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Ein Sieg fehlt zum Super Bowl Brady ist der neue Herrscher der Seeräuber

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43 Jahre und kein bisschen alt.

(Foto: AP)

Nach 20 Jahren mit sechs Super Bowl-Siegen verließ Tom Brady im März New England. Der erfolgreichste Profi der NFL-Geschichte wechselte zu den Tampa Bay Buccaneers - und machte die zu gefürchteten Seeräubern. Der Quarterback steht dabei einmal mehr kurz davor, Geschichte zu schreiben.

Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Tom Brady und die Tampa Bay Buccaneers hätten unterschiedlicher nicht sein können, als sich beide am 20. März 2020 auf eine zweijährige Zusammenarbeit einigten. Denn da traf der Mann mit den meisten Siegen in der National Football League auf das Team mit dem niedrigsten Prozentsatz gewonnener Spiele - und zwar in Nordamerikas vier großen Profiligen. Was sollte dabei wohl rauskommen?

Die Antwort: die erfolgreichste Saison der Buccaneers-Vereinsgeschichte seit 2003. Damals wurde der Klub aus Florida zum einzigen Mal Meister. 18 Jahre später fehlt ein Sieg heute (21.05 Uhr) im Halbfinale bei den Green Bay Packers, um den Super Bowl zu erreichen. Am 7. Februar. Im heimischen Stadion. Als erster Gastgeber der NFL-Geschichte.

Harmlose Buccaneers wieder gefürchtete Seeräuber

Die Gründe für den Aufschwung haben vor allem einen Namen: Thomas Edward Patrick Brady. Er hat die Gewinner-Mentalität aus seinen 20 Jahren bei den New England Patriots mit in den Sunshine State gebracht - und die lange so harmlosen und belächelten Buccaneers (dt.: Freibeuter) wieder zu gefürchteten Seeräubern gemacht. Alles innerhalb von wenigen Monaten. Ohne richtige Vorbereitung. Im Alter von 43 Jahren.

"Ich bin auf jeden Fall älter. Aber ich halte durch", sagt Brady. Für fast alle seine Mitspieler ist das heutige Spiel der bisherige Karriere-Höhepunkt, für Brady hingegen Business as usual. In seinem 20. Jahr als Starting Quarterback steht er zum 14. Mal unter den letzten Vier. Es geht sogar noch imposanter. Das Match in Green Bay wird sein neuntes Halbfinale in den vergangen zehn Jahren sein. Die "USA Today" schrieb trefflich, dass der Kampf von Brady um einen Trip zum Super Bowl in einer "wegen Covid-19 ungewöhnlichen Saison etwas Normalität" darstelle.

Unzufrieden in New England

Bei einem Sieg stünde der Mann mit der wohl bekanntesten Rückennummer 12 der Sportgeschichte zum zehnten Mal im Finale. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Da war Brady mit den Patriots in der ersten Playoff-Runde daheim an den Tennessee Titans gescheitert - und seine Zukunft ungewiss. Sogar ein Karriere-Ende schien möglich. Zu sehr hatte ihn seine 20. Saison in New England aufgerieben, zu sehr die mangelnde Qualität an Passempfängern verärgert. Und dann war da ja auch noch der ständige Zwist mit Bill Belichick.

Der Trainer ist dafür bekannt, Spieler lieber zu früh als zu spät abzugeben. Und er machte auch bei Brady keine Ausnahme. Dem Eckpfeiler des Vereins, mit dem er zwischen 2002 und 2019 sechsmal Meister geworden war. Brady wollte trotz seiner 42 Jahre einen langfristigen Vertrag. Belichick war dieses Risiko zu groß.

Nur 24 Siege weniger als der Verein

Nach der Niederlage gegen Tennessee wurde Brady gefragt, ob er seine Karriere nun beenden werde? Das sei "ziemlich unwahrscheinlich", antwortete er. Der Quarterback hatte noch Lust auf American Football - nur eben nicht mehr bei den New England Patriots. Und so unterschrieb er für zwei Jahre und 50 Millionen Dollar in Tampa. Bei einem Verein, der die Saison mit einer Bilanz von 7:9 beendet und mal wieder zuverlässig die Playoffs verpasst hatte. Brady und die Bucs - was für eine Kombination. Der Quarterback hatte in seinen 20 Patriots-Jahren 249 Spiele gewonnen, Tampa wiederum es in 44 Jahren Liga-Zugehörigkeit gerade mal auf 273 Siege gebracht.

Für gewöhnlich dauert es einige Zeit, bis sich eine Offensive auf ihren neuen Quarterback eingestellt hat, das Zusammenspiel zwischen Ballempfänger und Ballverteiler perfekt funktioniert. Aufgrund von Covid-19 hatten sie in Tampa jedoch nicht die Zeit und die zahlreichen Trainingseinheiten, um an der Feinabstimmung zu arbeiten. So war die Zwischenbilanz von 7:5-Siegen nach zwölf Spielen nicht verwunderlich. Dann kam eine spielfreie Woche, in der Trainer Bruce Arians und Offensive Coordinator Byron Leftwich endlich mal Zeit für einen intensiven Feinschliff hatten.

"Er hat alle Erwartungen völlig übertroffen"

Seitdem spielt Brady kurze, schnelle Pässe und wagt weniger lange, weite und somit riskantere Würfe. Und seitdem hat Tampa nicht mehr verloren. In den sechs Siegen hat die Bucs-Offensive im Schnitt 34,8 Punkte erzielt, Brady 16 Touchdowns und nur eine Interception geworfen. "Er hat alle Erwartungen völlig übertroffen. Seine Führungsqualitäten sind besser als alles, was ich je gesehen habe", betonte Arians. "Die Mühe, die er jede Woche auf sich nimmt, wie er auf seinen Körper achtet, das alles gibt uns die Chance, Spiele zu gewinnen", ergänzt Leftwich.

Es ist hinlänglich bekannt, dass Brady penibel auf seine Ernährung achtet. Dass er täglich Avocado-Eis isst, beispielsweise aber Tomaten konsequent meidet. Und dass er mit seinem Privatcoach, Alex Guerrero, ein spezielles Trainingskonzept erarbeitet hat, welches nicht auf den Aufbau von imposanten Muskeln abzielt, sondern die Geschmeidigkeit der Faszien in den Vordergrund stellt. Diese konsequente Lebensweise erlaubt es ihm, immer noch zu den Besten in seinem Sport zu gehören. Selbst mit 43 Jahren. Bester Beweis: Nur zweimal in seiner Karriere hat Brady mindestens 40 Touchdown-Pässe innerhalb einer Saison geworfen. 2007 und jetzt.

Brady im Winter in Bestform

Wie so oft bringt er im Dezember und Januar seine besten und konstantesten Leistungen. Das überträgt sich auch auf die Mannschaft. Tampa hatte seit dem Super Bowl-Sieg 2003 kein Playoff-Spiel mehr gewonnen. Mit Brady gab es nun innerhalb von neun Tagen gleich zwei Siege, beide auswärts. Der 31:23-Triumph beim Washington Football Team durfte noch erwartet werden. Der 30:20-Erfolg vor einer Woche in New Orleans war dann zwar schon etwas überraschend, schließlich hatten die Saints beide Partien in der Vorrunde klar gewonnen.

Im wichtigsten Spiel seit 18 Jahren präsentierte sich die Defensive äußerst stabil, fing vier Bälle ab, von denen Bradys Offensive drei zu Touchdowns nutzte. "Es ist sehr schwer, so weit zu kommen", meinte Brady. Jetzt wird es sogar noch schwerer. Das Team aus dem warmen Florida muss im kalten Green Bay antreten, bei den Packers mit ihrem außergewöhnlichen Quarterback Aaron Rodgers. In den vergangenen Tagen hat es in Green Bay geschneit. Zu Spielbeginn soll die Temperatur minus zwei Grad Celsius betragen.

Tampa mit frostiger Bilanz

Die Buccaneers haben in ihrer Vereinsgeschichte bislang elf Spiele bestritten, bei denen das Thermometer maximal minus zwei Grad Celsius anzeigte. Und sie haben alle elf verloren. Doch das war vor der Brady-Ära. Der Quarterback ist es aus seiner Patriots-Zeit gewohnt, Playoffs bei frostigem, eisigem, mitunter gar arktischem Wetter zu spielen. Seine Bilanz bei Temperaturen von minus zwei Grad oder kälter: 29 Spiele, 25 Siege. Von den vier Niederlagen war nur eine in den Playoffs.

Und so werden sich die Blicke heute vor allem auf ihn richten. Wie schon so oft. Der Ausgang, schreibt die "New York Times", sei egal. "Ob Sieg oder Niederlage, Bradys 14. Auftritt in einem Halbfinale ist die trotzigste Antwort an diejenigen, die sich gefragt - oder heimlich gehofft - hatten, ob er abtreten würde, was eine erhebliche Lücke für diesen Sport wäre."

Und Tom Brady wird - unabhängig vom Ausgang des Spiels - weitermachen. Er hat noch einen Vertrag in Tampa für ein weiteres Jahr. Und er hat schon seit langem betont, dass er mindestens bis 45 spielen wolle. Warum auch nicht?

Quelle: ntv.de