Wolffs wertvolle WutDeutsche Helden-Handballer lassen Hollywood staunen

Jetzt scheint alles möglich: Als Andreas Wolff endlich aufhören kann zu brüllen, steht die deutsche Handball-Nationalmannschaft im EM-Endspiel. Die Hollywood-Prominenz ist beeindruckt, die Spieler haben sich den Taumel verdient.
Als die entfesselte deutsche Handball-Nationalmannschaft unaufhaltsam in Richtung EM-Finale stürmte und sich im deutschen Spiel langsam schon Medaillenstimmung breit machte, hatte Andreas Wolff mächtig den Hut auf: Der auch in diesem Halbfinale gegen Kroatien bärenstarke Torwart faltete die Kollegen auf der Bank wütend zusammen. Das DHB-Team führte da, rund 15 Minuten vor Schluss, mit sieben Toren. Die Hollywood-Schauspieler Mads und Lars Mikkelsen, geübt darin, veritabel einschüchternde Bösewichte zu spielen, dürften von ihren Plätzen auf der Tribüne Gänsehaut gehabt haben: Immer wieder knöpfte sich der EM-Held von 2016 mit strengem Blick und klaren Gesten einzelne Spieler vor.
Man hörte ihn brüllen bis hoch oben, wo die Presse platziert ist. Noch nicht feiern sollten seine Kollegen. Wolff gab lautstark den Partycrasher. Es waren die letzten harten Worte an diesem für den deutschen Handball und vor allem für diese deutsche Mannschaft großen Abend: Durch ein 31:28 kann das DHB-Team Sonntag (18 Uhr) zum ersten Mal seit 2016 Europameister werden.
Wolff, dieser ehrgeizige, aber inzwischen außerhalb des Feldes stets aufgeräumte Sportler, hatte Recht, die Spannung hochzuhalten. Kroatien kämpfte sich noch einmal auf drei Tore heran, doch die deutsche Mannschaft eskalierte sich in der Crunchtime wieder in den Kampfmodus, vorne wie hinten. Nach der Schlusssirene gönnte sich Wolff dann auch seine persönliche Freude.
Diese Begeisterung haben sie sich verdient. Gegen den Vize-Weltmeister lieferte die deutsche Mannschaft nach einer nervösen Anfangsphase lange, lange Zeit eine überragende Leistung ab: Vielarmig in der Abwehr, wo sie sich im Verbund aufrieben, bis die Kroaten nicht mehr weiterwussten. Und im Angriff, wo die gefürchtete kroatische Deckung gar nicht die Chance bekam, das deutsche Spiel zu zerstören.
"Phänomenale Leistung"
"Ich bin extrem stolz auf die Jungs. Das war ein phänomenale Leistung von allen, alle haben sehr gut gespielt", sagte Bundestrainer Alfred Gislason in der ARD. Während der Bundestrainer sprach, hatte sich seine strahlende Mannschaft zum Siegerselfie versammelt. Um die Welt geht ein Bild, in dem Stolz, Erleichterung, Zuversicht, Euphorie und jede Menge Energie stecken. Ein Look, der dem DHB-Team prächtig steht. "Wieder eine grandiose Teamleistung", freute sich ein abgekämpfter Julian Köster. "Es macht richtig Bock mit der Mannschaft."
Was hatten sie sich im Laufe des Turniers alle beschimpft, jeder für sich. Es dürfte wenige Mannschaften auf der Welt geben, die so hart mit sich ins Gericht gehen, wie die deutsche. Allen voran natürlich Juri Knorr, der jederzeit bereit scheint, die volle Verantwortung für alles zu übernehmen. Handballspiele, das Wetter, das Bruttoinlandsprodukt, egal. "Extrem genervt" war er von seiner ersten Turnierwoche und diktiert jede Art von Selbstkritik immer wieder in die Blöcke. Selbst nach seiner 10-Tore-Gala fühlte er sich "ziemlich verarscht", weil auf einmal alles funktionierte.
Marko Grgic sprach nach seiner Gala-Vorstellung gegen Norwegen (sieben Treffer) von "Wurfglück" und nahm Lob nur unter der Einschränkung entgegen, dass es "bis zum nächsten guten Spiel nicht wieder 15 Spiele dauert". Nach dem zittrigen 30:28 über die Skandinavier verkündeten mehrere Feldspieler, Wolff habe das Spiel mit seinen 22 Paraden "alleine gewonnen". Wolff hatte sich von seiner Mannschaft danach gewünscht, "im Angriff ein paar Schippen draufzulegen".
Nach dem 27:30 gegen Serbien in der Vorrunde, als das deutsche Spiel in der zweiten Hälfte vor den Augen der Welt kollabierte und das DHB-Team einen kleinen Schritt vor dem Abgrund, also dem historisch frühen Aus stand, hatte es im deutschen Lager gekracht. Konstruktiv kritisch, aber mit offenem Visier.
"Sehr gewachsen"
Nein, dieses Team fliegt nicht durchs Turnier. Es arbeitete sich am Abgrund durch die Vorrunde, ging gegen die größten Gegner der Welt durch die höllische "Todesgruppe" und hat sich jetzt weiter in Richtung ihres höchsten Niveaus gepusht. Die Katastrophe immer vor Augen, den großen Traum im Kopf. Ein Drehbuch für einen Blockbuster. Helden, Dramen, Widerstände, Teamgeist. Downfall und Wiederauferstehung.
Die DHB-Auswahl sei "als Mannschaft sehr gewachsen in diesen Wochen", sagte Gislason nach dem Spiel gegen Frankreich. Nun machte seine Mannschaft den nächsten Schritt. Anders als in den Spielen zuvor brauchte es keine individuelle Leistungsexplosion, diesmal regelte man es gegen bis zum Schluss resiliente Kroaten über den kompletten Kader. Sechs Spieler erzielten vier oder mehr Tore, Rechtsaußen Lukas Zerbe war mit sechs Treffern bester Schütze des deutschen Teams.
Die staunenden Gebrüder Mikkelsen, die das deutsche Spiel von der ersten bis zur letzten Sekunde verfolgt hatten, bekamen großes Kino geboten. Der Film aber ist noch nicht vorbei. Der Höhepunkt kommt erst noch.