Sport
König gegen Wundertüte: Das WM-Duell zwischen Titelverteidiger Carlsen und Herausforderer Caruana wird "wirklich wieder ein echter Höhepunkt".
König gegen Wundertüte: Das WM-Duell zwischen Titelverteidiger Carlsen und Herausforderer Caruana wird "wirklich wieder ein echter Höhepunkt".(Foto: imago/ZUMA Press)
Freitag, 09. November 2018

Schach-König Carlsen vor WM-Gau?: "Caruana kann am Brett explodieren"

Seit 2011 beherrscht "König" Magnus Carlsen nahezu unangefochten die Schachwelt, seit 2013 ist er Weltmeister. Im WM-Duell gegen "Wundertüte" Fabiano Caruana könnte die Dominanz des Norwegers enden, prophezeit Schach-Experte Frank Neumann vor dem Start der Weltmeisterschaft (ab 16 Uhr im n-tv.de Liveticker) in London.

2016 eröffnete Carlsen die Schach-WM spektakulär, mit der selten gespielten Trompowsky-Eröffnung. Und diesmal?
2016 eröffnete Carlsen die Schach-WM spektakulär, mit der selten gespielten Trompowsky-Eröffnung. Und diesmal?

Er prophezeit einen historischen "Kampf der Kämpfe", der über die wahre Nr. 1 entscheiden wird und sagt: "Genau deswegen sind wir ja alle so elektrisiert." Im Interview mit n-tv.de erklärt er, warum der WM-Kampf weltweit für Schach-Euphorie sorgt, wieso eine Niederlage für Carlsen der größte anzunehmende Schach-Unfall wäre - und wieso das hoch riskante "Prinzip Cuarana" nicht nur Carlsen stoppen, sondern den Schachsport kulturell verändern könnte.

n-tv.de: 2016 begann die Schach-WM mit einem ziemlichen Paukenschlag, der inzwischen legendären Trompowsky-Eröffnung. Worauf dürfen sich die Fans diesmal freuen?

Frank Neumann: Diesmal vermute ich, dass es erstmal ein Belauern geben wird, nicht sofort Spektakel.

Warum?

Bei Carlsen gegen Caruana haben wir ganz andere Vorzeichen als 2016. Es gab noch nie in der Schach-Geschichte einen WM-Kampf, bei dem die Elo-Zahlen so dicht beieinander sind. Carlsen liegt bei 2835, Caruana bei 2832. Das spricht dafür, dass beide nicht gleich am Anfang irgendetwas Spektakuläres auspacken, sondern es erstmal ein vorsichtiges Abtasten gibt. Natürlich kann man auch aus einer hunderttausendfach gespielten Eröffnung irgendwann mal in ein Fahrwasser kommen, wo dann der Gegner überrascht wird. Dass es gleich zu Beginn so sein wird, erwarte ich aber nicht.

Drei Punkte Differenz in der Weltrangliste sind ein Wimpernschlag. Allerdings wissen wir aus anderen Sportarten: Das Ranking ist nicht immer ein guter Spiegel für die Kräfteverhältnisse. Wie sieht es beim Schach aus?

Frank Neumann (54) berät das Präsidium des Schachbundes NRW und ist Vermarktungsbeauftragter der Schachbundesliga. Bis 2017 war er Sprecher des Deutschen Schachbundes.
Frank Neumann (54) berät das Präsidium des Schachbundes NRW und ist Vermarktungsbeauftragter der Schachbundesliga. Bis 2017 war er Sprecher des Deutschen Schachbundes.

Diese Argumentation, dass die Rangliste nicht die tatsächlichen Kräfteverhältnisse ausdrückt, galt im Schach vielleicht vor einigen Jahren noch. Neuerdings können Sie beobachten: die Formkurven werden durch die hohen Spielfrequenzen immer wichtiger. Im Turnierzirkus finden derzeit sechs- bis achtwöchentlich Großereignisse statt. Alleine schon deswegen würde ich sagen, dass die Weltrangliste die wahren Kräfteverhältnisse zeigt. Es hat kein Lewon Aronian, kein Viswanathan Anand, auch kein Şəhriyar Mamedvarov trotz eines starken Jahres nur den Hauch einer Chance auf Position 1 oder 2 gehabt. Das war 2018 - und ich würde prognostizieren auch in den nächsten Jahren - eine Sache zwischen Carlsen und Caruana.

Der Modus der Schach-WM

Gespielt werden maximal zwölf Partien, wobei das Eröffnungsrecht jeweils wechselt. Alle drei Tage steht ein Ruhetag an. Für einen Sieg gibt es einen Punkt, bei Remis erhalten beide Kontrahenten jeweils einen halben Zähler. Erreicht ein Spieler vorzeitig 6,5 Zähler, ist das Duell beendet. Bei Gleichstand nach dem zwölften Spiel wird, wie bei der WM 2016 zwischen Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin, ein Tiebreak mit verkürzter Spielzeit gespielt.

Bei der WM 2016 haben Sie gesagt: Für Carlsen spricht im Vergleich zu Karjakin seine unglaubliche Stabilität im Angriffsschach und dass er mit einem Entwurf Schach spielt, der viel auf Intuition setzt, von gängigen Varianten abweicht. Ist das ein Stilmittel, das wir auch gegen Caruana erwarten können?

Diese Spielweise ist zu vergleichen mit dem Fußball, wo mittlerweile Reihen hin- und hergeschoben werden, aus Dreier- werden Fünferketten, wo die Taktik dynamisch im Spiel oder in der Halbzeit verändert wird. Auf die Schach-WM übertragen heißt das für Carlsen: Ich muss vielleicht auch mal realisieren, dass es in einem WM-Kampf ein bisschen anders zugeht, wenn mein Gegner Caruana heißt. Wenn man den Amerikaner und Karjakin vergleicht, war bei Karjakin die Defensive ziemlich voraussehbar.

Und bei Caruana?

Da weiß man es nicht. Caruana hat in diesem Jahr ganz, ganz stark überrascht. Er kann explodieren am Brett, das ist wirklich so. Er hat irgendwann mal Carlsens Stil kopiert, ist in einer bekannten Variante plötzlich völlig abgewichen. Aber er bleibt dabei - anders als andere - sachlich und spielt das konsequent weiter. Man merkt förmlich, dahinter steht ein kalkuliertes Risiko. Das ist das Faszinierende bei Caruana, wo alle hoffen, dass wir das auch in London sehen werden. Bekannte Varianten, aber dann doch eine Abweichung. Ich denke, da wird sich jetzt die wahre Nr. 1 zeigen.

Also untertreibt Carlsen nicht, wenn er sagt: Diese WM ist "das wahre Duell"?

Datenschutz

Carlsen hat zur Bedeutung der WM für ihn sinngemäß gesagt, er könnte auch eine politisch korrekte Antwort geben: Aber tatsächlich hätte er vor allem Angst zu verlieren, weil er dann erstmals seit 2011 nicht mehr die Nummer eins der Welt ist. 2016 wäre er wohl auch mit einer Niederlage gegen Karjakin die Nummer eins geblieben - das würde sich jetzt ändern. Deswegen gibt es jetzt quasi weltweit diese Euphorie und alle sagen: Das ist der Kampf der Kämpfe der letzten Jahre, wirklich wieder ein echter Höhepunkt. Wir haben das erste Mal seit 1972 endlich wieder einen Amerikaner im Titelkampf. Wir haben eine Konstellation, wie sie interessanter nicht sein kann. Denn man muss gewinnen um Weltmeister zu werden. Und der Sieger ist dann auch wirklich die Nr. 1 der Welt – was übrigens auch Caruana entsprechend pusht.

Rein statistisch scheint Caruana chancenlos. Er hat seit drei Jahren im klassischen Turnierschach nicht gegen Carlsen gewonnen.

Genau deswegen sind wir ja alle so elektrisiert und sagen: Wie kann er denn dann im WM-Kampf im Duell siegen? Aber andererseits ist Caruana eben auch diese "Wundertüte" und es sagen auch alle: Mensch, der ist immer besser geworden, der hat diese teilweise ja riskante Spielweise so perfektioniert und war damit in den letzten drei großen Turnieren sehr, sehr erfolgreich.

Was genau macht Caruana zur "Wundertüte", wie Sie es nennen?

Er kann in der klassischen Partie mit Schwarz und mit Weiß während eines ganzen Turniers Varianten spielen, die man hier und da und dort schon einmal gesehen hat. Und plötzlich weicht er in der vierten von sieben Partien vom Kurs komplett ab. Im Schach sind Begriffe wie "Wundertüte" natürlich immer zu relativieren, es ist ja an und für sich ein ruhiges Spiel, da gibt es am Brett keine Revolution. Aber Caruana überrascht insoweit, als er nach dem Urteil vieler Großmeister selbst dann auf Sieg spielt, wenn für den Turniererfolg ein Remis reichen würde. Das macht sonst keiner.

Ist diese Spielweise nur riskant - oder souverän?

Caruana will das Spiel im klassischen Bereich mit klassischen Regeln kulturell weiterentwickeln. Und dazu gehört auch, dass ich mit mehr Risiko in einem 16., 17. Zug einen Punkt setze, wo ich einfach mal etwas erprobe - natürlich wohlkalkuliert, nicht völlig irre. Das Prinzip Caruana beruht darauf, dass er an der Stelle 15 Züge weiterdenkt, und zwar in seiner Variante. Er erzwingt dann quasi den Sieg, der andere kann aus seiner Sicht machen, was er will. Als Gegner stehen Sie dann quasi wie vor einer Wand und haben plötzlich gar keine Chance mehr. Nach meiner festen Überzeugung ist es eine kulturelle Weiterentwicklung des Schachs, denn er zieht diese Überraschung dann auch richtig durch.

Es klingt beeindruckend, wie Sie das beschreiben. Aber Caruana trifft bei der WM nicht auf irgendjemanden, sondern den dominierenden Schachspieler seit 2011, die Nr. 1, den Weltmeister mit WM-Erfahrung. Kann dieses Caruana-Prinzip auch gegen Carlsen funktionieren?

Der Punkt bei Carlsen ist: Er ist schon so lange da oben und scheint sich jetzt die Frage zu stellen: Kann ich mich hier halten? Das fragen Sie nicht, wenn Sie glauben, dass Sie alles im Griff haben. Dass Sie jeden, der kommt, besiegen können. Mit Caruana ist das erste Mal seit langen Jahren ein Herausforderer da, den Carlsen nicht nur wertschätzt, sondern nach meiner festen Überzeugung fürchtet, gerade weil Caruana aktuell so stark spielt. Man sagt ja, dass Form durchaus mitunter Klasse schlagen kann. Bei Caruana kommt aber beides zusammen, hier haben Sie Form und Klasse. Und das ist immer gefährlich. All das spricht momentan für Caruana. Ich glaube: Das Prinzip kann und wird funktionieren.

Auch Carlsen kann auf ein starkes Jahr zurückblicken.

Er hat in diesem Jahr stark gespielt, keine Frage. Die leisen Zweifel an Carlsens erfolgreicher Titelverteidigung speisen sich auch aus den Reaktionen nach dem WM-Kampf gegen Karjakin 2016. Danach hatte er ein kleines Loch, es gab Spekulationen, viel Privates. Die Aura, der eher jungenhafte Charme des Weltmeisters waren plötzlich weg, man sagte: Sein Spiel ist ja irgendwie blass geworden. Damit zitiere ich jetzt mal einige sogenannte Experten aus der ersten Jahreshälfte 2017. Und daraus speisen sich die leisen Zweifel immer noch.

Vielleicht auch daraus, dass Carlsen bei den Weltmeisterschaften 2014 und 2016 dafür kritisiert wurde, nicht sein bestes Schach gespielt zu haben, sondern teils gar "katastrophal"?

Vom Weltmeister wird ja immer das Außergewöhnliche verlangt, an ihn werden immer größere Anforderungen gestellt, von Medien, Sponsoren, das ist auch bei Carlsen so. Bei einem Pubertierenden würde man sagen, er wird jetzt erwachsen. Seine Spielweise erinnerte zuletzt sehr an Computerschach, also sehr mechanisches Spiel. Das war man von ihm so nicht gewohnt, deshalb wurden Begriffe wie "katastrophal" ins Spiel gebracht. In Carlsens Umfeld wird im Moment aber spekuliert, dass die Herausforderung in ihm noch einmal Energie freisetzen kann. Möglicherweise ist genau jetzt Caruana für ihn genau der richtige Gegner, um ihn wieder in die Genialität zwischen 16 und 19 zurückzubringen. Das haben Sie im Schach sehr häufig: dass Spieler besser werden, weil ihr Gegenüber die große Herausforderung ist.

Wie lauten also Ihre Prognosen: Wer wird neuer Weltmeister …

Ich tippe darauf, dass diese schlangenartige Spielweise von Caruana, dieses Erzwingen am Brett, tatsächlich ab der siebten Partie richtig spannend wird und sich das Duell bis Partie neun entscheiden wird. In der siebten, achten, neunten Partie werden wir die ersten Highlights sehen. Es wird interessant sein, wie es Carlsen gelingt, eine Überraschung zu kontern. Aber am Ende wird Caruana gewinnen.

und wo wird sich dieses "wahre WM-Duell" zwischen Carlsen und Caruana am Ende in der Schach-Historie einreihen?

Dieser WM-Kampf selber wird schon alleine deshalb in die Geschichte eingehen, weil er ganz sicher zum neuen Aufbruch im Weltschach führen wird. Wir haben mit Arkady Dvorkovich im Weltverband Fide einen neuen Präsidenten - der Mann, der sich von Aliens entführt fühlte, ist es ja Gott sei Dank nicht mehr. Wir haben das erste Mal seit 1972 einen Amerikaner im WM-Turnier, wir haben einen Kampf um die Spitze und wir haben wirklich zwei Menschen, die sich auch für Laienspieler sehr gut als Idol eignen und vielleicht in zwei Jahren wieder am Brett sitzen könnten. Das ist auch etwas, was die Fangemeinde sehen will: dass sich WM-Kämpfe wie früher als echte Revanchen abspielen.

Mit Frank Neumann sprachen Tobias Nordmann und Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de