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Historische Chance für BaraouDeutscher Box-Champion zieht in WM-Kampf, den er nicht gewinnen soll

29.01.2026, 19:17 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Abass Baraou (r.) ist in bester Verfassung und will den historischen Coup. (Foto: IMAGO/Torsten Helmke)

Abass Baraou wandelt auf den Spuren zweier deutscher Box-Legenden. Und dennoch kann der Oberhausener am Wochenende Geschichte schreiben. In Puerto Rico kann er seinen zweiten Gürtel gewinnen, doch es gibt seltsame Nebengeräusche.

Boxweltmeister Abass Baraou bietet sich am Wochenende eine historische Chance. Der Mann aus Oberhausen kann erreichen, was noch kein deutscher Preiskämpfer geschafft hat. In San Juan kämpft Baraou nicht nur gegen einen hochgehandelten Konkurrenz-Champion, sondern auch gegen die Mächte des Geschäfts - und ausgerechnet in Deutschland bekommt es kaum einer mit.

"Ich bin bereit, Geschichte zu schreiben", sagte Abass Baraou vergangene Woche im Telefon-Interview mit ntv.de/sport.de. Der WBA-Weltmeister im Halbmittelgewicht hatte gerade seine letzte Sparrings-Einheit in seiner Trainings-Heimat Miami absolviert. "Die harte Arbeit ist getan, jetzt geht es darum, sich gut zu fühlen, um gute Energie. Sorgenfrei rein in den Ring und mit allem umgehen, was der Gegner zu bieten hat." Mit dieser Devise setzte sich der Deutsche ein paar Tage später ins Flugzeug und machte vom Sunshine-State der USA in die Karibik rüber. Nach Puerto Rico - auf "feindliches" Terrain.

In San Juan trifft Baraou am späten Samstagabend auf den puerto-ricanischen Lokalhelden Xander Zayas, seines Zeichens WBO-Champion in der Gewichtsklasse bis 69,85 Kilogramm. Der Titel-Showdown im Halbmittelgewicht ist für Baraou eine historische Chance. Mit Dariusz Michalczewski und Sven Ottke ist bis dato lediglich zwei deutschen Preiskämpfern das Kunststück gelungen, die WM-Gürtel mehrerer Verbände zu vereinen. Aber: "Tiger" Michalczewski (1997) und "Phantom" Ottke (2003) schafften dies zuhause, wohlbehütet von ihren damaligen Promoter-Riesen Universum und Sauerland. Baraou ist nach seiner Trennung von Promoter Wasserman (früher Sauerland) ein "free Agent", tritt in San Juan ohne mächtige Strippenzieher im Rücken an.

Auf den Spuren von Michalczewski und Ottke

Ein deutscher Boxer, der im Ausland die WM-Titel zweier anerkannter Verbände erobert - das wäre ein Novum. Boxgeschichte. Baraou will sie in San Juan liefern. "Das motiviert mich zu 100 Prozent. Wenn ich mir meinen Weg anschaue, bin ich schon dabei, für mich selbst Geschichte zu schreiben. Aber ich tue auch ein bisschen was dafür, deutsche Boxgeschichte zu schreiben. Es freut mich, dass ich Rekorde aufstellen und große Geschichte schreiben kann", sagt der 31-Jährige.

Das deutsche Boxen im faustkampfverrückten Puerto-Rico "zu repräsentieren und auch wiederzubeleben, ist für mich eine riesengroße Ehre", betont Baraou. In die Fußstapfen der Ring-Legenden Michalczewski und Ottke zu treten -, "das reizt mich".

Schon im Sommer vergangenen Jahres hatte Baraou ein echtes Statement gesetzt. In Orlando bezwang er den von Youtube-Influencer Jake Paul protegierten Kubaner Yoeniz Tellez in einer spektakulären Zwölf-Runden-Schlacht nach Punkten. Der Kämpfer aus dem Ruhrpott gewann zunächst den Interims-WM-Titel der WBA.

Weil Weltmeister Terence Crawford kurz darauf ins Supermittelgewicht wechselte (und Superstar Canelo Alvarez entthronte), stufte der Verband Baraou zum vollwertigen Weltmeister hoch. Schon das war ein geschichtsträchtiger Erfolg: Außer Baraou haben nur zwei andere Deutsche in den USA einen Titelkampf gewonnen: Box-Ikone Max Schmeling (1930/31) und der amtierende Cruisergewichts-Weltmeister Noel Mikaelian (2023, 2025).

Baraous WM-Fight in Deutschland unter dem Radar

In San Juan will Baraou seinen Orlando-Triumph veredeln, Gürtel Nummer zwei "mit nach Deutschland bringen". Doch ausgerechnet in der Heimat ist sein Auftritt nicht auf dem Radar. Er habe versucht, den Kampf auf dem deutschen TV-Markt zu platzieren, berichtet Baraou. Ohne Erfolg. Nicht einmal der Streaming-Riese "DAZN", der sich als globale Heimat des Boxens inszeniert, hat die TV-Rechte erworben. Wer den Kampf am frühen Sonntag verfolgen will, muss sich bei "Facebook" (!) einloggen. Dort wird die WBA/WBO-WM auf dem Kanal von Zayas' Promoter "Top Rank" im Livestream übertragen.

Einfach wird die Zwei-Gürtel-Mission für Baraou nicht. Local Hero Zayas gilt im Halbmittelgewicht als großes Zukunftsversprechen. Der 23-Jährige ist in 22 Kämpfen ungeschlagen, glänzt im Ring mit sauberer Technik und guter Beinarbeit. Vor allem aber hat Zayas den Heimvorteil - in jeder Hinsicht. US-Box-Gigant "Top Rank" veranstaltet die Show in Puerto Rico. Die Firma von Promoter-Legende Bob "Bobfather" Arum (94 Jahre alt) will Zayas sowohl in Nord- als auch Lateinamerika zum Star machen. Baraou soll eine Durchgangsstation sein.

Der Kampf gegen die Mächte des Boxgeschäfts

In San Juan ist alles auf Zayas ausgerichtet. Nichts soll schiefgehen, was den geplanten Heimsieg verhindern könnte. Die Mächte des Geschäfts wirken schon vor dem ersten Gong. "Als der Kampf festgemacht wurde, ging es mir nicht ums Geld. Unsere einzige Forderung waren neutrale Offizielle", sagt Baraou. "Ich bin ein Weltmeister, der bereit ist, nach Puerto Rico zu gehen, um gegen einen Puerto-Ricaner zu kämpfen, der den WBO-Titel hat - eine Organisation mit Sitz in Puerto Rico."

All das habe ihn nicht geschert, "solange es im Ring fair zugeht", so Baraou. Zum Start in die Kampfwoche habe man ihm dann aber plötzlich mitgeteilt, dass die puerto-ricanischen Regeln vorsehen, dass der Ringrichter und mindestens ein Ringrichter aus Puerto Rico kommen müssen. Ein Unding. "Wir haben das abgelehnt, wir haben einen Vertrag, der neutrale Offizielle festschreibt", sagt der Deutsche. Es sei "verrückt, einen Vereinigungskampf ohne neutrale Richter zu haben".

Ob Baraou mit seinem Widerspruch etwas bewirkt, ist fraglich. Keine Frage: Er muss in der Höhle des Löwen in die Vollen gehen. Dass er dazu fähig ist, hat Baraou gegen Tellez bewiesen. Den favorisierten Kubaner walzte der Revierkämpfer mit togolesischen Wurzeln zum Entsetzen von Promoter Paul regelrecht platt. In der Schlussrunde, als Tellez pumpte wie ein Maikäfer, explodierte Baraou, schickte seinen Gegner auf die Bretter, wurde verdient zum einstimmigen Punktsieger erklärt. Ob er bei ähnlichem Verlauf auch in San Juan ein gerechtes Urteil bekommt?

"Ich muss den Kampf klar gestalten, muss so gut boxen, dass selbst, wenn man mir den Sieg wegnehmen wollen würde, das nicht möglich ist. Ich muss dominant boxen und gewinnen", weiß Baraou. "Ich hatte in meiner gesamten Karriere immer den Drang, dass ich den Kampf doppelt gewinnen muss, egal, wo er stattfindet. Ich habe vor, ganz klar zu gewinnen. Wenn es vorzeitig geht, kann ich mir das selbst zuschreiben und muss mich nicht auf andere verlassen. Mit dieser Einstellung gehe ich in den Kampf rein."

Das Auswärtsspiel sei eine "große Aufgabe", die ihn aber nur "noch mehr motiviert", sagt der Linksausleger. "Ich will solche Kämpfe und Gegner, die das Beste aus mir rausholen. Aufgaben, die nicht jedermann meistern kann. Das wird mich ausmachen, wenn ich diese Aufgabe, diese Herausforderung überstanden habe. Ich kann es nicht erwarten, da in San Juan die Hütte abzureißen."

"Fürs Boxen, für die Fans ist das ein sehr guter Fight"

Stilistisch verspricht der Kampf einiges. Zayas, der Allround-Techniker, boxt gerne aus der Distanz, bewegt sich viel, punktet mit Kombinationen. Baraou dagegen ist das, was die Amerikaner einen "Pressure Fighter" nennen. Er marschiert, macht Druck, erdrückt seine Rivalen. Aber der dekorierte Amateur ist eben auch keine blindwütige Offensivmaschine, agiert zwischen den Seilen kontrolliert und technisch ebenfalls versiert.

"Ich bin ein Angriffskämpfer, das ist meine Qualität, aber ich kann mich auch gut anpassen", erläutert Baraou. "Ich verfüge über die Erfahrung und den Ring-IQ, er (Zayas) ist sehr technisch, bewegt sich gut - fürs Boxen, für die Fans ist das ein sehr guter Fight."

In puncto Routine spricht viel für des Gast. Der im "Ländle" in Aalen geborene Baraou hat schon viele Schlachten über die volle Distanz von zwölf Runden geschlagen. In England, in den USA, in Deutschland, wo er 2020 gegen Landsmann Jack Culcay die einzige Niederlage in 18 Kämpfen kassierte - umstritten nach Punkten.

Zayas hingegen hat erst einen Kampf über alle Zwölfe in den Knochen. Der Lokalmatador muss dem Druck standhalten, den die puerto-ricanischen Box-Sehnsüchte aufbauen. Und dem Druck, den Baraou im Ring erzeugt. Keine leichte Aufgabe, auch wenn Zayas' Trainer Javiel Centeno vollmundig angekündigt hat, sein Mann sei genau der Richtige, um einen Offensivmann wie Baraou "zu zähmen". Der allerdings strotzt vor Selbstvertrauen. "Ich glaube, Zayas ist sehr von sich überzeugt, wird aber sein blaues Wunder erleben", sagt Baraou: "Ich muss ihn boxerisch mundtot machen, dass er keine Lösung findet. Je verzweifelter er wird, desto besser sieht es für mich aus. Ich werde klug boxen, aufpassen und versuchen, ihm meine Linie aufzudrängen."

Profitiert Baraou vom Kabayel-Boost?

Bleibt die Frage, warum (Sport-)Deutschland so wenig Interesse an einem Weltmeister wie Baraou zeigt? "Woran das liegt, weiß ich nicht. Das Boxen in Deutschland ist ein wenig in den Hintergrund geraten. Ich finde da nicht wirklich eine Erklärung für. Ich bringe ja Leistung unter den deutschen Farben. Vielleicht muss man so viel erreichen, dass es nicht mehr zu übersehen ist", vermutet der WBA-Champion.

Das gelungene "Homecoming" seines Pott-Nachbarn Agit Kabayel aus Bochum am 10. Januar in Oberhausen hat Baraou mit Freude verfolgt. "Es freut mich, dass sich da alle zusammengetan und Trommelwirbel gemacht haben. Ob mir das auch etwas bringt, weiß ich nicht. Zumindest bringt es Aufmerksamkeit", sagt er. Bisher scheint der Kabayel-Boost aber noch auf das Schwergewicht, die Königsklasse des Boxens, begrenzt.

Abass Baraou will das mit einem Sieg in Puerto Rico ändern. "Meine ganze Konzentration gilt dem 31. Danach wird mir die Welt offenstehen. Vielleicht gibt es mit zwei Gürteln dann ja eine Titelverteidigung in Deutschland", sagt er: "Wenn alles glattläuft wie geplant, habe ich ein Topniveau erreicht. Dann kann man den Ton selbst bestimmen."

Quelle: ntv.de

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