Reise

Gepäckträger mit weichem Fell Mit Lamaflüsterer durch die Rhön

Nur Ältere wandern gern? Stimmt nicht. Tragen Tiere das Gepäck, schlüpfen auch Manager und Kinder in ihre Wanderschuhe. In der Rhön werden sie von Lamas begleitet.

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Touristen wandern bei Poppenhausen mit Lamas durch die Rhön im bayerisch-hessischen Grenzgebiet. Die Touren sind eine beliebte Freizeitaktivität in der Region geworden.

(Foto: dpa)

Michael, in eine rote Regenjacke gepackt, hat mit beiden Händen die rosa Leine des wuscheligen Amigo fest umschlossen. Ein leichtes Ziehen nach links, und auch Amigo steuert nach links. Ein Ziehen nach rechts, der behaarte Gefährte fügt sich ein weiteres Mal. Der Zehnjährige mit den blonden Haaren ist zufrieden. Auf Amigo hat er schon seit Wochen gewartet. "Wegen dem weißen Fell", sagt er und streichelt dem Lama über den Rücken. Michael ist bei Poppenhausen in der Rhön im bayerisch-hessischen Grenzgebiet unterwegs.

Ein paar Meter hinter Amigo bleibt Michaels Mutter Stefanie Schuchardt stehen und genießt das Panorama: Die Berge im Naturpark Vogelsberg erheben sich majestätisch in den leicht bewölkten Himmel. Ein Stückchen weiter thront der Monte Kali, eine aufgeschüttete Halde aus abgetragenem Salz. 40 Kilometer weit können Besucher dort in der Rhön blicken. "So muss es in Südamerika sein", sagt Schuchardt, während die Gruppe schon wieder weiter läuft: 14 Teilnehmer, 8 Lamas. Alle sind heute nur aus einem Grund in die Rhön gefahren: Lamatrekking mit Johannes Nüdling.

Seit 1991 UNESCO-Biosphärenreservat

Das "Land der offenen Fernen", wie das Vulkangebirge Rhön auch genannt wird, erstreckt sich über die drei Bundesländer Hessen, Thüringen und Bayern. 1991 hat die Weltkulturorganisation UNESCO das Mittelgebirge als Biosphärenreservat anerkannt. Zwar stehen nur rund zwei Prozent der Rhön tatsächlich unter Naturschutz, und auch Landwirtschaft ist erlaubt. Die Kulturlandschaft, so wünscht es sich die UNESCO, soll jedoch erhalten bleiben.

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Blick von der Wasserkuppe bei Poppenhausen auf das unterhalb des Gipfels gelegene Fliegerdenkmal.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt viele verschiedene Wege, die Rhön zu erkunden. Wanderfreunde können sich auf die Spuren der Rhöner Kelten machen, Fahrradfahrer entlang der Fränkischen Saale strampeln. Wer es lieber motorisiert mag, kommt auch auf seine Kosten. Seit 2003 rufen jedoch immer mehr Menschen bei Johannes Nüdling an und reservieren einen Platz für das Wandern mit Lamas. Das ist ganzjährig möglich.

Keine kräftezehrenden Anstiege

Besonders für Eltern mit Kindern sind die leichten Touren ohne kraftzehrende Anstiege eine beliebte Freizeitaktivität. Zwar kann man auf den Tieren nicht reiten, dafür aber Rücksäcke und Taschen bequem festschnüren. Das Panorama der Rhön und die Exotik der Tiere erledigen den Rest. "Mit Lamas kann man auch seine Kinder zum Wandern überreden", sagt Mike Kopp. Seine 12- und 14-jährigen Töchter haben seit geraumer Zeit nur noch Augen für ihren Gefährten Gaucho.

Für Kinder müssen neun Euro bezahlt werden, wenn sie sich für die zehn Kilometer lange Halbtagestour entscheiden. Erwachsene sind bei der vierstündigen Wanderung mit 19 Euro dabei. Alleine im Jahr 2009 zogen 800 Menschen mit Lamawirt Nüdling durch die Rhön, 3500 sind es seit dem Jahr 2003 gewesen.

Gutmütige Lastenträger

Ursprünglich sind Lamas, die zur Familie der Kamele gehören, in Südamerika zu Hause. Bereits die südamerikanischen Inkas benutzten die gutmütigen Tiere zu Transportzwecken. Bis zu 30 Kilogramm Gepäck trägt ein kräftiges Lama.

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Lamas sind in Südamerika beheimatet (Herde in Bolivien).

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Eigentlich kann man ja überall mit diesen Tieren laufen", erklärt Nüdling, als seine Gruppe wieder einmal zum Stehen kommt. Die Lamas beugen ihre Hälse zum Boden und rupfen geräuschvoll das saftige Gras aus dem Straßengraben.

Der 50-Jährige hatte früher nur wenig mit Tieren am Hut. Für große Warenhausketten regelt er den Vertrieb, später koordiniert er für die Malteser den Mahlzeiten- und Notrufdienst. Dann wird sein erster Sohn geboren. Der Vertriebsleiter zieht dorthin zurück, wo er selbst aufgewachsen ist: in die Rhön.

Strukturschwache Region

Die Region gilt als strukturschwach. Nüdling zieht in ein Haus mit großem Grundstück - es müssen also Tiere her, die das Gras kurz halten. Der 50-Jährige denkt an Damhirsche. Das Projekt scheitert aber an den strengen Auflagen. Die Lama-Haltung wird genehmigt. Neben seinem Job bei den Maltesern in Würzburg fängt der Familienvater an, mit den Tieren durch das Gebirge zu wandern. Er startet mit vier Touren und drei Lamas.

Mittlerweile sind es 22 Tiere, und Nüdling ist zu einem der größten Lamatrekking-Anbieter in ganz Europa geworden. Mehr als 30 Mitbewerber teilen sich den Markt. "Er hat das Lama unter die Menschen gebracht", sagt auch Michael Trah, Geschäftsführer des Lama-Vereins "Züchter, Halter und Freunde von Neuweltkameliden" aus dem schwäbischen Kaufbeuren. Die Nutzung der rund 5000 Lamas in Deutschland gehe eindeutig in die von Nüdling eingeschlagene Richtung.

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Kinder mit Tieren eines Lamahofs im Allgäu - auch diese werden unter anderem für Trecking-Touren eingesetzt.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Zeit für eine Pause. Am Guckaisee im Naturpark Rhön, dem höchstgelegenen Badesee in Hessen, legt die Gruppe einen Stopp ein. Amigo und Gaucho, Pepe und Diego grasen friedlich auf der Wiese, während ein bellender Havaneser nervös durch die Beine der Tiere jagt. "Meiner frisst schon wieder", ruft der zehnjährige Elias seinem Freund zu. "So ein Fresssack!", johlt Michael und lacht.

Lamas machen Kindern Beine

Neben Michael steht sein Vater Peter Schuchardt und grinst zufrieden: "Die Kinder bauen ganz schnell eine Beziehung zu den Lamas auf", sagt er, der an diesem Tag gleich mit fünf Kindern aus Thüringen angereist ist. Familie Schuchardt ist sichtlich erfreut: "Kaum bekommen die Kinder ein Lama an die Seite, will niemand mehr aufhören zu wandern."

Auch Erwachsene genießen die Zeit mit den gutmütigen Tieren. "Vor allem Menschen mit viel Stress im Beruf buchen immer mehr unsere Touren", berichtet Nüdling. Alleine bei Managern verzeichnet Nüdling jährlich einen Zuwachs von 30 Prozent, seit drei Jahren bereits. Besonders die mehrtägigen Touren mit Unterkünften in ruhigen Gegenden seien beliebt. Viele Teilnehmer ließen das Handy dann ganz bewusst aus.

Lamatrekking als Aushängeschild für Region

Während der Tour schlägt sich Gaucho in die Büsche. Das Kind mit der Leine in der Hand quietscht, lacht und zerrt, bis das Lama endlich ablässt vom Strauch und mit einer Handvoll Blättern im Maul mampfend weiterläuft. Am Anfang hätten viele gesagt, "der spinnt, der Nüdling", sagt der 50-Jährige über die Kommentare zu seiner ungewöhnlichen Idee. Sieben Jahre später hat sich das Lamatrekking zum Aushängeschild für die Region entwickelt, zu einem Zugpferd für den Rhöntourismus.

"Die Lamas", sagt Geerd Müller vom Tourismusverband Bayerische Rhön, "bringen viele interessante Gruppen in die Region." Vor allem Geschäftsleute hätten sich vorher nur selten in das Mittelgebirge verirrt. Vier bis fünf Millionen Menschen übernachten nach Müllers Angaben jährlich in der Rhön. Auch Amigo und Gaucho tragen ihren Teil dazu bei.

Ein Händchen für die Tiere besitzt Nüdling seit seiner Kindheit auf einem Bauernhof. Ist Gaucho wieder einmal zu schnell für die kleinen Besucher, hebt der Trekkingführer den Finger, flüstert dem Tier etwas ins Ohr. Das Lama gehorcht. Ob nun frech wie Macho oder genügsam wie Fuego, für Nüdling sind alle Lamas Individuen mit Marotten und Launen. Im Umgang mit den in Deutschland als Wandergefährten wohl eher ungewöhnlichen Tieren ist er mittlerweile Profi - für viele ist er der "Lamaflüsterer".

Quelle: n-tv.de, Hannes Vollmuth, dpa

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