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"Insgesamt gewaltige Aufgaben" Chaos und Kosten lähmen Tokios Olympia

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Alle Wettkampfstätten in Tokio sind bereit - aber eben nur für dieses Jahr.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Die Olympischen Spiele in Tokio verschlingen ohnehin bereits Milliardensummen. Die Verschiebung ins kommende Jahr lässt die Kosten weiter explodieren. Zudem ist völlig unklar, wie die Organisatoren ihre vielen, gewaltigen Aufgaben bewältigen wollen.

Knapp zwölf Milliarden Euro sollten die Olympischen Spiele in diesem Jahr offiziell kosten. Doch das Sportereignis ist wohl bereits signifikant teurer. Der National Audit Board Japans, der unabhängige Prüfungsausschuss für Staatsausgaben, schätzt: mehr als doppelt so teuer. Und nun kommt es aufgrund der Verschiebung wegen der Coronavirus-Pandemie noch dicker. Erst am 23. Juli 2021 findet die Eröffnungsfeier nun statt - ein Jahr, das auch massive zusätzliche Kosten bedeutet.

"Wir gehen davon aus, dass die zusätzlichen Kosten sehr hoch sein werden", sagte Geschäftsführer Toshiro Muto vom Organisationskomitee, ohne genaue Zahlen zu nennen. Katshuhiro Miyamoto wird da schon konkreter: 5,4 Milliarden Euro kommen obendrauf - für dieses eine Jahr. Das prognostiziert der emeritierte Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Kansai-Universität, der die wirtschaftlichen Auswirkungen der Olympischen Spiele untersucht, laut der Nachrichtenagentur Reuters. Der größte Teil der zusätzlichen Kosten - seinen Berechnungen nach etwa 3,5 Milliarden Euro - entstehe durch die Instandhaltung der Sportstätten, den Nachdruck von Marketingartikeln sowie der Einstellung neuer Volunteers, die erst durch ihre Arbeit die Olympischen Spiele möglich machen. Viele der 3500 Mitarbeiter in der Organisation sind zudem über Zeitarbeitsverträge angestellt - fraglich, ob diese einfach alle ihre Jobs verlängern können oder nicht längst woanders eingesetzt sind.

Gelten Sponsorenverträge weiter?

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Auch die Athletenunterkunft birgt ein großes Problem.

(Foto: imago images/Kyodo News)

Von der Wirtschaft müssen immer noch zwei Milliarden Euro gestemmt werden. Unter anderem von Sponsoren, die eine Rekordsumme von etwa 2,7 Milliarden Euro gezahlt hatten, um bei und mit den Olympischen Spielen werben zu dürfen. Die nun zusätzlich im Unklaren darüber gelassen werden, ob ihre Verträge, die nur für das eine Olympia-Jahr abgeschlossen wurden, auch 2021 noch gelten. "Wir müssen darüber verhandeln, ob unser derzeitiger Vertrag verlängert werden kann oder mit zusätzlichen Kosten neu unterzeichnet werden muss", sagte ein Vertreter eines Sponsors laut Reuters. "Es ist noch nicht einmal klar, ob wir die Rechte weiter nutzen können oder nicht."

Dazu kommt für die Sponsoren die Frage, wie sie weiter für Aufmerksamkeit sorgen können. Ihre gezielte Werbung für Olympia verpufft mit einem Mal, neue Kampagnen kosten frisches Geld. "Und das in einer Situation, in der viele Unternehmen wirtschaftlich unter Druck geraten und unter Umständen nicht mehr die ursprünglich eingeplanten Gelder zur Verfügung haben", wie Marketing-Experte Dennis Trautwein, der für die weltweit tätige Beratungsagentur Octagon ein Büro in Tokio aufbaute, dem SID sagte.

Sind alle Veranstaltungsorte frei?

All diese großen und noch größeren Probleme lösen soll die vom Internationalen Olympischen Komitee eingesetzte Task Force mit dem optimistischen Namen "Here we go" ("Auf geht's"). Thomas Weikert, der Präsident des Internationalen Tischtennis-Verbandes (ITTF), räumte bereits ein: "Es sind insgesamt sicherlich gewaltige Aufgaben." Er gibt sich aber optimistisch: "Ich vertraue dem IOC. Die Olympischen Spiele waren bislang immer sehr gut organisiert." Nun steht sechs Tage nach der Verschiebung immerhin schon der neue Termin.

Ob das hilft, scheint derzeit völlig offen, zu viele Themenkomplexe sind nicht geklärt. Etwa, ob alle Veranstaltungsorte verfügbar sind. Die Ausstellungshalle Tokyo Big Sight war als Medienzentrum gebucht - aber eben nur für den Sommer 2020. Für das kommende Jahr seien bereits viele Termine ausgebucht, sagte eine Sprecherin gegenüber Reuters. Extra für die Olympischen Spiele könne kein Platz geschaffen werden: "Es muss das eine oder das andere sein." Ein Baseball-Stadion der Stadt sollte als Aufbewahrungsort für Ausrüstung der Organisatoren genutzt werden, ein weiteres sollte Austragungsort der Baseball-Wettbewerbe sein. Beide Teams wollten ausweichen, aber ob das auch im kommenden Jahr klappt?

Eines der größten Probleme könnte das Olympische Dorf bieten. Die Appartements werden zu Luxuswohnungen umgebaut, viele davon sind bereits verkauft. 2023 sollen die ersten Bewohner einziehen. Doch das Dorf soll während der Spiele etwa 10.000 Sportler beheimaten, die nicht mal eben irgendwo anders untergebracht werden können. Die Käufer aber können auch nicht verprellt werden - bislang gibt es offenbar keine Entscheidung. Gegenüber Reuters sagte eine Frau, die zusammen mit ihrem Mann eine Wohnung gekauft hat: "Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was passieren wird." Und weiter: "Es wäre beunruhigend, wenn das Olympische Dorf über einen längeren Zeitraum ohne unsere Zustimmung genutzt würde." Für die beiden gibt es jedoch eine schlechte Prognose: Der Verkauf und die Besichtigung der Wohnungen ist bis auf Weiteres ausgesetzt, heißt es von der Immobilienfirma Mitsui Fudosan Residental.

"Kein Versicherungsschutz gegeben"

Besonders bitter: Alles deutet darauf hin, dass das Gastgeberland nicht für den Fall einer Pandemie versichert gewesen ist. Es liege "die Vermutung nahe, dass man aus Gründen der Vernunft freiwillig verschoben hat", sagte der renommierte Düsseldorfer Spezialanwalt Mark Wilhelm dem SID. Sollte dies zutreffen, "ist auch kein Versicherungsschutz gegeben". Durch die Einstufung der Coronavirus-Krise als Pandemie werden bei der Absage von (Sport-)Veranstaltungen aller Voraussicht nach ohnehin keine Versicherungen einspringen, so Wilhelm. "Das kann man versichern, das hat nur keiner gemacht, weil niemand daran gedacht hat, dass so etwas jemals passieren könnte." Dieses Versicherungsdilemma ist laut Wilhelm auch das Hindernis für eine frühzeitige Absage: "Deswegen gab es auch wochenlang so eine Art Pattsituation: Wer sich als Erster bewegt, der zahlt." Offiziell trat am Ende die japanische Regierung mit dem Wunsch nach einer Verschiebung an das IOC heran. Tokios Gouverneurin Yuriko Koike hat bereits beim IOC eine Beteiligung an den zusätzlichen Kosten erbeten.

Bei all diesen Ungereimtheiten, gerät das Ticket-Problem schon fast in den Hintergrund. 4,5 Millionen Karten waren für die Sportveranstaltungen verkauft. Bleiben sie gültig, wie es in Medienberichten heißt? Oder ist es eher wie Pessimisten befürchten und die Ticketinhaber bleiben auf ihren Kosten sitzen? Offiziell, heißt es von den Organisatoren, ist noch nichts entschieden. Eine Regelung dazu dürfte auch Tokios Hoteliers brennend interessieren. "Der Umsatzrückgang, den wir beobachten, ist brutal", so der Präsident des Ryokan- und Hotelverbandes, Shigeki Kitahara. Für sanfte Worte ist da kein Platz mehr: "Das ist ein echter Tritt in die Eier", sagte er laut Reuters.

Quelle: ntv.de