Sport

Brutaler K.o. offiziell verboten Der Tyson-Show droht die Eskalation

c631749d7e7b0b8214a5977fd0c5a306.jpg

Im Vorgeplänkel schenken sich Tyson und Jones Jr. schonmal nichts.

(Foto: USA TODAY Sports)

Vor knapp 20 Jahren wäre ein Boxkampf zwischen Mike Tyson und Roy Jones Jr. ein absolutes Highlight gewesen. Doch dazu kam es nie. Dafür stehen sich beide nun gegenüber - im Ü50-Duell. Das ist für manche nur ein fahler Abklatsch alter Tage. Die beiden aber gehen die Show hochmotiviert an.

Andy Foster ist bemüht, auf die Bremse zu treten. "Es ist ein Schau-Kampf zwischen zwei ehemaligen Champions", betont der Geschäftsführer der California State Athletic Commission (CSAC). "Eine gute Schau von Box-Fähigkeiten - aber eben eine Schau", so Foster. Es sagt einiges über das Duell zwischen Mike Tyson und Roy Jones Jr. heute Nacht im Staples Center von Los Angeles aus, dass Foster versucht, die Dimension ein wenig herunterzuspielen. Das Licht etwas zu dimmen. Denn für gewöhnlich werden in der Box-Branche immer die hellsten Scheinwerfer aufgestellt.

Doch wenn mit dem 54-jährigen Tyson und dem drei Jahre jüngeren Jones Jr. zwei Akteure im mehr als gehobenen Boxer-Alter aufeinander losgehen, darf schon mal die Frage gestellt werden, wie riskant das alles eigentlich ist? Und deshalb greift Foster nicht zum Megafon, sondern hat die Bedingungen seiner Sport-Kommission zur Zustimmung des Kampfes eher leise, aber strikt vorgegeben. Intensive Gehirn-, Herz- und Ausdauer-Tests der Protagonisten.

Auf Kopfschutz wird zwar verzichtet, aber beide Akteure müssen die etwas dickeren Zwölf-Unzen-Handschuhe tragen. Zudem legte Foster fest, dass die maximal acht Runden nicht, wie üblich, drei Minuten lang sind, sondern nur zwei. Einen Sieger, so heißt es seitens der CSAC, werde es nicht geben und ein Knockout ist nicht erlaubt. Klingt tatsächlich nur nach einer "Box-Schau" oder einem altersgerechten Sparring. Und die mediale Reaktion ist dementsprechend.

Wer guckt das?

"Es ist schwer, sich auf Mike Tyson vs Roy Jones Jr. zu freuen", schrieb die "Sports Illustrated" und kam zugleich mit der Frage, ob sich das überhaupt jemand angucken werde? Nun, das Staples Center brauchen Tyson und Jones Jr. nicht zu füllen - aufgrund der Corona-Pandemie sind keine Zuschauer erlaubt. Aber ihr Comeback wird, so hoffen die Veranstalter, reichlich Pay-Per-View-Abos verkaufen. Für 49,99 Dollar ist der Kampf zu sehen. "Sports Illustrated" berichtet, dass laut Insidern rund 350.000 Tickets verkauft werden könnten.

Das ist natürlich kein Vergleich zu den Zahlen, die ein Tyson in seiner Hochzeit absetzte: beim zweiten Duell mit Evander Holyfield 1997 waren es 1,99 Millionen Abos, beim Kampf gegen Lennox Lewis (2002) 1,97 Millionen und als sich Tyson und Holyfield 1996 erstmals gegenüberstanden, hatte es 1,59 Millionen Konsumenten gegeben. Jones Jr. kam nie an solche Werte heran. Er war zwar vom "Ring Magazine" in den Neunzigern als "Kämpfer des Jahrzehnts" ausgezeichnet worden und kämpfte sich vom Mittelgewicht bis hoch ins Schwergewicht zum Weltmeister in vier verschiedenen Gewichts-Klassen. Seine neun Pay-Per-View-Fights brachten aber insgesamt nur knapp 3,2 Millionen verkaufte Abos ein - die meisten für den Schwergewichts-Titelkampf 2003 gegen John Ruiz (602.000).

Schau-Kampf gegen Tyson - wer glaubt denn sowas?

Alter hin oder her - Tyson und Jones Jr. kennen das Business bestens. Sie wissen genau, was sie sagen müssen, um Interesse zu wecken. "Kein richtiger Kampf? Wir haben Mike Tyson gegen Roy Jones Jr.. Ich gehe da rein, um zu kämpfen und hoffe, dass er das Gleiche will. Das ist alles, was man wissen muss", posaunt Tyson in seiner typischen Art. "Wer steigt gegen den großen Mike Tyson in den Ring und denkt, es sei nur ein Schau-Kampf?", ergänzt Jones. Er wisse, dass er ein hohes Risiko eingehe. Ringrichter schön und gut - einem Mike Tyson könne noch so oft gesagt werden, er dürfe dieses oder jenes nicht machen, er höre einfach nicht zu, so Jones.

Er hatte sich erst vor zweieinhalb Jahren mit einem Sieg in den Ruhestand verabschiedet. Als dann aber im Juli sein Telefon klingelte und Tyson auf der Suche nach einem "dance partner" war, da hatte Jones Jr. sofort Lust, mit ihm zu tanzen. Tyson soll zehn Millionen Dollar bekommen, Jones Jr. nach eigener Aussage eine Million. Beide heben hervor, dass sie das Geld für wohltätige Zwecke stiften wollen. Wie er sich fühle, zurückgekommen zu sein, wurde Jones Jr. in den vergangenen Tagen oft gefragt. Auf einer Skala von eins bis zehn sei es eine fünf, antwortete er, ergänzte aber umgehend: "Aber weil es gegen Mike Tyson geht, ist es eine 15."

Tyson hat 45 Kilo abgespeckt

Tysons letzter Kampf liegt schon 15 Jahre zurück - und war das peinliche Ende einer einst großen Karriere. Gegen den unbekannten Iren Kevin McBride gab er 2005 nach der sechsten Runde auf und erklärte noch im Ring seinen Rücktritt. Er habe nicht mehr diese Bösartigkeit, sei nicht mehr dieses Tier und wolle das Boxen nicht mehr verächtlich behandeln, in dem er gegen Typen wie McBride verliere, so Tyson. Er sei damals "glücklich gewesen", aufzuhören, sagt Tyson heute. Er habe Drogen genommen, sich davor gegraust, im Ring zu stehen, sei ein ganz anderer Mensch gewesen.

Jetzt hingegen habe er den Wunsch, zu kämpfen. Er wolle diesen Fight, wolle der Welt zeigen, wie großartig er aussehe. Dem US-Fernsehsender "ABC" verriet Tyson, dass er 45 Kilogramm abgespeckt habe. "Ich war fett und meine Frau meinte, ich solle mal versuchen, 15 Minuten auf dem Laufband zu joggen. Aus den 15 Minuten sind dann zwei Stunden geworden", sagt Tyson. Er verspricht - natürlich - eine Show. Niemand, sagt er, werde enttäuscht werden.

Trainings-Video sorgte für Hype

Tyson weiß um seinen Ruf und seine Reputation. Sein Name bedarf keinerlei Erklärungen. Tyson - das ist Boxen, wie Michael Jordan Basketball darstellt, Wayne Gretzky Eishockey oder Tom Brady American Football. Tyson - das sind steiler Aufstieg und tiefer Absturz. Mit 20 Jahren jüngster Schwergewichts-Weltmeister. Eine K.-o.-Maschine. Zwischenzeitlich gehörten dem Muskelprotz aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn die WM-Gürtel von drei Verbänden. Aber dann waren da auch immer wieder Konflikte mit dem Gesetz. Vergewaltigungs-Vorwürfe, Drogenskandale und sogar Gefängnis.

Mike Tyson ist Box-Nostalgie - und Nostalgie lasse sich verkaufen, schreibt die "New York Times". Den Beweis dafür gab es am 11. Mai. Tyson postete auf Instagram ein Trainings-Video mit wuchtigen, krachenden und Angst einflößenden Kombinationen, wie sie im Alter von 53 Jahren wohl nur er schlagen kann. "I'm back", sagte er abschließend in die Kamera. Ein Satz, der wirkte wie ein Aufwärtshaken. Das Video ist mehr als 13 Millionen Mal angeklickt worden.

Jones Jr. erwartet von Tyson volle Pulle

"Wenige Boxer haben so viel Aufruhr im Boxen kreiert wie Tyson und nur wenige haben so viel Respekt bekommen wie Jones Jr.", heißt es bei CNN. Jones Jr. rechnet mit einer ähnlichen Tyson-Taktik, wie in dessen besten Jahren. Heißt: Volle Pulle. Rauf auf den Gegner. Power pur. Dies sei das Einzige, was Tyson kenne. Ein Hund, betont Jones Jr., miaue nicht, sondern belle. Er selbst sieht sich konditionell im, Vorteil, könne "den ganzen Tag rennen" und habe ein starkes Kinn.

Ob es nun eine koordinierte Ring-Rauferei zweier Box-Rentner wird oder beide womöglich tatsächlich ab und an Mal voll draufhauen, ist für die "Sports Illustrated" nicht relevant. Das Magazin hat sein Urteil schon vor dem Kampf gefällt. "Tysons und Jones' beste Tage existieren nur noch im Internet." Das Größte, worauf die Zuschauer hoffen könnten, so das Blatt, sei ein wilder Tyson-Haken, der Jones Jr. auf die Bretter schicke. Aber vielleicht sei das ja einigen die 50 Dollar wert.

Quelle: ntv.de