Sport

Deutsches Team feiert Coup "Bui-Bande" weint nach dem perfekten Turn-Märchen

5b2322430e0c5cc5d81dc262674ea2da.jpg

Ihre Teamkolleginnen lassen Kim Bui hochleben.

(Foto: IMAGO/Chai v.d. Laage)

Der große Coup ist perfekt: Die deutschen Turnerinnen gewinnen Bronze im Team. Erstmals überhaupt. Für die "Turn-Oma" Kim Bui ist es ein besonders emotionaler Tag. Es ist der letzte Team-Wettkampf der 33-Jährigen, die ihre Karriere beendet. Die "Bui-Bande" liefert voll ab.

Plötzlich fließen die Tränen. Kim Bui versucht sie noch zu unterdrücken, aber Elisabeth Seitz neben ihr schluchzt schon und kann nicht mehr an sich halten. Vor versammelter Presse liegen sich die beiden Turnerinnen in der Mixed Zone der Münchner Olympiahalle in den Armen. Auch die anderen drei Turnerinnen des Teams, Sarah Voss, Pauline Schäfer-Betz und Emma Malewski, stehen die Tränen in den Augen. Es ist ein kurzer Moment der Trauer an einem so tollen und erfolgreichen Tag. Historisches Bronze haben die deutschen Frauen im Team bei der Europameisterschaft gewonnen, die erste Medaille überhaupt für ein Frauen-Team in der Geschichte des deutschen Turnens.

Doch Seitz und Bui werden in diesem Moment der puren Freude und Euphorie daran erinnert, dass sie nie wieder gemeinsam turnen werden. Bui tritt ab, mit 33 Jahren macht sie Schluss mit dem Hochleistungssport, komplett, auch in der Bundesliga. Bei der MTV Stuttgart verliert Seitz damit ebenfalls ihre Teamkollegin im Verein. "Jetzt machen wir das erstmal morgen", spricht Seitz ihr letztes gemeinsames Finale am Stufenbarren an, für das sich beide qualifizieren konnten. "Dann bin ich erstmal ein paar Tage im Urlaub und dann komme ich zurück und dann kommt das große Erwachen. Keine Ahnung. Ich komme auf jeden Fall in die Halle und dann sitzt Kimi nicht mehr da", so Seitz unter Tränen.

Bui versucht ihre Freundin zu trösten: "Ich werde natürlich auch die Elli mal besuchen kommen." Und verspricht: "Ich werde der Turnwelt natürlich irgendwie treu bleiben." Nächstes Jahr im März wird ihre Biografie erscheinen, gibt sie zudem bekannt.

17 Jahre Nationalmannschaft

Ihr Leben, es ist das einer Vollblutturnerin, deren Horizont längst nicht am Ausgang der Turnhalle endet. Die Tochter einer Vietnamesin und eines Laoten, die in Tübingen geboren wurde, machte 2020 ihren Master an der Uni Stuttgart. Am Institut für Zellbiologie forschte sie in der Krebstherapie, entwickelte dort spezielle Aminosäuren, die Krebszellen zum Absterben bringen. Dazu absolvierte sie auch schon mal ein Praktikum in einem Medizintechnik-Unternehmen und spezialisierte sich dort auf Verfahren zur Reinigung von Blut. Dazu turnte sie Sage und Schreibe 17 Jahre in der deutschen Nationalmannschaft.

Bei ihrer ersten WM-Teilnahme 2005 in Melbourne war ihre aktuelle Teamkollegin Malewski gerade mal ein Jahr alt. Nun stehen sie in München gemeinsam auf dem Podest, die Medaillen um den Hals, die sie auch in der Mixed Zone immer wieder ungläubig in die Hand nehmen und anschauen, dabei die Köpfe schütteln und sich angrinsen. Nicht alle Teammitglieder der selbsternannten "Bui-Bande" turnen an allen vier Geräten, drei der fünf sind jeweils in Aktion. Bui aber ist in ihrem letzten Teamwettkampf noch einmal richtig gefordert, geht an den Stufenbarren, turnt am Boden und am Sprung. Alle drei Aufgaben meistert sie gekonnt.

Nach ihrer Bodenübung gibt es gar Standing Ovations vom Publikum, den lautstarken Jubel nimmt die zurückhaltende 33-Jährige mit freudigem Winken entgegen, bleibt sich aber treu und eher leise, während Voss das Publikum nochmal anpeitscht. Am Sprung, dem letzten Gerät für die deutsche Riege, bricht es dann für ihre Verhältnisse aus Bui heraus, sie wirft die Arme jubelnd in die Höhe, es ist fast schon ein Gefühlsausbruch.

Supersprung von Voss nährt Medaillenhoffnungen

Anschließend müssen sie warten, ob es für eine Medaille reicht. Weil sie als letzte am Sprung geturnt haben und die Übung am schnellsten zu Ende ist, müssen sie gefühlte Ewigkeiten ausharren. Die fünf Frauen halten sich in den Armen, nesteln nervös an ihren Frisuren, plaudern mit den Trainern, beglückwünschen sich mit anderen Teams, halten die Spannung sichtbar kaum aus. Dabei dürfen sie völlig zu Recht hoffen. Denn der finale Sprung von Sarah Voss ist nicht nur irre gut geturnt, sondern hat mit einer 5,0 auch eine sehr hohe Ausgangswertung, entsprechend hoch ist die Punktzahl, die für ihren Sprung in die Wertung eingeht. Ab da kam der "Gedanke, dass es gereicht hat", sagt die 18-jährige Malewski, die an den ersten zwei Geräten - Stufenbarren und Schwebebalken - gefordert ist und danach lange Pause hat.

Sie stehen also da in ihren blau-glitzernden kurzen Anzügen ohne Bein, die sie heute als Teamkleidung gewählt haben. Den Unitard, nicht den Leotard, mit dem sie das Turnen revolutioniert haben. "Es geht darum, sich wohl zu fühlen. Wir wollen zeigen, dass Frau, jeder selbst entscheiden soll, was er anzieht", hatte Seitz im vergangenen Jahr erklärt, als die Deutschen bei der EM erstmals überhaupt mit einem Anzug mit langen Beinen an den Start gegangen waren. Sie hatten damit weltweit Aufmerksamkeit bekommen - und viel Applaus. "Deutschlands Turnerinnen haben sich gegen die Sexualisierung des Sports ausgesprochen, indem sie bei den Olympischen Spielen in Tokio Einteiler trugen statt der traditionellen Bikini-Trikots", hatte das US-Magazin "People" geschrieben.

"Es ist eine Entscheidung von Tag zu Tag. Es kommt darauf an, wie wir uns fühlen und was wir wollen. Wir entscheiden am Wettkampftag, was wir anziehen", hatte Seitz schon während der Olympischen Spiele erklärt. An diesem Samstag in München fühlten sie sich in kurz besser - und zeigten einen starken Auftritt, während die Konkurrentinnen, etwa aus Frankreich, strauchelten.

"Sie ist fantastisch"

Für Kim Bui ist es die zweite EM-Medaille, schon 2011 gewann sie Bronze, damals im Einzel am Stufenbarren. Teilgenommen hat sie noch viel öfter, elf Europameisterschaften hat sie geturnt, acht Weltmeisterschaften, war 2012, 2016 und 2021 bei den Olympischen Spielen, verpasste die Teilnahme 2008 um gerade einmal 0,001 Punkte und musste als Ersatzturnerin der Deutschen zusehen. Nicht einmal von Kreuzbandrissen 2010 (links) und 2015 (rechts) ließ sie sich von ihrem Sport abhalten.

Als langjährige Athletensprecherin setzte sie sich für die Belange ihres Sports ein, für ihre Teamkolleginnen und -kollegen. Wie etwa im Turn-Skandal von Chemnitz, den Schäfer-Betz 2020 öffentlich gemacht hatte. Es geht um psychische Gewalt, Machtmissbrauch und unerlaubte Verabreichung von Medikamenten. Um Injektionen von Spritzen mit unbekanntem Inhalt, um Vorwürfe von Übergewicht und darauf folgende Essstörungen, die Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse muss gehen. 2021 spricht Bui vor dem Sportausschuss des Bundestages, lobt die Aufdeckung des Skandals und hofft öffentlich, dass Kinder und Jugendliche in Zukunft früher den Mut haben, solche Missstände sofort öffentlich zu machen und nicht jahrelang zu ertragen.

"Ich bin bezeichnenderweise nicht so erschüttert über die Vorfälle wie manch ein Außenstehender, weil sie leider Teil unserer Turn-Realität sind", sagte sie und sprach von einem "System, das gravierende Verfehlungen von Verantwortlichen deckt, damit sportliche Ziele erreicht werden können". Ihr erschütterndes Fazit im vergangenen Jahr: "Chemnitz scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein."

Mehr zum Thema

Sie hat alles erlebt im Turnen, nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Seiten des Turnens. "Sie ist fantastisch", lobt der neue Cheftrainer der Frauen, Gerben Wiersma. Der Niederländer lobt die Professionalität seiner ältesten Turnerin. "Ich bin auf der einen Seite total glücklich für sie, dass sie sich entschieden hat, aufzuhören. Denn es ist großartig, dass eine Turnerin selbst entscheiden kann, wann sie aufhört. Auf der anderen Seite als Bundestrainer ist sie für mich immer noch das große Vorbild für andere Turnerinnen und sie liefert immer noch fantastische Punktzahlen. Also habe ich gemischte Gefühle." Niemand aber habe versucht, sie vom Karriereende abzuhalten, so Bui, die sich für diesen Respekt bei den Trainerinnen und Trainern bedankt.

Denn es steht fest: Die "Grande Dame" tritt ab. Mit einer Medaille, einer verbandshistorischen noch dazu. Vor heimischem Publikum in München, das sie ekstatisch mit Standing Ovations feiert. Es ist ein perfektes Ende. Doch es ist nicht das Ende. "Die Bui-Bande lebt weiter", sagt Schäfer-Betz.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen