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Weltmeister geht als Box-Legende Der Zauberer Tyson Fury und sein größter Trick

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Tyson Fury hat "alles erledigt".

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Tyson Fury ist eine Boxlegende: Mit seinem Sieg gegen Dillian Whyte tritt er als ungeschlagener Schwergewichts-Weltmeister ab. Der Kampf ist bis zur letzten Aktion eher unspektakulär, die Show dagegen ist groß. Und liefert Indizien, dass Fury diesmal wirklich überraschen kann.

Glaubt man Tyson Fury, dann ging alles mit einem mächtigen, brachialen Aufwärtshaken zu Ende. In der sechsten Runde des Mega-Fights vor 94.000 Zuschauern im ausverkauften Wembley Stadion flog die Faust des Weltmeisters ans Kinn des chancenlosen Herausforderers Dillian Whyte, der sofort umkippte und nur schwankend wieder auf die Beine kam. Der Kampf war vorzeitig vorbei und damit auch die Karriere von Weltmeister Fury, der das Duell als seinen letzten Kampf promotet hatte. "Es war das krachende Ende des Kampfes und dieser Karriere, es war wie mehrere Silvester auf einmal", schwärmte RTL/ntv-Boxexperte Andreas von Thien über den "blitzsauberen Aufwärtshaken" Furys. "Perfekter Winkel, im Rückwärtsgang, eine boxerische Glanzleistung, die Fury in diesem Moment offenbart hat. Ein sehr, sehr spektakuläres Ende."

Das, was man von Fury erwarten durfte, bekam die Rekordkulisse eben geboten. Fury ist ein Großmaul, das liefert. Oder wie von Thien sagt: "Fury versteht es, immer wieder den perfekten Moment hinzukriegen. Wenn es drauf ankommt, tut er genau das Richtige. Das gilt sportlich im Ring und das gilt für die Show drumherum. Er ist die größte Nummer des Boxens und hat sich gestern Abend ein Denkmal gesetzt." Dass es mal so kommen würde, war lange kaum abzusehen, zu unstet ist die Vita des Briten. Das ewig skandalumtoste Schwergewichtsboxen als Bühne für charismatische Großmäuler und schwer zu bändigende Straßenschläger hatte spätestens mit dem Siegeszug der eloquenten Klitschkos auch sein Herz für die nüchternen Boxstrategen entdeckt.

"Ich war unschlagbar"

Der gewaltig große, nicht immer voll austrainiert wirkende Fury galt lange als Freak, gerade neben den nüchternen Klitschkos. Doch nach einem Sieg gegen Wladimir Klitschko war der Mann aus Manchester 2015 Weltmeister der vier großen Verbände. Es folgte ein brutaler Absturz mit positiven Dopingtests, Drogensucht, manischer Depression und Selbstmordgedanken. Doch Fury kam zurück - und wurde erneut Weltmeister. Und nun geht er - angeblich - als einer der Größten, die der Sport, der schon immer Helden und Legenden produzierte, je hervorgebracht hat.

Bis zum K.o. war der Kampf, für den Promoter Frank Warren 41 Millionen Dollar bezahlt hatte und der innerhalb von zwei Stunden ausverkauft war, kein Spektakel. Im Gegenteil, er plätscherte eher vor sich hin. Der limitierte Pflichtherausforderer Whyte schaffte es nie in die Nähe eines Wirkungstreffers, der viel größere Fury kontrollierte das Geschehen mit Nadelstichen. Dann schlug es kurz vor Ende der sechsten Runde gewaltig ein bei Whyte. "Fury war jederzeit Herr im Ring, auch wenn er etwas überraschend viel im Rückwärtsgang unterwegs war. Er hat Whyte ausgeboxt - und macht dann plötzlich etwas Außergewöhnliches. Das ist eben die große Qualität von Fury."

Hört Fury tatsächlich nach 32 Siegen und einem Unentschieden in 33 Profikämpfen auf und tritt als ungeschlagener Weltmeister ab, verliert der Boxsport eine, wohl seine größte Attraktion. "Für das Boxen ist das ein herber Verlust, kein anderer Boxer hat die Qualitäten von Fury", sagt von Thien. Kein anderer mobilisiert mehr Menschen und niemand unterhält sie besser als der 33-Jährige, der nach dem Kampf kaum gezeichnet in die prallgefüllte Riesenarena rief: "Ich habe noch was für euch", und dann den Evergreen "American Pie" anstimmte, zudem er kurz zuvor zum Ring gegangen war. "Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte", betonte der 33-Jährige. "Ich höre als zweiter ungeschlagener Schwergewichtler nach Rocky Marciano auf. Ich war in diesem Spiel unschlagbar."

"Ich nehme ihm das ab"

Bereits mehrfach hatte Fury im Laufe seiner Karriere seinen Abschied angekündigt, immer war er wieder zurückgekommen. Deshalb bestehen auch diesmal Restzweifel, zumal eigentlich noch ein Kampf gegen Anthony Joshua ansteht. Der stand schon fest und galt als größtes Duell des modernen Schwergewichtsboxens - doch dann verlor Klitschko-Bezwinger Joshua krachend gegen den Ukrainer Oleksandr Usyk und muss sich seine Titel erstmal in einem Rückkampf wiederholen. Von Thien, der jahrelang Vitali und Wladimir Klitschko durch die Boxwelt begleitet hat und Zeuge war, wie Wladimir in seinem letzten Kampf gegen Joshua verlor, glaubt indes, dass es diesmal wirklich vorbei ist.

"Ich nehme ihm das ab", sagt der Experte. "Es steckte so viel Symbolik in dieser ganzen Show an der mythischsten Stätte, die der englische Sport zu bieten hat, auf der größten Bühne. Er saß beim Einmarsch noch einmal auf dem goldenen Thron, er kämpfte als König und er tritt als König ab. Es lief ein emotionaler Film über seine Karriere, der wirklich alle mitgenommen hat. Zum Schluss sang er dann 'Bye, bye, Mrs. American Pie'. Die ganze Inszenierung deutete schon darauf hin, dass es diesmal ernst ist." Und dann sind da eben noch die harten Fakten: Fury wird bald 34 Jahre alt, er habe "150 Millionen Dollar auf der Bank", sei "jung und gesund. Ich werde mir eine riesige Yacht im Ausland kaufen." Fury ist Vater von sechs Kindern, seiner Frau habe er versprochen, dass wirklich Schluss ist.

Frau Fury moderiert Rückkehr schon an

"Ich habe es meiner wunderbaren Frau versprochen, und das habe ich ernst gemeint. Es ist alles erledigt. Ich stehe zu meinem Wort", hatte der ungeschlagene Weltmeister in den ersten Minuten seines Ruhestandes gesagt. Doch ausgerechnet Paris Fury machte dann die Tür zur Rückkehr doch wieder ein Stückchen auf. "Ich denke, der einzige Grund für ein Comeback wäre ein Vereinigungskampf." Fury hält den Titel der WBC, der Ukrainer Usyk, der Joshua eine schlimme Niederlage beigebracht hat, ist Weltmeister der Verbände WBA, WBO und IBF. "Ich glaube, dass Usyk auch das Rematch gewinnen wird", prophezeit von Thien. "Einfach, weil er boxerisch viel besser ist. Im ersten Kampf hat er Joshuas Schwächen gnadenlos offengelegt und konsequent ausgenutzt. Er wird auch im zweiten Kampf dominieren."

Gewinnt der boxerisch beeindruckend starke Ukrainer, dürfte das Furys Lust auf eine Rückkehr deutlich senken. Zu gefährlich könnte der strategisch brillante, technisch überragende und so schlagstarke wie bewegliche Usyk für Fury werden, der so viel auf seinen Status der Unbesiegbarkeit hält. Natürlich, "es liegt sehr viel Geld im Ring", sagt von Thien, glaubt aber auch nicht an ein Comeback gegen Usyk. Schließlich habe Fury nach eigenem Bekunden "mehr Geld, als ich in einer Million Leben ausgeben kann".

Und wenn Joshua gewinnt? "Fury hat deutlich gemacht, dass er die Nummer eins ist, er müsste das auch gegen Joshua nicht mehr beweisen. Über diesen Kampf hat man ja schon jahrelang verhandelt, dann ist er geplatzt. Ich glaube, das Thema Joshua ist für ihn so weit weg inzwischen, es ist durch." Das einzige Szenario, das Fury noch einmal motivieren könnte, wäre ein glanzvoller K.o.-Sieg Joshuas, sagt von Thien, auch wenn das "extrem verwundern würde". Ja, "ein Restrisiko bleibt", schmunzelt von Thien. "Fury ist eben der Zauberer des Boxsports, der uns schon öfter an der Nase herumgeführt hat." Widersteht Fury den Verlockungen einer Rückkehr, es wäre der größte Trick des vielleicht größten Zauberers seines Fachs.

Quelle: ntv.de

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