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"Zu klein, zu dünn" - na und? Der unterschätzte NHL-Star Dominik Kahun

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Dominik Kahun begeistert in der NHL - gegen alle Erwartungen.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Sein Ziel ist immer die NHL, doch die beste Eishockey-Liga der Welt will den Deutschen Dominik Kahun lange nicht. Er wird als zu klein und zu leicht befunden. Nun spielt er trotzdem seine zweite Saison in Nordamerika - und das an der Seite der größten Stars.

"Zu klein, zu dünn, zu leicht." Mit diesen fatalen Worten beschrieben die Scouts der nordamerikanischen Eishockey-Liga Dominik Kahun. Gute Technik, ja. Feines Händchen - auch. Aber die körperliche Statur passe halt nicht zur NHL. Nur 1,80 Meter, weniger als 80 Kilogramm. Das sei nichts für die beste Liga der Welt, hieß es. Nun aber steht dieser Dominik Kahun trotzdem in der Gästekabine des Bostoner TD Garden. Der 24 Jahre alte Deutsche ist sehr verschwitzt, trägt ein schwarzes T-Shirt der Pittsburgh Penguins und hält in der rechten Hand einen Milch-Shake, während er sich mit n-tv.de unterhält.

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Kahun hat soeben sein 96. NHL-Spiel absolviert, mit Pittsburgh 4:6 bei den Boston Bruins verloren. Es war eine unverdiente Niederlage in einem aber äußerst unterhaltsamen Spiel - und Kahun hatte seinen Beitrag zu diesem Zehn-Tore-Spektakel geleistet. In der 26. Minute hatte der Stürmer zum 1:3 getroffen, somit seine Tor-Serie auf drei Spiele nacheinander ausgebaut. Er sei "natürlich im Moment sehr zufrieden" mit seiner Leistung. Sagt Kahun über Kahun. Nur ein paar Meter entfernt steht Penguins-Trainer Mike Sullivan in den Katakomben vor rund einem Dutzend Journalisten. Er spricht über das Match und einzelne Profis - auch über Kahun.

Für ein Spiel aus dem Kader gestrichen

Der habe "ein sehr starkes Spiel gezeigt." Zwei Tage zuvor hatte der Trainer den Stürmer noch aus dem Kader für das Heimspiel gegen die Edmonton Oilers gestrichen. Was nach Degradierung klingt, war eher ein Luxusproblem. Superstar Jewgeni Malkin war nach vierwöchiger Muskelverletzung wieder fit. Und da Pittsburgh einen sehr stark und sehr tief besetzten Kader hat, musste eben jemand als so genannter "healthy scratch" weichen, in diesem Fall Kahun. Für ihn eine ganz neue Situation.

Seit seinem NHL-Debüt am 4. Oktober 2018 im Trikot der Chicago Blackhawks hatte der angeblich zu kleine, zu dünne und zu leichte Kahun alle anschließenden 94 Vorrundenspiele absolviert. Und das als Liga-Neuling. Als jemand, der direkt aus der Deutschen Eishockey-Liga in die NHL gekommen war. Er hatte sogar in der Partie zuvor, beim 7:1-Sieg gegen die Philadelphia Flyers, ein Tor erzielt und zwei weitere aufgelegt. Als Sullivan dann seine Aufstellung für das Edmonton-Match verkündete und Kahun nicht nannte, war nicht nur er überrascht. Auch einige Mitspieler staunten. In der NHL ist es üblich, dass die Profis, die nicht spielen, im ersten Drittel im Kraftraum eine Einheit absolvieren.

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"Natürlich im Moment sehr zufrieden."

(Foto: imago images/Icon SMI)

Für Kahun kamen die Gewichte gerade Recht. Details wolle er nicht verraten. Nur soviel: "Es war gut, dass ich im Kraftraum war." Als er in Boston dann wieder spielen durfte, habe er immer noch "etwas Wut im Bauch" gehabt, sagt er. Vielleicht war auch das ein Grund für seine starke Leistung, zu der nicht nur das Tor zählte, sondern auch einige beeindruckende Kreisel mit dem Puck am Schläger.

Wenn in Deutschland über die NHL berichtet wird, ist vor allem der Name Leon Draisaitl zu hören. Der Stürmer der Edmonton Oilers wurde in der Vorsaison zweitbester Torschütze und Vierter der Scorerwertung. Und auch in dieser Saison gehört er zu den größten Entertainern in Nordamerikas Arenen, hat in 16 Spielen 13 Tore geschossen und 14 vorbereitet. "Was soll man da sagen?", sagt Kahun und lacht. "Ich traue ihm zu, in dieser Saison Topscorer zu werden." So prominent Draisaitl in der NHL ist, Kahun wird von seinen Penguins-Mitspielern kaum auf seinen Landsmann angesprochen.

Bessere Statistik als Leon Draisaitl

Ab und an käme mal ein "wie gut kennst du ihn?" - mehr aber auch nicht. Dabei könnte Kahun einiges erzählen. Schließlich hat er einst bei den Jungadlern Mannheim mit ihm zusammen gespielt. Beide bildeten von 2009 bis 2012 ein Sturmduo, das es so noch nie in den deutschen Nachwuchsligen gegeben hat. In der Saison 2010/11 beispielsweise brachte es Draisaitl in 29 Spielen der Schüler-Bundesliga auf 192 Punkte (97 Tore, 95 Vorlagen). Kahun kam in 30 Partien sogar auf 206 Zähler (69 Tore, 137 Vorlagen).

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Leon Draisaitl und Dominik Kahun sind die Stars des DEB-Teams.

(Foto: imago images / ActionPictures)

Doch was im deutschen Nachwuchs-Eishockey Elite ist, gilt in Kanadas Juniorenligen mitunter trotzdem nur als Durchschnitt. Zumal in Übersee weitaus körperbetonter agiert wird. Dennoch spielte Kahun nach seinem Wechsel 2012 zwei gute Jahre bei den Sudbury Wolves in der Ontario Hockey League. Doch während Kumpel Draisaitl 2014 von den Edmonton Oilers in die NHL geholt wurde, fand Kahun keinen Verein - zu klein, zu dünn, zu leicht. So ging er zurück nach Deutschland, schloss sich Red Bull München an, reifte, verfeinerte sein Spiel und wurde im Verein und der Nationalmannschaft unersetzlich. Drei starke Weltmeisterschaften und ein herausragendes Olympiaturnier in Südkorea mit Sensations-Silber ließen dann doch die NHL-Scouts zu der Überzeugung kommen, dass dieser stets unterschätzte Kahun sich sehr wohl gegen größere und stärkere Spieler durchsetzen könne. Zumal es in der Liga längst nicht mehr bloß auf Kraft und Härte ankommt, sondern vor allem auf Schnelligkeit und Technik.

Derzeit spielt Kahun seine zweite NHL-Saison - und kann einiges erzählen. Vor allem über die Superstars, mit denen er in den vergangenen 14 Monaten zusammengespielt hat. In Chicago waren das Jonathan Toews und Patrick Kane, die mit den Blackhawks zwischen 2010 und 2015 dreimal Champion wurden. Und in Pittsburgh sind es nun Sidney Crosby und Jewgeni Malkin. Vier herausragende Akteure ihrer Generation.

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Dreimal wurde Kahun deutscher Meister mit dem EHC Red Bull München, zuletzt 2018.

(Foto: imago/Sven Simon)

Mittlerweile, sagt Kahun, sei "das schon wieder normal", mit Crosby und Malkin in einem Team zu sein. Aber zu Saisonbeginn waren Bewunderung und Faszination genauso groß, wie vergangene Saison in Chicago. Denn Crosby und Malkin, ach, dass seien doch Spieler, die er sonst nur aus dem Internet kenne.So überraschend sein Wechsel im Sommer von Chicago nach Pittsburgh kam - Kahun hatte bei den Blackhawks noch ein weiteres Jahr einen Vertrag - so gut war die Veränderung aus sportlicher Sicht. Chicago befindet sich im Umbruch und ist derzeit unteres Liga-Drittel. Pittsburgh hingegen war 2016 und 2017 Meister. Und da Crosby mit seinen 32 Jahren immer noch zu den Hinguckern der Liga gehört, der Kern um ihn herum zudem eine gute Mischung aus erfahren und ehrgeizig ist, werden die "Pens" immer noch zu den Teams gezählt, denen in den Playoffs alles zuzutrauen ist. Allerdings, sagt Kahun, sei "die Konkurrenz in dieser Saison viel größer als in Chicago." Dennoch nehme er für sich in Anspruch, Stammspieler zu sein.

Coach Sullivan lobt Kahuns "richtig guten offensiven Instinkt" sowie dessen "großartige Hand-Augen-Koordination." Und er habe das Gefühl, ergänzt Sullivan, dass sich sein deutscher Neuling "mit jedem Spiel wohler fühle." Für Marco Sturm kommt Kahuns Karrieresprung nicht überraschend. Er kennt den quirligen Techniker aus seiner Zeit als Nationaltrainer bestens. Und auch wenn Sturm nun seit einem Jahr als Assistenzcoach bei den Los Angeles Kings arbeitet, hat er Kahun noch bestens im Blick. "Dominik ist ein spezieller Spieler. Er hat die Chance bekommen, sich zu beweisen und dies hervorragend gemacht." Und das Beste: "Er ist ja noch jung und hat bestimmt noch einiges vor sich."

Quelle: n-tv.de

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