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Darts in der Corona-Krise "Wir wollen den Sport nicht sterben lassen"

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Am Neujahrsabend war die Darts-Welt noch in Ordnung: Peter Wright bejubelt seinen ersten Weltmeister-Titel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Dartsport hat Deutschland in den vergangenen Jahren im Sturm erobert. Allein in diesem Jahr hätte es fast ein Dutzend große Turniere auf deutschem Boden, zwischen Hamburg und München, geben sollen. Doch weil die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht, ist die PDC Europe als Ableger der Profidartsorganisation PDC aktuell nur mit dem Verschieben von Turnieren beschäftigt. Wie Darts die Corona-Krise überleben will, erzählt Werner von Moltke, Geschäftsführer der PDC Europe, im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Sie müssen als Chef der PDC Europe am laufenden Band Turniere absagen. Ich nehme an, als Veranstalter der größten und wichtigsten Darts-Events in Europa schlafen Sie aktuell schlechter als sonst.

Werner von Moltke: Definitiv, das kann man so sagen. Die Lage wird von Tag zu Tag und von Woche zu Woche schlechter. Wir wissen nicht, wann es weitergeht. Wir wissen nur, dass es noch sehr lange dauern wird.

Sie richten jedes Jahr die European Tour mit verschiedenen Turnieren in Europa aus. Dieses Jahr sollen 13 Events stattfinden, bis auf die Belgian Darts Championship konnte aber noch keines der Turniere ausgerichtet werden. Ist der Turnierplan noch zu halten?

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Wir hatten uns überlegt, möglichst viel in den Sommer zu legen. Vor einigen Wochen hieß es noch, dann dürfte vieles wieder funktionieren, weil das Virus bei höheren Temperaturen auch weitgehend verschwinden würde. Heute sind wir aber alle schlauer als vor einem Monat. Wir planen jetzt in drei Szenarien. Erstes Szenario: Es geht im August wieder weiter, wenn auch mit Eingangsbeschränkungen. Diese Variante ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Zweites Szenario: Es geht im Spätherbst weiter. Auch das ist unwahrscheinlich. Wir planen also mit Szenario drei: Es geht erst in 2021 weiter.

Wie läuft die Kommunikation mit der PDC als Dach-Organisation, den Hallenbetreibern und den Behörden in den verschiedenen Austragungsorten?

Da hängt natürlich ein ganzer Rattenschwanz dran. Ich will aber kein Mitleid, diese Probleme haben jetzt alle Veranstalter. Niemand sollte glauben, das wir jetzt eine ruhige Kugel schieben und ganz entspannt sind. Wir versuchen, zu verschieben, zu reden, zu telefonieren und zu gucken, welche Alternativen es gibt. Das ist ein komplexes Thema und man verfällt schnell in Panik und Hektik. Deshalb gebe ich meinen Leuten immer ein altes Sprichwort mit auf den Weg: Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Und ich bitte auch die Fans um ein bisschen Geduld und Nachsicht. Vielleicht sollte man sich einfach mal fragen, ob die Rückerstattung meines Tickets jetzt das Wichtigste auf der Welt ist. Wir wollen auch von der neuen Gutschein-Regelung der Bundesregierung Gebrauch machen. Ticketkäufer, deren Event abgesagt wurde, bekommen von uns einen Gutschein. Sollten sie sich gegen eine Einlösung ihres Gutscheins bis spätestens im Laufe des Jahres 2021 entscheiden, so können sie sich den Kaufpreis 2022 zurückerstatten lassen.

Gibt es auch die Überlegung, ganze Turniere ohne Zuschauer sozusagen als "Geister-Turniere" austragen zu lassen?

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Werner von Moltke (links) mit Weltmeister Peter Wright.

(Foto: picture alliance/dpa)

Darüber denken wir nach, um den Spielern nach wie vor Einkommensmöglichkeiten zu geben. Die PDC hat eine Verantwortung gegenüber den Spielern, die ihr Geld verdienen müssen. Und natürlich wird es deshalb, wenn gar nichts mehr geht, Alternativen geben müssen. Aktuell veranstaltet die PDC sogar reine Online-Turniere unter dem Motto 'Darts At Home'. Aber auf dieser Basis wird es nie ein offizielles Ranking-Turnier geben, das ist gar keine Frage.

Die PDC Europe hat sich in den vergangenen Jahren neben der European Tour mit den sogenannten Darts Galas ein zweites Standbein aufgebaut. Die sind zwar sportlich nicht wichtig, aber finanziell sicherlich ganz besonders, weil dort nahezu alle aktuellen und früheren Topstars an einem Abend auftreten. Wie sieht die Zukunft dieser Veranstaltungen aus?

Wir werden auch da alles, was bis Ende Juli geplant war, möglichst weit nach hinten schieben und das über unsere Kanäle kommunizieren. Wir sind natürlich auch mit den Spielern in Kontakt, zum Beispiel mit Michael van Gerwen oder Peter Wright. Ich muss sagen, es gibt da eine große Solidarität. Letztens hat mich Michael van Gerwen sogar persönlich angerufen, was ich nie erwartet hätte. Aber er hat gesagt: Werner, ich werde Dich in jeglicher Form unterstützen, neue Termine möglich machen oder zum Beispiel zusätzliche Meet-and-Greets veranstalten. Vielleicht ist es einfach so, dass Darts noch nicht so degeneriert ist wie andere Sportarten. Geld verändert eben die Menschen und da bei uns alles noch etwas kleiner ist, ist es vielleicht noch etwas menschlicher.

Auch bei der PDC, Ihrer Dach-Organisation, vergeht aktuell kaum eine Woche, ohne dass Turniere verschoben werden. Dadurch wiederum ergeben sich für die PDC Europa immer kleinere Terminfenster, die überhaupt noch frei sind im zweiten Halbjahr. Wie läuft da die Abstimmung ab?

Ich habe täglich Kontakt mit Matt Porter, dem Turnierdirektor der PDC. Wir schicken uns permanent Updates vom Turnierkalender. Und klar, wir haben eine Strategie. Priorität haben natürlich die Fernsehturniere, denn das sind die wirtschaftlich relevantesten Events mit Fernsehgeldern, den größten Sponsorengeldern und den höchsten Preisgeldern. Davon haben wir ja auch drei: die European Championship in Dortmund, die World Series Finals in Salzburg und den World Cup in Hamburg. Priorität zwei hat die European Tour. Am Ende des Tages geht es aber auch um Praktikabilität, das ist alles kein Wunschkonzert mehr. Wir müssen gucken, was können wir wann und wo durchführen. Mittlerweile muss man auch die Reisemöglichkeiten berücksichtigen, also können die Spieler überhaupt anreisen? Wir versuchen, das alles möglich zu machen. Aufgeben ist keine Alternative.

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Darts ohne Fans? In der Corona-Krise nicht mehr undenkbar.

(Foto: picture alliance/dpa)

Schauen wir noch kurz über das Jahr 2020 hinaus. Wie wird sich das Coronavirus auf die Anzahl der Turniere und das Preisgeld im nächsten Jahr auswirken und inwieweit wird Corona die Entwicklung von Darts in Kontinentaleuropa zurückwerfen?

Ich weiß es nicht, die Zukunft ist für uns alle unsicher. Ich glaube aber nicht, dass uns das langfristig treffen wird. Vielleicht sagt man, im nächsten Jahr macht man alles ein bisschen kleiner, um zu schauen, ob alles wieder funktioniert. Aber spätestens in 2022 wird die Reise weitergehen. Das ist aber nur meine persönliche Einschätzung. PDC-Chef Barry Hearn war immer bestrebt, das Preisgeld immer weiter auszuweiten und immer mehr Turniere für Neueinsteiger anzubieten. Er hat immer gesagt: Du musst den Leuten die Möglichkeit geben, Geld zu verdienen. Dann organisieren sie sich schon selbst und machen den Sport größer. Das wird auch weiterhin der Anspruch sein, denn wir wollen den Sport nicht sterben lassen, ganz im Gegenteil.

Mit Werner von Moltke sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de