LeMond und die Tour-SensationDer Rennfahrer mit dem Schrot im Körper

Eine schleichende Bleivergiftung, ein schier unüberwindbarer Konkurrent - und doch gelingt Radrennfahrer Greg LeMond im Jahr 1989 der Sieg bei der Tour de France. Der Amerikaner übertrumpft den Franzosen Laurent Fignon und lähmt damit eine ganze Nation. Nicht nur einmal.
Greg LeMond war ein Rennfahrer von altem Schrot und Korn. Von altem Schrot vor allem. 1987, ein Jahr nach seinem ersten Tour-Sieg, war der Amerikaner mit seinem Schwager auf die Truthahn-Jagd gegangen, und sein Begleiter hatte ihn unabsichtlich zersiebt. LeMond kam knapp mit dem Leben davon, einige Dutzend bleierner Kügelchen blieben jedoch großflächig verteilt in seinem Oberkörper zurück.
Die schleichende Bleivergiftung, unter der LeMond fortan litt, war nicht unbedingt die beste Grundlage für eine erfolgreiche Rückkehr in den Profi-Radsport. Doch sie gelang ihm - und wie! Die letzte Etappe der Tour 1989 sollte unter seiner Beteiligung das dramatischste Finale in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt werden.
Sehr auf Drama bedachte Menschen hatten verfügt, dass die Schleife an jenem 23. Juli mit einem Einzelzeitfahren und nicht mit der üblichen Tour d'Honneur ohne Angriff auf den Spitzenreiter zu Ende gehen sollte. Vor den letzten 24,5 Kilometer von Versailles zu den Champs-Elysees lag Frankreichs Publikums-Liebling Laurent Fignon, der Sieger von 1983 und 1984, 50 Sekunden vor LeMond - alles sah nach einem triumphalen Heimerfolg aus.
Bleierner Fluch über der Grande Nation
Doch LeMond lag die Jagd auf Gelb deutlich besser als die Jagd auf Truthähne: Wie von der Tarantel gestochen jagte er mit einem bei der Tour nie zuvor erzielten Schnitt von 54,545 Kilometer pro Stunde durch die Hauptstadt, der nach ihm gestartete Fignon verlor Sekunde um Sekunde. Als der Franzose die Ziellinie überquerte, hatte er den Tour-Sieg um acht Sekunden verpasst. Fignon brach im Ziel zusammen, an den Gittern herrschte lähmendes Entsetzen. Nach der knappsten Entscheidung in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt siegte LeMond 1990 ein weiteres Mal. Und als ob seitdem ein bleierner Fluch über der Grande Nation liegt, gewann bis heute kein Franzose mehr die Tour.
Fignon starb 2010 an Krebs. Doch gerade aufgrund seiner Niederlage im epischen Finale von 1987 verkörpert er wie kein anderer das Drama des Radsports in all seinen Facetten - und wird deshalb von den Franzosen auf ewig vergöttert werden.