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Interview mit Gabriel Clemens Darts ohne Fans - geht das?

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So sah die Kulisse beim World Matchplay im vergangenen Jahr in Blackpool aus.

(Foto: imago images / Action Plus)

Keine Zuschauer, keine Sprechchöre und aufwendig inszenierte Walk-Ons. Wenn am heutigen Samstagabend (ab 19 Uhr live auf Dazn und Sport1) die Darts-Profis erstmals die Bühne zum diesjährigen World Matchplay betreten und um insgesamt rund 770.000 Euro Preisgeld spielen, wird vieles anders sein. Wegen der Corona-Pandemie sind Zuschauer nicht erlaubt und das Turnier findet erstmals auch nicht in den traditionsreichen Winter Gardens in Blackpool statt, sondern in der eher seelenlosen Marshall Arena in der englischen Planstadt Milton Keynes. Im Interview mit ntv.de erzählt Gabriel Clemens, der einzige deutsche Teilnehmer, was er von seinem Debüt erwartet, wie er die Corona-Pause genutzt hat und welche Tücken ein Turnier ohne Fans hat.

ntv.de: Herr Clemens, wie haben Sie die vergangenen knapp vier Monate ohne die vielen Turniere und das viele Reisen verbracht?

Gabriel Clemens: Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Freundin verbracht und ansonsten halt viel trainiert, mich fit gehalten für den Tag, an dem es weitergeht. Aber das war gar nicht so einfach, weil man ja keine klare Perspektive hatte und nicht wusste, wann genau es weitergeht.

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Gabriel Clemens hat sich zum ersten Mal für das World Matchplay qualifiziert.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Haben Sie das Training verändert in dieser Zeit oder lief alles so ab wie vorher?

In der Anfangszeit der Corona-Pause hatte ich das Training ein bisschen runtergefahren, bis dann irgendwann die Meldungen kamen, dass es bald wieder losgeht. Ab dem Zeitpunkt habe ich das Pensum wieder hochgefahren. Ich habe in der Corona-Pause auch meine Darts gewechselt, weil ich zu einem anderen Hersteller gewechselt bin.

In den vergangenen Wochen ging es nach vier Monaten ohne Ranking-Turnier wieder los bei der Profidartorganisation PDC. Von Mittwoch bis Sonntag fanden in Milton Keynes fünf kleinere Pro-Tour-Turniere an fünf Tagen statt. Sind Sie mit einem mulmigen Gefühl nach England geflogen?

Ja, es war schon sehr komisch. Es war natürlich mein erster Flug seit Beginn der Corona-Krise. Am Flughafen war gar nichts los, im Flieger selbst saßen gerade mal 17 Leute. Ich bin dann in London am Flughafen Heathrow gelandet, und auch dort war es totenstill.

World Matchplay 2020 (18. - 26. Juli)

Das Turnier ist wegen des hohen Preisgelds (ca. 165.000 Euro für den Sieger) das zweitwichtigste nach der Weltmeisterschaft. 16 der 26 bisherigen Auflagen hat Phil "The Power" Taylor gewonnen. Darts-Deutschland wird in diesem Jahr von Gabriel Clemens vertreten. Das Endspiel steigt am Sonntag, den 26. Juli.

Dann ging es von London Richtung Milton Keynes. Wie war die Organisation der PDC dort?

Das wurde super gelöst. Wir Spieler sind angekommen, haben einen Corona-Test gemacht und sind dann erstmal in unsere Zimmer. Dort haben wir gewartet, bis die Ergebnisse da waren. Und als das negative Testergebnis kam, durften wir uns dann in dieser Blase bewegen. Natürlich durften wir nicht raus, aber wir hatten immerhin eine Terrasse. Also alles okay.

Wie läuft so ein Darts-Turnier unter Corona-Bedingungen ab?

Wir mussten natürlich Abstand halten. Vor und zwischen den Spielen sitzen wir normalerweise immer mit zehn Leuten an einem Tisch, jetzt nur zu zweit. Es wurden deutlich mehr Dartboards zum Einspielen bereitgestellt, damit man sich nicht an einem Board mit mehreren Spielern aufhält. An den Boards selbst wurde ein Viereck auf den Boden eingezeichnet. Das durfte man nicht betreten, wenn der Gegner am Board war, sodass immer der Abstand gewahrt werden konnte. Ungewohnt war auch, dass wir bei anderen Spielen die Punkte aufschreiben mussten, weil es nicht für jedes Spiel eigene Schiedsrichter gab.

Durften Gäste oder Manager mitgebracht werden?

Gäste, also Partner oder Freunde, durften natürlich nicht mit. Manager durften dabei sein, wenn sie sich vorher auf Corona hatten testen lassen. Allerdings mussten sie ihren Test selbst bezahlen.

Kommen wir zu Ihrer sportlichen Bilanz? Sie haben am ersten Tag direkt das Halbfinale erreicht und sind an Tag zwei ins Achtelfinale eingezogen. Danach lief es nicht mehr so gut.

Im Großen und Ganzen war es aber zufriedenstellend. Ich habe an den fünf Tagen insgesamt 5.000 Pfund für die Rangliste eingespielt, von daher passt das. Klar, ich hätte nach dem sehr guten Auftakt aber gerne noch ein, zwei gute Ergebnisse mehr eingefahren.

Mit welchem Gefühl geht es jetzt ins World Matchplay?

Mit einem guten Gefühl. Ich bin in guter Form und mache mir keinen Stress. Am Sonntag sehen wir, ob es reicht oder nicht.

Was bedeutet es, ohne Zuschauer zu spielen? Wie schwer wiegt das für die Sportart Darts?

Das ist extrem schade, weil die Fans einfach dazugehören. Ich bin mir sicher, die Leute sind jetzt aber auch froh, dass es weitergeht und sie zumindest im Fernsehen gucken können.

Wirkt sich der Zuschauer-Ausschluss in irgendeiner Weise auf dein Spiel aus?

Wenn man die Ergebnisse sieht, habe ich bei den Turnieren auf der ProTour, wo Zuschauer grundsätzlich nicht erlaubt sind, immer etwas besser abgeschnitten. Aber ich spiele schon auch gerne auf den großen Bühnen.

Checkout-Podcast

Im Podcast "Checkout" bespricht Kevin Schulte mit Christian Rüdiger die spannendsten Geschichten aus der Darts-Welt. Während des World Matchplay gibt es täglich eine neue Folge auf ntv.de. Den Podcast finden Sie zudem auf Spotify, Apple Podcasts und Soundcloud.

Sie haben während der Corona-Pause auch die deutsche Super League in München gespielt. Auch ohne Zuschauer. Wie war das?

Dort war es während des Spiels komplett ruhig, aber wenn dann zum Beispiel ein Kugelschreiber runtergefallen ist, hat man sich regelrecht erschreckt. Das kann ein Spiel schon beeinflussen.

In der ersten Runde geht es am Sonntagabend gegen Ex-Weltmeister und Matchplay-Titelverteidiger Rob Cross. Was sagen Sie zum Los?

Ich konnte es ja eh nicht beeinflussen. Es war vorher klar, dass ich gegen einen Spieler aus den Top 16 der Weltrangliste spielen würde, von daher waren nur super Gegner möglich.

Haben Sie eine besondere Beziehung zu Cross, außer dass Sie beide bisherigen Spiele gegen ihn gewinnen konnten?

Keine besondere, aber das ist jemand, mit dem ich schon häufiger gesprochen habe auf der Tour. Man trinkt mal was zusammen, sitzt ein bisschen zusammen. Das ist auf jeden Fall ein netter Zeitgenosse. Mein Englisch ist nicht so gut, dass ich da jetzt lange Konversationen führen könnte, aber es geht mit Händen und Füßen.

*Datenschutz

Rob Cross war zuletzt in seinen Leistungen eher schwankend. Wollen Sie auf einen Cross in Topform treffen, an dem Sie sich hochziehen können? Oder darf es ein gemächlicherer Auftritt sein?

Man will immer, dass beide gut spielen. Da kann man sich tatsächlich dran hochziehen. Man will ja hinterher nicht sagen, man hat gewonnen, weil der andere schlecht gespielt hat.

Ab wann wäre das Matchplay ein Erfolg für Sie?

Ich bin dabei, das ist schon ein Erfolg. Es ist nicht einfach, sich überhaupt zu qualifizieren.

Gibt es darüber hinaus noch Ziele, die Sie sich für 2020 gesteckt haben?

Natürlich würde ich gerne noch ein Turnier auf der European Tour spielen und mich dort für den Finaltag qualifizieren. Den World Grand Prix als nächstes wichtiges Major-Turnier gibt es auch noch. Und dort bin ich aktuell auch in guter Position, um mich zu qualifizieren. Aber man kann momentan nicht wirklich sagen, was man noch für Ziele hat, weil man gar nicht weiß, welche Turniere in diesem Jahr überhaupt noch gespielt werden.

Mit Gabriel Clemens sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de