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Plötzlich geht gar nichts mehr Der Absturz von Tennis-Prinzessin Raducanu

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Sie war schon ganz oben, doch dann folgte der Absturz von Emma Raducanu.

(Foto: USA TODAY Sports)

Vor einem halben Jahr steigt die britische Teenagerin Emma Raducanu mit ihrem Triumph bei den US Open zum neuen Stern am Tennis-Himmel auf. Der Erfolg öffnet ihr abseits des Platzes viele Türen, doch auf dem Court wird die Britin von der Realität schnell eingeholt. Die Kritik an ihrer Entwicklung artet immer weiter aus.

Auf Instagram ist die Welt von Emma Raducanu in diesen Tagen noch in Ordnung. Dort zeigt sich der Shootingstar wahlweise beim Training, auf Reisen, gemeinsam mit einer Gruppe von Fans, beim Golfspielen und Jetski-Fahren oder auch auf Hochglanzaufnahmen für einen ihrer zahlreichen hochkarätigen Sponsoren - stets lächelnd und gut gelaunt, versteht sich. Doch die gute Laune und das Lächeln sind der Britin, die im vergangenen Jahr einen kometenhaften Aufstieg hinlegte und zu dem neuen Stern am Tennis-Himmel ausgerufen wurde, in den vergangenen Monaten nicht selten vergangen. In der Instagram-Scheinwelt ist davon nichts zu sehen. Dort werden ihre Niederlagen auf dem Platz gekonnt ausgeblendet. In der realen Welt beherrschen sie dagegen die Schlagzeilen.

Raducanus Erstrundenniederlage in Miami gegen die in der Weltrangliste 40 Plätze schlechter geführte Tschechin Katerina Siniakova war nur der jüngste einer ganzen Reihe von Rückschlägen. Seit dem US-Open-Triumph der Britin im vergangenen September verlor sie acht von zwölf Matches, unterlag dabei nicht selten Gegnerinnen, die auf dem Weg in die nächste Runde eigentlich nur als Durchgangsstation gedacht waren.

"Der Respekt, den sie sich während der US Open in der Umkleide verdient hat, verschwindet allmählich", sorgte sich die ehemalige Profi-Spielerin Daniela Hantuchova angesichts der zahlreichen Enttäuschungen bereits um Raducanus guten Ruf. Harte Arbeit auf dem Trainingsplatz sei der einzige Weg aus der Krise, befand die Slowakin. Doch nicht wenige glauben, dass die 19-Jährige genau diese Arbeit vernachlässigt.

Scharfe Raducanu-Kritik von Kim Clijsters

Immer wieder wird Raducanu vorgeworfen, sich zu sehr um ihre Sponsoren und zu wenig um ihr Tennis-Spiel zu kümmern. Dabei sind es nicht nur anonyme Instagram-User, die sich zu teils wüsten Beschimpfungen gegen den Teenager hinreißen lassen. Auch ehemalige Spielerinnen kritisieren die junge Britin mittlerweile scharf. So zum Beispiel die Belgierin Kim Clijsters.

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Einen starken Fokus und den Antrieb, immer besser zu werden, sehe sie zum Beispiel bei Spielerinnen wie der Polin Iga Swiatek, sagte Clijsters vor wenigen Tagen: "Und dann sehen wir andere Spielerinnen, die einen Schritt zurück machen und sagen: 'Oh, ich habe einen Grand Slam gewonnen. Ich habe es geschafft. Jetzt kommen die Sponsoren und ich werde überall wie eine Prinzessin behandelt'." Raducanus Namen nahm die Belgierin zwar nicht explizit in den Mund, dennoch ist offensichtlich, an wen sich ihre Kritik richtete.

Die Frage ist, inwieweit diese Kritik gerechtfertigt ist. Mit dem Wissen von heute und gewonnenen Preisgeldern in Höhe von 21,5 Millionen Euro hat Clijsters leicht reden. Hätte sie deswegen im Alter von 19 Jahren Sponsoren-Deals in Millionenhöhe ausgeschlagen? Und kann man das von einer bis vor wenigen Monaten noch weitgehend unbekannten Spielerin wie Emma Raducanu verlangen? Alles daraufzusetzen, dass die Karriere nach Plan verläuft und noch viele Turniersiege folgen werden? Es wäre eine überaus mutige Wette mit hohem Einsatz.

Raducanu kontert Sponsoren-Kritik

In Raducanus Augen sind die Vorwürfe gegen sie zudem haltlos. Auch sie weiß, dass sie nach ihren Deals mit Porsche, Dior, Tiffanys, Evian, British Airways und Co. die Tür für Kritiker weit geöffnet hat. Das Ausmaß und die Art und Weise bezeichnete sie dennoch als "unfair".

"Vielleicht sehen die Menschen in den Nachrichten oder den sozialen Medien einfach nur, dass ich diesen oder jenen Deal abgeschlossen habe. Aber das ist irreführend, denn ich trainiere fünf, sechs Stunden am Tag und bin zwölf Stunden täglich auf der Anlage. Und wenn ich dann ein Bild von mir in einem Auto veröffentliche, heißt es: 'Sie konzentriert sich nicht auf Tennis#", schilderte Raducanu ihre Sicht der Dinge.

Gleichzeitig gab sie zu, dass die Kritik bei ihr durchaus Spuren hinterlassen hat. Mittlerweile sei sie aber nicht mehr so empfänglich für Störfeuer von außen. "Und am Ende des Tages habe ich das Gefühl, dass meine Zeit [mit den Sponsoren] ziemlich limitiert ist. Ich habe keine verrückten Tage und verbringe pro Quartal drei, vier Tage damit. Das ist wirklich nicht so viel", rechtfertigte sich die Britin.

Ebenfalls zur Kritik beigetragen haben dürfte das Hickhack um ihre Trainer. Gerade einmal zwei Wochen nach ihrem Triumph in New York trennte sich Raducanu von Andrew Richardson, mit dem sie auch erst nach Wimbledon zusammengekommen war. "Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt wirklich jemanden brauche, der das schon durchgemacht hat und mich auf meinem Weg begleiten kann", hatte sie dem "Telegraph" gesagt - und damit Befürchtungen geschürt, ob des US-Open-Siegs abgehoben zu sein.

Es dauerte gut sechs Wochen, bis sie bestätigte: Ihr neuer Coach ist Torben Beltz, der Ex-Trainer von Angelique Kerber. "Es ist natürlich ein großes Privileg, mit einem so erfahrenen Trainer zusammenzuarbeiten", sagte sie bei der Bekanntgabe und betonte: "Er bringt viel Erfahrung mit. Er hat mit Kerber zusammengearbeitet, die so eine großartige Spielerin ist und extrem gut abgeschnitten hat und drei Grand Slams gewonnen hat. Ich bin sehr zuversichtlich."

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Doch nur wenige Argumente hat die 19-Jährige gegen die Kritik an ihren enttäuschenden sportlichen Auftritten in den letzten Monaten. In vielen Matches spielte Raducanu mit ihrer Gegnerin auf Augenhöhe und erarbeitete sich Chancen zum Sieg, doch in den entscheidenden Momenten verpasste sie die Big Points und verlor. Das war damals in New York noch anders. "Deswegen ist es ein so brutaler Sport. Das ist jetzt eine massive Lernkurve für sie", urteilte Ex-Profi Tim Henman nach Raducanus Aus in Miami.

Für Erfolgscoach Patrick Mouratoglou, der Serena Williams zu zahlreichen Triumphen führte, ist es noch viel zu früh, Raducanu abzuschreiben. Er forderte im Umgang mit dem Shootingstar Geduld. "Ich denke, sie kann weitere Grand Slams gewinnen. Noch ist es dafür aber sehr früh. Sie hat in New York gewonnen, weil sie ohne Druck gespielt hat. Jetzt liegt plötzlich der ganze Druck auf ihr. Und wenn du unter Druck stehst, zeigen sich deine Schwächen. Dafür ist sie noch nicht bereit. Wird sie das in Zukunft sein? Ich glaube schon", sagte er und verriet damit das wohl einzige Rezept, das Raducanus Kritiker verstummen lassen würde: Siege auf dem Platz.

Quelle: ntv.de

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