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Die Schutzengel des Unbändigen Der beste Novak Djokovic, den es je gab

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Gab mal wieder nicht auf und gewann mal wieder: French-Open-Sieger Novak Djokovic.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Novak Djokovic sieht gegen Stefanos Tsitsipas aus wie der klare Verlierer des French-Open-Finals. Die Nummer eins der Tenniswelt wirkt ratlos. Doch dann ruft er seine Schutzengel beisammen und kämpft sich auf unglaubliche Weise zurück zum unbezwingbaren Dominator.

"Gegen ihn hier zu gewinnen ist, als wenn man den Mount Everest besteigt", sagte Novak Djokovic, nachdem er seinen bärenstarken Gegner niedergerungen hatte. "Es war definitiv mein bestes Match, das ich jemals in Paris gespielt habe, und eines der besten drei meiner gesamten Karriere." Zu Beginn des Spiels hatte es nämlich ganz anders ausgesehen, der Serbe war klar der schwächere Spieler - doch die Nummer eins der Tenniswelt ließ sich nicht unterkriegen, kämpfte sich eindrucksvoll zurück und siegte.

Nun, diese Sätze sprach Djokovic nicht nach dem Endspiel der French Open, sondern nach dem Halbfinale gegen Sandplatz-König Rafael Nadal. Doch das Finale gegen Stefanos Tsitsipas zeigte einige Parallelen - und dürfte ebenfalls zu den besten Partien des Serben gehören, auch wenn es diesmal "nur" gegen einen 22-jährigen Final-Neuling in Paris ging und nicht gegen den 13-fachen Champion von Roland Garros.

Aber der junge Tsitsipas wusste um seine Chance und spielte von Anfang an furios auf, machte fast keine Fehler. Genauso wie Nadal im ersten Satz des Halbfinals. Der Grieche haute Djokovic die Winner um die Ohren, dass dieser mehrfach sein Gesicht unter seinem Shirt versteckte - oder nach einem besonders guten Schlag den Gegner mit Applaus bedachte. Von Anfang an war Tsitsipas der bessere, der frischere Spieler. Und das, obwohl er die fünf Sätze aus dem Halbfinale gegen Alexander Zverev in den Knochen hatte. Immer wieder erlief er flink die Stoppbälle oder potenziellen Winner des Serben, der einfach kein Mittel gegen die Defensive des Griechen fand.

"Es ist Wahnsinn"

Anders als Nadal machte der 22-Jährige im zweiten Satz auch einfach so weiter. Falsch: Er wurde noch besser. Jetzt bestimmte der Grieche die Partie. Djokovic sah geknickt aus. Hatte er gegen Nadal anfangs wirklich schlecht gespielt und sich dann in die Partie gekämpft, war er im ersten Satz des Finals stark unterwegs gewesen. Aber dieser junge Hellene, über den in Griechenland um das ganze Wochenende herum schon unzählige Sondersendungen angesetzt worden waren, schien immer noch einen drauf legen zu können.

4:2 führte Tsitsipas schnell im zweiten Satz. Djokovic versuchte bei eigenem Aufschlag noch einmal alles, um sich zurückzukämpfen und anschließend vielleicht ein Break zu schaffen. Mit kraftvollen Schlägen trieb er den Griechen weit hinter die Grundlinie. Um dann wie aus dem Nichts einen gefühlvollen Stopp zu spielen. Doch Tsitsipas ersprintete auch diesen unerreichbar erscheinenden Ball und versenkte ihn im linken Halbfeld des Gegners. "Es ist Wahnsinn", fuhr es Eurosport-Kommentator Matthias Stach heraus. Der Serbe ließ fast schon verzweifelt den Kopf hängen.

Auf den gewonnenen Tiebreak im ersten Satz folgte ein klares 6:2 für Tsitsipas, den Weltranglistenfünften, der noch nie einen Grand-Slam-Titel gewinnen konnte. Gegen Novak Djokovic! Die Nummer eins der Welt! Das entscheidende Ass zum Satzgewinn ließ der Serbe sogar ohne Gegenwehr passieren. War's das? Würde der 22-jährige Jungspund den einen Teil des über Jahrzehnte dominanten, dreiköpfigen Monsters Federer-Nadal-Djokovic bezwingen können? Djokovic suchte verzweifelt nach einer Antwort auf die Fragen - und auf Tsitsipas. Er flüchtete nach dem zweiten Satz in die Kabine - und schien dort die nötige Auskunft erhalten zu haben.

Wie ausgewechselt schritt der Serbe auf den Platz. Ein neues Shirt trug er auch. Locker gewann er sein erstes Aufschlagspiel, als hätte es den Satz davor gar nicht gegeben. Beim Stand von 2:1 nutzte er eine von gleich mehreren Breakchancen. Der Bann war gebrochen, der Wind drehte. Djokovic trat nun viel dominanter auf, diktierte von der Grundlinie, passte sein Spiel an, verringerte die Geschwindigkeit etwas. Die Nummer eins packte ihr bestes Tennis aus, beendete die Ballwechsel früher, ging schneller auf den Winner. Mit Erfolg.

Die Wiedergeburt des Novak Djokovic

Trotz starker Gegenwehr von Tsitsipas holte sich Djokovic den dritten Satz. Im Anschluss zerbrach der Grieche an der immer stärker werdenden Dominanz des unbändigen, erfolgsgierigen Serben. Jetzt war es die Nummer eins, die physisch viel stärker wirkte und kaum Nerven zeigte. Satz vier gewann Djokovic locker, Nummer fünf dann abermals nach großem Kampf. "Ich hatte das Gefühl, dass da ein anderer Tennisspieler stehen würde", sagte Tsitsipas nach Spielende über die Kabinen-Transformation seines Gegners. "Er hat sich viel besser bewegt und konnte auch mein Spiel plötzlich entschlüsseln und antizipieren."

Im Finale der French Open zeigte Mentalitätsmonster Djokovic wie gegen Nadal, dass er niemals aufgibt. Dass mit ihm - egal, wie aussichtslos die Situation scheint - zu rechnen ist. Djokovic, der Unbändige. Der Hartnäckige. Der nicht Kleinzukriegende. Sein Wille, seine Emotionen und sein Kampfgeist, gepaart mit unglaublichen Returns, machten ihn einst zur Nummer eins. 323 Wochen regiert er nun schon von oben. So gut wie in den vergangen zwei Partien in Paris spielte er vielleicht noch nie. Seit März ist er der neue Rekordmann an der Spitze der Tennis-Weltrangliste vor Roger Federer, der 310 Wochen auf dem Platz an der Sonne gestanden hatte.

Und wie erklärte sich der frisch gekrönte Champion seine Wiedergeburt in der Kabine? "Ich habe meine Schutzengel aufgesucht", erklärte ein erleichterter Novak Djokovic mit einem Augenzwinkern. "Ich habe dort eine spezielle Ecke. Ich kann mein Geheimnis nicht verraten, aber es klappt gut für mich." Djokovics Schutzengel scheinen starke Schilde zu tragen, denn wieder einmal war der Unbändige nicht zu bezwingen.

Quelle: ntv.de

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