Deutschland vor EM-CoupSorry, Bundestrainer
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kämpft um die erste EM-Medaille seit dem Sensations-Triumph von 2016. Der Weg durchs Turnier war besonders für den Bundestrainer steinig. Nun ist es Zeit für eine Entschuldigung.
Zehn Minuten vor Schluss einer nervenaufreibenden, intensiven, schlicht enorm wichtigen EM-Partie seiner deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte Alfred Gislason einen großen persönlichen Moment: Der ehemalige Nationalspieler Islands riss die Arme hoch, als hätte er gerade selbst ein Tor erzielt. Er, der sonst 60 Minuten lang etwa 20 verschiedene Gesichtsausdrücke zwischen "angespannt" und "erbost" aus seinem Gesicht presst, gönnte sich ein verschmitztes Lächeln, wie er es sonst nur gerne nach dem Spiel zeigt. Dabei hatte er "nur" mit einem perfekt getimten Schlag auf den Auszeit-Buzzer einen teuren deutschen Ballverlust verhindert.
30:28 stand es da für ein beeindruckendes DHB-Team gegen Europameister Frankreich. Statt des möglichen Anschlusstreffers zog Deutschland nach Gislasons Time-Out-Coup wieder auf 31:28 davon. Am Ende hatte das DHB-Team die zweitbeste Handball-Mannschaft der Welt überzeugend mit 38:34 (19:15) niedergerungen. Am Abend (17.45Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) spielt Deutschland deshalb tatsächlich um den Einzug ins EM-Endspiel.
Der Weg dorthin war steinig für Gislason, nicht nur, weil die Auslosung für die deutsche Mannschaft einen "Albtraum" (Torwart Andreas Wolff) bereit hielt. Im Verlauf dieser EM, die Gislason schon vor dem ersten Anwurf als "das härteste Turnier" seiner Karriere bezeichnete, ergoss sich eine Menge Kritik über die Trainerlegende. Nach dem erschreckenden 27:30 in der Vorrunde gegen Serbien, als die hochgelobte deutsche Mannschaft eine desaströse zweite Halbzeit gespielt hatte, hatten Ex-Profis und Experten gewütet. "Scheiße gecoacht, Alfred", sagte 2007-Weltmeister Michael Kraus im "Harzblut"-Podcast von Dyn. Andere Medien - auch ntv.de - nahmen die Äußerungen in Momenten des Zweifels am Erfolg der komplizierten EM-Mission auf.
"Verstehe ich nicht"
Gislason hatte gegen Serbien mit zahlreichen Wechseln die Statik des deutschen Angriffsspiels zerstört. Der selbstkritische Juri Knorr ärgerte sich: "Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit niedergerannt - und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht." Der bittere Höhepunkt des frustrierenden Abends war ein Buzzer-Fauxpas: Gislason hatte einen Wimpernschlag zu früh gebuzzert und damit seinem Spieler Juri Knorr den Ausgleich zum 26:26 geraubt. In der Folge verlor Deutschland erst den Faden und dann auch das Spiel. Der Bundestrainer übernahm die Verantwortung für die Niederlage.
Zwei Tage lang musste die deutsche Mannschaft gegen das drohende Desaster anarbeiten, das ein Vorrundenaus bedeutet hätte. Auch Gislasons Job dürfte ernsthaft in Gefahr gewesen sein, der Vertrag mit dem DHB läuft bis nach der Heim-WM im kommenden Januar. Dank eines sensationellen Sieges Österreichs über Serbien und des eigenen 34:32-Erfolgs über Spanien zog das DHB-Team schließlich sogar als Gruppensieger in die Hauptrunden-"Todesgruppe" ein.
Der Bundestrainer, zuvor einer der erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt, hatte rund um das Spiel gegen Spanien offenbar Großes gewirkt: "Alfred hat ein paar Sachen angesprochen, die wichtig waren und uns auch abseits des Handballs ein gutes Gefühl gegeben haben. Er hat viele richtige Dinge gesagt", lobte Kapitän Johannes Golla eine Ansprache seines selbst unter Druck stehenden Trainers. Und Knorr ergänzte: "Ich habe bei Alfred eine andere Lockerheit gespürt, die hat sich vielleicht auf uns übertragen."
Dazu lieferte Gislason dann am Abend eine Masterclass in Sachen Spielmanagement. Er rotierte seine Spieler und Formationen in Abwehr und Angriff filigran, jede Idee schien aufzugehen. Es war das erste Mal, dass die hochgelobte Breite im deutschen Kader tatsächlich zu einem wichtigen Faktor im Turnierverlauf werden könnte. Der Bundestrainer hatte im Moment des größtmöglichen Drucks die bestmöglichen Entscheidungen getroffen.
Irgendwer findet sich immer
Nachhaltig vertrauensbildend war das jedoch nicht. Auch für seine Entscheidung, im ersten Hauptrunden-Matchball-Spiel weitestgehend auf Torwart Andreas Wolff nach dessen Wunder-Spiel zuvor gegen Norwegen (30:28) zu verzichten, wurde Gislason wieder heftig kritisiert. Weil er dazu die etatmäßigen Außen Lukas Zerbe und Lukas Mertens gleich auf die Tribüne setzte, gab es wütende Kommentare zwischen "er schenkt ab" und "er hat sich verpokert". Gislason hielt das nach dem 25:31 gegen den Serienweltmeister aus, erklärte seine Gedanken und machte weiter. Zwei Tage später zerlegte sein Team die wütend auf Revanche fürs dramatisch verlorene Olympia-Viertelfinale von Lille sinnenden Franzosen.
Das DHB-Team präsentiert sich bei dieser Europameisterschaft unbefriedigend unregelmäßig tatsächlich als Mannschaft von Weltklasseformat. Unter starke Auftritte wie das 34:32 in der Vorrunde gegen Spanien oder das berauschende 38:34 gegen wilde Franzosen, mischen sich Zitterpartien wie das Duell mit Norwegen oder eben das beinahe so verhängnisvolle Serbien-Spiel.
Beeindruckend regelmäßig schafft es Gislason aber, in den entscheidenden Momenten einen Spieler aufzutreiben, der individuell ganze Spiele prägt. Andreas Wolff mit seiner 22-Paraden-Show gegen Norwegen (30:28), in dessen Schatten der bis dahin so unglückliche Shooter Marko Grgic in der zweiten Hälfte explodierte und sieben Tore warf. Miro Schluroff, der zuvor Dänemark-Besieger Portugal mit einer 30-Minuten-Gala sturmreif geschossen hatte. Oder eben der verzweifelnde Juri Knorr, der beim Wettschießen gegen Frankreich zehn Treffer erzielte und in dessen Fahrwasser die Last des Toreschießens in der zweiten Hälfte immer gleichmäßiger verteilt wurde.
Das alles sind keine Glückstreffer, sondern auch Ausdruck einer Entwicklung, die der Bundestrainer genommen hat: Er nutzt gerne seine Bank, wo er früher - auch mangels der Masse an hochkarätigen Alternativen - oft zu lange an seiner ersten Idee festgehalten hatte. Augenfällig war das zuletzt an gleicher Stelle geworden, als er seinen besten Linkshänder Renars Uscins im WM-Viertelfinale gegen Portugal (30:31 n.V.) so lange spielen ließ, bis der völlig entkräftete Jungstar keine richtigen Entscheidungen mehr treffen konnte. Das passiert beiden nicht noch einmal. Die Wechsel des Bundestrainers sind heute nicht Ausdruck von Verlegenheit, sondern von Qualität.
"Das wäre großartig für mich"
Das kann nicht immer gut gehen, aber es hat Deutschland ins Halbfinale geführt. Handball ist - entschuldigen Sie die Binse - ein Ergebnissport. Das DHB-Team hat Widerstände überwunden, auch weil der Bundestrainer immer wieder Lösungen gefunden und Schäden repariert hat. Es hat große Handball-Nationen wie Norwegen, Spanien und Frankreich geschlagen, dazu die Portugiesen, die gegen Dänemark für die größte Sensation dieses Turniers gesorgt haben. Deutschland hat die schwerste Hauptrundengruppe, die es jemals bei einer EM gab, gen Halbfinale verlassen.
"Ich bin extrem stolz auf die Mannschaft. Es ist eine großartige Leistung, wenn man diese Gruppe sieht, durch die wir durchgegangen sind", sagte Gislason zu Recht. Auch wenn nicht alles perfekt war, auch wenn das Desaster ein realistisches Szenario war: Das alles ist kein Zufall, sondern auch die Summe der Entscheidungen von Alfred Gislason. Vielleicht ist es Zeit für eine Entschuldigung wegen all der Zweifel und dem kritischen Mikromanagement, wo doch das große Ganze funktioniert. "Jeder im Welthandball weiß, dass diese Mannschaft am Anfang steht", drohte Gislason schon der Konkurrenz. Die DHB-Auswahl sei "als Mannschaft sehr gewachsen in diesen Wochen".
Nicht auszudenken, wenn das deutsche Spiel nun auch noch im Verbund auf höchstem Niveau funktionieren würde, wie es gegen Frankreich phasenweise gelang. Es ist noch Luft nach oben, sein bestes Spiel hat diese Mannschaft noch nicht gespielt. Am Abend spielt die deutsche Mannschaft mit ihrem Trainer um den Einzug ins Endspiel der Europameisterschaft.
"Ich habe all diese Medaillen - außer die Nationalmannschaftsmedaillen. Wenn wir es schaffen könnten, in das Finale zu kommen... Das wäre großartig für mich - auch persönlich", sagte Gislason, der als Vereinstrainer zweifacher Champions-League-Sieger und zigfacher Deutscher Meister ist. Es geht bei dieser EM längst nicht mehr um Alfred Gislasons Job. Oder die Zukunft des Handballs in Deutschland. Es geht um etwas ganz Großes. Und vielleicht um den Beginn von etwas noch Größerem. "Diese Mannschaft kann sicherlich acht Jahre in dieser Form zusammenbleiben", sagte ihr Trainer.
