Sport

Eine rührende Super-Bowl-Story Dank Brady bekommt Arians, was er verdient

imago1000605936h.jpg

Bruce Arians steht vor der Krönung eines langen Football-Lebens.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Bruce Arians ist seit 1975 Football-Trainer. Doch er musste 68 Jahre alt werden, um erstmals als Chef den Super Bowl zu erreichen. Und das als Risikopatient in Covid-Zeiten. Nun gibt es berechtigte Hoffnung, dass Quarterback Tom Brady ein besonderes Football-Leben krönt.

Bruce Arians könnte ein ruhiges Leben führen. Ein Leben ohne Stress, ohne Rampenlicht und ohne eine Sieben-Tage-Arbeits-Woche. Er ist 68 Jahre alt. Bestes Rentenalter. Arians könnte sich den Ruhestand leisten, muss nicht mehr arbeiten, denn er hat in seinen 46 Jahren als Trainer am College und in der National Football League genug verdient, um sich mit Ehefrau Christine einen netten Lebensabend zu machen.

"Er könnte daheim im Schaukelstuhl sitzen", sagt seine bessere Hälfte gegenüber der "Tampa Bay Times". Doch das macht dieser Bruce Charles Arians nicht. Das will er gar nicht. Er möchte auch nicht mit Gleichaltrigen Golf spielen oder etwas tun, das man halt sonst so als finanziell wohl gestellter Rentner machen kann. Nein, der kräftig gebaute Mann mit der Schiebermütze steht heute Nacht dort, wo er immer noch am liebsten steht: am Spielfeldrand eines NFL-Feldes. "Wenn ich seine Begeisterung höre, ach, das ist doch viel besser, als daheim zu sein", hat Christine Arians mittlerweile eingesehen.

68 Jahre und 127 Tage Warten

Obwohl ihr Bruce schon so viele Spiele von der Seitenlinie aus verfolgt hat, ist die heutige Partie eine ganz besondere - für ihn und seine Tampa Bay Buccaneers. Die haben es als erster Gastgeber in einen Super Bowl geschafft und könnten gegen Titelverteidiger Kansas City Chiefs erstmals seit 2003 Meister werden. Für Arians besteht die Eigenart dieses 55. NFL-Endspiels darin, dass er erstmals als Cheftrainer dabei ist. Auf diese Premiere musste er 68 Jahre und 127 Tage warten - so lange wie kein anderer Head Coach vor ihm.

Nun ist, das muss dazugesagt werden, so ein Super Bowl für Arians nicht ganz neu. Mit den Pittsburgh Steelers hatte er 2006 und 2009 jeweils das Saison-Finale erreicht - und beide Spiele gewonnen. Doch damals war Arians nur einer von so vielen Trainern, die in einem NFL-Team für einen bestimmten Mannschaftsteil verantwortlich sind. 2006 hatte er die Wide Receiver unter sich, beim Titel 2009 arbeitete er als Offensive Coordinator.

Kurz vor 60. Geburtstag erstmals Cheftrainer

Dass es für ihn so lange dauerte, bis er sein eigenes Team im Super Bowl coachen kann, passt irgendwie zu seiner Trainer-Karriere, in der Arians immer etwas geduldiger auf seine Chance warten musste, als andere. Privat ging es schneller, da heiratete er seine Jungendliebe Christine bereits, als er gerade 19 Jahre jung war. Seinen ersten NFL-Chefposten bekam er hingegen erst zwei Tage vor seinem 60. Geburtstag, 2012 bei den Indianapolis Colts. Und es war ein zufälliges Engagement. Arians war, wie zuvor schon bei vielen anderen Teams, als Offensive Coordinator tätig, als Head Coach Chuck Pagano mit Leukämie mehrere Wochen ausfiel.

Arians übernahm die Colts mit einer Bilanz von 1:2 Siegen. Als Pagano kurz vor Weihnachten zurückkam, hatten sie zehn Siege und fünf Niederlagen. Arians hatte neun seiner zwölf Partien gewonnen. So viele Siege waren noch nie einem NFL-Interims-Trainer gelungen. Und es war bis 2012 noch nie ein "Aushilfs-Coach" Trainer des Jahres geworden - dann kam Bruce Arians.

"Kein Risiko, keine Belohnung"

Sein erfolgreiches Intermezzo in Indianapolis öffnete ihm die Türen bei den Arizona Cardinals. Arians unterschrieb für vier Jahre und konnte endlich ein Team nach seinen Vorstellungen aufbauen. Die erste Saison endete mit 10:6-Siegen. In der zweiten Saison erreichte Arizona die K.-o.-Runde und Arians wurde erneut "Trainer des Jahres". Und weitere zwölf Monate später standen die Cardinals gar im Playoff-Halbfinale.

Arians ist ein Coach, der gerne etwas wagt, der offensiven Football liebt. "Wenn du für ihn spielst, siehst du einfach, dass er Mumm hat", sagt der damalige Cardinals-Quarterback Carson Palmer. Arians' Philosophie könnte auch in Werbefilmchen für schnelle Autos oder schrille Klamotten auftauchen. "Kein Risiko, keine Belohnung. Du kannst nicht in Angst leben."

Mehrmals an Krebs erkrankt

Das mag etwas plump klingen. Doch Arians ist sprichwörtlich das lebende Beispiel für sein Credo. Mehrere Male wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. 2007 in der Prostata, 2013 auf der Haut und 2016 sowie 2017 jeweils in den Nieren. Er pausierte immer kurz, kam aber stets zurück. Als er 2017 die Cardinals trotz eines gültigen Vertrages verließ, habe er das seiner Frau zuliebe getan, so Arians. Sie hatte ihn 46 Jahre überall hin begleitet und einfach keine Lust mehr. Doch Christine Arians merkte bald, dass ihr Ehemann einfach nicht loslassen konnte vom Football. 2019 war Bruce Arians zurück - als Trainer der Tampa Bay Buccaneers.

Aufgrund seines Alters und seiner gesundheitlichen Historie zählt er zur Corona-Risikogruppe. Die NFL hatte Spielern und Trainern im Sommer freigestellt, ob sie die Saison spielen, oder aus Sorge um ihre Gesundheit lieber aussetzen wollen. Mehr als 60 Profis nahmen das Angebot an. Arians lehnte ab. "Ich muss sehr vorsichtig sein. Aber ich habe einen Plan. Ich muss ihn nur einhalten", betonte er. Seitdem lebt Arians täglich vor, wie ernst es ihm ist. Er trägt Maske und dazu noch einen Gesichtsschutz.

Dank Brady plötzlich Titelchancen

Warum all das? Nun, in Tampa hat sich einiges getan. Im März hatte Tom Brady nach 19 Jahren, neun Super Bowl-Teilnahmen und sechs Super Bowl-Siegen die New England Patriots verlassen und ausgerechnet bei den Buccaneers eine neue Herausforderung gesucht. Einen Monat später holte der Verein mit Tight End Rob Gronkowski Bradys ehemaligen Patriots-Kumpel aus der Football-Rente. Die "Bucs", die seit 2008 nicht mehr die Playoffs erreicht hatten, wurden plötzlich zum erweiterten Kreis der Titelanwärter gezählt.

Und nun, im Februar 2021, steht der Verein tatsächlich im Endspiel. "Von allen Jahren in meiner Trainerkarriere hat sich diese Saison am meisten gelohnt", sagt Arians. Wie das Team mit jedem Spiel Fortschritte gemacht habe, wie es immer mehr zusammengewachsen sei und dann in den Playoffs als gefestigte Einheit auftrat - für all das, so Arians, sei er "sehr, sehr dankbar."

"Wenn ich am Spieltag sterbe, trinkt einen auf mich"

Ein Grund für den Erfolg ist, dass Arians Brady seine Freiheiten gibt. Der Coach weiß, dass der Quarterback der große Star ist - und hat damit keine Probleme. "Wir haben ehrliche und offene Dialoge darüber, was wir denken, und vor allem, wie ich am effektivsten sein kann", sagt Brady. In New England war das für ihn noch anders. Dort ordnet Trainer Bill Belichick alles dem Teamerfolg unter. Sonderwünsche gibt es für die Spieler nicht. So hat Belichick eine beeindruckende Dynastie aufgebaut. Allerdings hat er mit diesem Führungsstil auch Brady vertrieben.

Während Belichicks Patriots mit einer 7:9-Bilanz die schlechteste Saison seit 2000 hatten, steht Brady mit seinem neuen Team im Super Bowl. Bei einem Sieg wäre Bruce Arians der älteste Meister-Trainer der NFL-Geschichte. Aufhören würde er trotzdem nicht. Sein Vertrag ist noch zwei weitere Jahre gültig, Bradys Kontrakt läuft bis 2022. Der 43-Jährige hat bereits angekündigt, noch länger spielen zu wollen. Und wer einen Brady im Team hat, der gilt immer als Mitfavorit.

Arians wird also auch künftig kein ruhiges Rentnerleben führen, sondern weiterhin an der NFL-Seitenlinie stehen. Dort gehört er einfach hin. Dort fühlt er sich wohl. Und wenn dort sein Leben enden würde, wäre ihm das auch ganz recht. In einem Interview mit "HBO" meinte Bruce Arians 2019: "Wenn ich am Spieltag sterbe, trinkt einen auf mich und feiert."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.