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Vollmer über Quarterback-Wechsel "Brady hat bei Tampa Bay Waffen um sich"

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Brady wirft das Ei, Vollmer beschützt ihn: So waren beide bei den New England Patriots lange erfolgreich. Jetzt verlässt Brady den Verein nach 20 Jahren.

(Foto: Action Images / Reuters / USA TO)

NFL-Megastar Tom Brady verlässt nach 20 Jahren seine New England Patriots und geht zu den Tampa Bay Buccaneers. Ex-NFL-Profi Sebastian Vollmer hat lange mit dem Quarterback zusammen gespielt, erklärt im Interview mit ntv.de den Brady-Wechsel - und warnt die Tampa-Bay-Spieler, dass sie jetzt mehr trainieren müssen und keine Chicken Wings mehr essen können.

ntv.de: Waren Sie überrascht als gestern die Nachricht kam, dass Tom Brady nach 20 Jahren nicht mehr für die New England Patriots auflaufen wird?

Sebastian Vollmer: Anfang der letzten Saison hätte ich es noch nicht für möglich gehalten, aber in den vergangenen Monaten hatte sich die Entscheidung schon angebahnt. Vor allem wegen der schlechter werdenden Beziehung zwischen Brady und Coach Bill Belichick. Ich finde es also eher schade auf der persönlichen Ebene, als dass ich überrascht war.

Was lief schief in der Beziehung des Quarterbacks zum Trainer?

In den amerikanischen Medien wird es jetzt so dargestellt, als wenn Brady unbedingt von Belichick weg wollte. Das stimmt so nicht. Die beiden hatten ein gutes Arbeitsverhältnis. Aber dass sie nicht immer rosig zusammen Bier trinken waren, ist auch bekannt. Es war letzten Endes eine Business-Entscheidung der Patriots, die sie schon immer so mit großen Namen getroffen haben – und jetzt eben auch mit Brady.

Vor ein paar Jahren wollte Belichick Brady schon gegen Jimmy Garoppolo von den San Francisco 49ers eintauschen. Wollte der Trainer seinen Superstar loswerden?

Belichick würde immer lieber einen Spieler etwas früher loswerden als zu spät und dachte eben, dass er mit Garoppolo bessere Chancen hat, weiter zu gewinnen. Brady wird vor der nächsten Saison 43 Jahre alt: Es gab noch nie diese Situation, dass ein so alter Quarterback noch so gut gespielt hat. Irgendwann holt auch Tom Brady die Zeit ein. Aber er gibt so gut auf seinen Körper acht und ist so talentiert, dass er das noch ein paar Jahre hinausschieben kann.

In der Saison 2019/20 hatte Brady bei den Patriots in der Offensive auch kaum noch Hilfe und spielte ein schlechtes Jahr. War auch das ein Grund für den Quarterback, seine Sachen zu packen?

Das muss man ganz klar sagen: Die Patriots hatten letztes Jahr nur zwei Spieler, die Touchdowns machen konnten. Außer Julian Edelman hatte Brady niemanden, den er anspielen konnte. Da standen Leute aus dem Practice Squad (die Spieler eines NFL-Teams, die zwar an allen Trainingseinheiten teilnehmen, aber nicht zum Spiel-Kader gehören; d.Red.) oder Rookies auf dem Platz. Es war fast unfair, dass Brady keine Waffen gegeben wurden.

Bradys neuer Verein, eine Unterschrift steht noch aus, heißt Tampa Bay. Passen die Buccaneers zu dem Superstar?

Tampa Bay hat potenziell das beste Receiver-Duo der Liga. Mike Evans ist vor allem zu erwähnen. Schon als ich noch mit Brady zusammen spielte, wünschte er sich, neben Rob Gronkowski solche Waffen um sich herum zu haben. Sie machen dem Quarterback das Leben eben einfacher. Dann musst du den Ball nicht immer absolut passgenau auf den Punkt werfen, sondern der Receiver kann sich auch mal freilaufen. Allerdings ist Brady ein System seit 20 Jahren gewohnt und es ist die Frage, ob das bei den Buccaneers jetzt auch so funktioniert. Brady war die Offensive und er bestimmte, was lief. Schon Dienstagabend hat er sich akribisch auf das nächste Spiel am Wochenende vorbereitet.

Das System Brady und das System Buccaneers müssen sich erstmal aneinander gewöhnen.

Brady wird intensiver trainieren wollen als Tampa Bay es gewohnt ist. Mal schauen, ob er sich umstellt oder das Team. Der Coach von Tampa Bay, Bruce Arians, ist nicht Bill Belichick, sondern eher entspannt und lustig unterwegs.

Was ist größer für die Buccaneers: das Risiko, einen fast 43 Jahre alten Quarterback verpflichtet oder der Gewinn, einen der besten aller Zeiten an Land gezogen zu haben?

Der Gewinn. Am Ende des Tages ist die NFL ein Business, wie jede andere große Firma. Die Fans in Tampa sind jetzt schon alle aus dem Häuschen und versuchen, sich Saisontickets zu sichern. Jeder redet jetzt über Tampa Bay, selbst die deutschen Medien. Brady kostet 60 Millionen US-Dollar für zwei Jahre - das ist viel Geld, aber für einen Milliardär-Eigentümer auch nicht so viel. Und das Geld holt der Verein durch die Aufmerksamkeit auf jeden Fall wieder rein.

Ist Tampa Bay trotz nur sieben Siegen bei neun Niederlagen im letzten Jahr jetzt sogar ein Favorit auf den Super Bowl?

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Der Brady-Faktor zählt auf jeden Fall. Es ist wie gesagt nicht nur er als Spieler, sondern auch die Intensität, die er ins Training mitbringt und seine Vorbereitung auf Spiele, die auch die Coaches zwingt, mehr zu machen. Du kannst dir vor Tom Brady auch nicht 20 Chicken Wings reinhauen. Er macht alle um sich herum besser. Dazu kommt noch seine Leadership: Brady ist der beste Anführer, den ich in meinem Leben gesehen habe.

Birgt der Wechsel nicht die Gefahr, Bradys große Karriere zu schmälern?

Brady hat sich über die letzten 20 Jahre als einer der besten Spieler aller Zeiten etabliert. Das kann man nicht kaputt machen. Wenn es aber total in die Hose geht, dann hat das einen bitteren Nachgeschmack. Ich als ehemaliger Mitspieler von Brady und Spieler unter Coach Belichick hätte mir gewünscht, dass beide zusammen aufhören. Wenn die Patriots jetzt den Titel holen und die Buccaneers nicht in die Playoffs kommen, sagen alle: Seht ihr, Belichick kann auch ohne Brady gewinnen aber der nicht ohne die Patriots. Andersherum liefe das natürlich genauso.

Was bedeutet das Ende der Ära Belichick-Brady für die NFL?

So eine Ära hat es vorher noch nie gegeben. Und es ist schwer zu glauben, dass es solche eine Kombination im Football, oder sogar sportübergreifend, noch mal gibt. Football ist auf Gleichheit angelegt, alle Teams dürfen nur das gleiche Geld ausgeben und der Super-Bowl-Gewinner darf als letzte Mannschaft im Draft einen neuen Spieler holen. Es liegt also einfach an dem, was Trainer und Spieler aus den Möglichkeiten machen. Es ist unglaublich, wie Brady und Belichick über 20 Jahre so die Oberhand behalten konnten.

Mit Sebastian Vollmer sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de