer soll bebaut werden. Im Gespräch ist, dass der Club mit einem neuen Projekt in den Plänterwald, einen ehemaligen DDR-Freizeitpark flussabwärts, ziehen könnte.

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Bald ausgemalt: Eine Künstlerin arbeitet im Kunsthaus Tacheles an einem Projekt.

(Foto: dpa)

Edle Lofts und Townhouses gehören heute in Berlin zum Stadtbild. Alternative Viertel wie Nord-Neukölln und Kreuzberg werden teurer. Der Protest aus der linken Szene, die nicht immer zwischen alternativer Baugruppe und "Heuschrecken"-Investoren unterscheidet, wächst. Love-Parade-Gründer Dr. Motte und Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele machten bei einer Demo gegen den "Ausverkauf" der Subkultur mit.

Was wird aus dem Sehnsuchtsort Berlin? In den 70er und 80er Jahren zog die von der DDR eingeschlossene BRD-Insel Bundeswehrflüchtlinge, Hausbesetzer und Freaks an, wie sie der Comiczeichner Gerhard Seyfried verewigt hat. Die Subkultur im Osten hielt Fotograf und Ex- Punk Sven Marquardt fest, der jetzt als der tätowierte Club-Türsteher aus dem "Berghain" bekannt ist.

Nachwende-Boom in Mitte und Prenzlauer Berg

Nach 1990 boomte erst Berlin-Mitte. Dann zogen die Bürgerkinder aus dem Westen in den Prenzlauer Berg, der immer schicker wurde. Witze über Schwaben, Kampfmütter und den Bionade-Biedermeier sind Standard-Programm von Berliner Kabarettisten. Teure Bugaboo- Kinderwagen werden aus Hausfluren gestohlen. Dass die Täter die Neu-Prenzlauer-Berger vergraulen wollen, dürfte als Motiv aber zu weit hergeholt sein.

Der von Nachwuchs-Hipsters bevölkerten Kastanienallee widmete Kabarettist Rainald Grebe das Lied "Castingallee": "Ich sitze hier mit meinem Käsefrühstück / Ich frühstücke bis um vier / Ich bewege mich wenig, also eigentlich gar nicht, ich bewerbe mich hier." Vor der Sprachschule auf der Kastanienallee lässt sich auch gut beobachten, was der große Trend seit den Nuller Jahren ist. Junge Ausländer entdecken Berlin als Metropole, die laut Regierungschef Klaus Wowereit "arm, aber sexy" ist.

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"Spreeufer für alle!": Spree-Anlieger wehren sich gegen die unter dem Namen "Mediaspree" bekannt gewordenen Pläne, auf dem Gebiet in Friedrichshain-Kreuzberg zwischen Elsen- und Jannowitzbrücke weitere Büro-, Wohn- und Veranstaltungsgebäude zu errichten. (Archivbild von 2008)

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ruinencharme und Clubnächte, eine Prise Verruchtheit und ein Zauber wie aus den Zeiten Christopher Isherwoods und von "Cabaret" - das lockt besonders Amerikaner an. Israelis tanzen auf "Meschugge"- Partys, nicht nur skandinavische Künstler schätzen die billigen Ateliers und Wohnungen. Berlin ist im internationalen Vergleich immer noch günstig.

Man spricht Englisch

Englisch ist in manchen Vierteln fast zweite Amtssprache geworden. In angesagten Läden passiert es, dass die Verkäuferin oder der Kellner kein Deutsch spricht. Rucksackreisende können mittlerweile zwischen über 100 Hostels wählen.

"Der Hype um Berlin ist ungebrochen", sagt Christian Tänzler vom Tourismusverband. Im Ausland gilt Berlin als "Europas Hauptstadt der Coolness" ("Time"). Diesen Ruf sieht Tänzler auch durch die jüngsten Schlagzeilen aus der Kulturszene nicht in Gefahr. Berliner hätten da manchmal einen Tunnelblick, findet Tänzler. "Die Subkultur sucht sich ihre Standorte."

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Das ehemalige Postfuhramt in der Oranienburger Straße: Die dort angesiedelte renommierte Galerie C/O Berlin muss ihr Stammhaus verlassen. Sie wird voraussichtlich zum 31. März 2011 das Domizil nach fünf Jahren räumen müssen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für das Tacheles gehen nach Angaben des Insolvenzverwalters vermutlich Ende Juli die Lichter aus. Bei der C/O-Galerie, wo zur Vernissage von Annie Leibovitz 4500 Leute Schlange standen, sieht die Sache anders aus. "Wir sind kein besetztes Haus", sagt Sprecher Mirko Nowak. Die Galerie, die gerade ihren 10. Geburtstag feiert, sieht sich eher als privates Wirtschaftsunternehmen.

Große Namen wie Leibovitz bringen das Geld, das nötig ist, um kleinere Projekte zu finanzieren und Nachwuchstalente auszustellen. Bei der Immobiliensuche will die Galerie dem Bezirk treubleiben, weil dort die meisten Besucher vorbeikommen. "Wir sind ein Kind von Mitte", sagt Nowak. Auf der Internetseite beruft sich C/O auf Goethe: "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."

Quelle: n-tv.de, Caroline Bock, dpa

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