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An der Grenze zum Machbaren Biathleten über Eiseskälte: "Der Wahnsinn"

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Gut eingepackt: Lisa Vittozzi , die mit der italienischen Staffel in Kanada Platz vier erreichte.

(Foto: dpa)

Der Sieg der deutschen Biathletinnen in der Staffel bei der WM-Generalprobe in Canmore gerät fast zur Nebensache. Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und an der Grenze zum körperlich Machbaren werden die Sportler hart auf die Probe gestellt. Zu hart?

Beim Blick auf die Prognosen des Wetterdienstes dürfte den deutschen Biathleten in der arktischen Kälte Kanadas etwas wärmer warm ums Herz geworden sein. Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt erwarten sie in der kommenden Woche beim Weltcup in Soldier Hollow in den USA. Bei den Qualen, die sie in Canmore ertragen mussten, sind dies fast schon frühlingshafte Aussichten. Die Rennen in den kanadischen Rocky Mountains waren zum Extremsport an der Grenze zum körperlich Machbaren geraten.

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Gute gelaunt in der Kälte: die deutschen Biathletinnen Laura Dahlmeier, Denise Herrmann, Franziska Hildebrand und Vanessa Hinz.

(Foto: dpa)

Die schlimmsten Schmerzen waren immerhin schon wieder gelindert, als die Frauen-Staffel in dicke Winterjacken eingepackt aufs Podium hüpfte und ihre perfekte WM-Generalprobe feierte. Doch der Sieg hatte Laura Dahlmeier und ihren Kolleginnen viel abverlangt, zeigte das Thermometer während des letzten Staffelrennens vor dem Saisonhöhepunkt im schwedischen Östersund vom 7. bis zum 17. März doch 19 Grad unter Null an, der eisige Wind noch gar nicht mit eingerechnet.

"Es ist der Wahnsinn. Ich bin ins Ziel und habe gedacht: Oh Gott, ist überhaupt noch alles dran?", sagte Startläuferin Vanessa Hinz entgeistert der ARD. Eingemummelt in Mütze und Kopftuch, den Schal übers Kinn gezogen und das Gesicht zum Schutz gegen Wind und Kälte mit schwarzen Tapes bepflastert stand sie da. "Ich habe ehrlich gesagt auch geweint. Ich habe ein Mädel gesehen, das hatte ein gefrorenes Ohrläppchen."

Wie wandelnde Mumien

Nach dem Reglement des Weltverbandes IBU dürfen ab minus 20 Grad keine Rennen gelaufen werden, ab minus 15 Grad muss die Jury in Absprache mit Ärzten entscheiden, ob ein Start vertretbar ist. Lange hatte die Rennleitung deshalb beratschlagt - und dann das Go gegeben. Nicht überall stieß dies auf Wohlwollen. Frauen-Disziplintrainer Kristian Mehringer und Doppel-Olympiasiegerin Dahlmeier bezeichneten den Beschluss zur Austragung als "grenzwertig". Auch Hinz stellte die Entscheidung der Jury infrage: "Es ist sehr an der Grenze, bis dahin, dass man es hätte absagen müssen, weil es arschkalt ist."

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"Grenzwertig": Laura Dahlmeier.

(Foto: dpa)

Eifrig hatten die Organisatoren die Rennen des gesamten Kanada-Weltcups hin- und hergeschoben, um noch die "wärmsten" Passagen abzupassen. Die Sportler wappneten sich mit Schals, Mützen und teilweise dicken Wollhandschuhen gegen die beißende Kälte, mit schützenden Pflastern im Gesicht glichen sie wandelnden Mumien - doch all dies half nur bedingt. Gefrorene Tränenflüssigkeit in den Augen behinderte manche Athleten beim Schießen, das Feingefühl in den Fingern war arg eingeschränkt, der Fahrtwind sorgte für zusätzliche Schmerzen.

"Ich habe das ganze Rennen eigentlich meinen linken Daumen nicht gefühlt", klagte Roman Rees nach Platz vier mit dem Team. Sprint-Olympiasieger Arnd Peiffer, der auf die Staffel krankheitsbedingt verzichtete und auch die WM-Generalprobe in Soldier Hollow auslassen wird, sagte schon nach dem Einzel über eine Abfahrt: "Da friert einem ein bisschen das Jochbein weg." Immerhin das dürfte seinen Kollegen in den USA erspart bleiben.

Quelle: n-tv.de, Tobias Schwyter, sid

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