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Allen macht Buffalo relevant Die zerstörerische Kraft des NFL-"Katapults"

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Entwischt.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Um Erfolg zu haben, braucht ein NFL-Klub einen starken Quarterback. Das war Josh Allen bei den Buffalo Bills zwei Jahre lang nicht. Nun ist er zum Star aufgestiegen - und der einzigartige Verlierer aus Buffalo wird wieder ernst genommen.

Wenn Talentspäher der National Football League an amerikanischen Colleges nach Quarterbacks suchen, dann achten sie gerne auf Größe und Wurfarm. Josh Allen hat beides. Der Spielmacher der Buffalo Bills misst 1,96 Meter und kann den Football nach Angaben seines Teamkollegen Zack Moss "wahrscheinlich weiter als 100 Yards werfen".

In seinen ersten beiden Profijahren war dieser Josh Allen jedoch ein Beispiel dafür, dass Größe und Wurfarm vielleicht ideal sein mögen, um es in die NFL zu schaffen, aber eben noch lange keine Garantie sind, um auch ein guter NFL-Quarterback zu sein. Vor allem an der Präzision seiner Pässe haperte es. Und so schrieb die "New York Times", Allen habe die "Genauigkeit eines mittelalterlichen Katapults".

Das mag gemein klingen, doch die NFL-Statistiken bestätigten diesen Eindruck. In seiner ersten Saison, 2018, war Allen mit einer "completion percentage" von 52,8 Prozent Schlusslicht aller Quarterbacks. Ein Jahr später kamen dann zwar schon 58,2 Prozent seiner Würfe beim Mitspieler an - doch damit war Buffalos Ballverteiler immer noch Letzter. In dieser Saison hingegen hat sich Allen auf 69,5 Prozent gesteigert, ist somit Vierter. Bessere Werte haben nur Aaron Rodgers (Green Bay/70,7), Drew Brees (New Orleans/70,6) und DeShaun Watson (Houston/70,2).

Das Selbstbewusstsein wächst hörbar

Allens Aufstieg ist eine der großen Storys dieser NFL-Saison. Er hat sich innerhalb eines Jahres unter die Elite der Quarterbacks gespielt, es als erster Playmaker der NFL geschafft, mit seinen Pässen mehr als 4500 Yards Raumgewinn zu erzielen, zugleich mehr als 35 Touchdown-Vorlagen zu geben und selbst mehr als fünfmal mit dem Football in die gegnerische Endzone zu laufen.

Dass die Bills mit einer Bilanz von 13:3-Siegen die beste Vorrunde seit 1991 gespielt und am vergangenen Wochenende durch einen 27:24-Sieg gegen die Indianapolis Colts erstmals seit 1996 wieder ein Playoff-Spiel gewonnen haben, lag zu einem Großteil an ihm. Zwei seiner Pässe führten zu Touchdowns, einen weiteren Touchdown erlief er selbst. Im bislang wichtigsten Spiel seiner Karriere bewies Allen erneut, dass er ein vielseitiger Playmaker ist, mit seinen schnellen Beinen fast genauso gefährlich wie mit seinem rechten Arm.

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Erfolg gab es in Buffalo lange nicht.

(Foto: USA TODAY Sports)

Und er gilt, wer hätte das vor einem Jahr gedacht, neben den Quarterback-Stars Aaron Rodgers und Patrick Mahomes, als Kandidat für die Auszeichnung "Wertvollster Spieler" (MVP). "Ich denke nicht, dass ich besser bin als irgendjemand. Aber ich weiß, dass ich mich mit jedem messen kann", sagt der 24-Jährige mit dem Selbstbewusstsein eines Anführers, dessen Team seit dem 15. November kein Spiel mehr verloren hat.

Ritterschlag von der Legende

Diese Siegesserie von sieben Spielen nacheinander wird im Playoff-Viertelfinale von den Baltimore Ravens getestet werden. Einem Team, das ähnlich stark in Form ist, wie die Bills. Und das mit Lamar Jackson als noch amtierendem MVP einen Quarterback hat, der mit seinem Laufspiel sogar noch gefährlicher sein kann als Allen.

Der wiederum bekam vor einigen Wochen schon eine Art Ritterschlag von dem Mann, der in Buffalo der Gradmesser schlechthin ist, wenn es um Quarterbacks geht: Jim Kelly. "Josh wird alle meine Rekorde brechen", meinte Kelly. Kurz darauf hatte Allen ihm mit 37 Touchdowns und Pässen über 4544 Yards Raumgewinn innerhalb einer Saison bereits die ersten beiden Bestmarken abgenommen.

Jim Kelly war vor 30 Jahren Star-Spielmacher der Bills. Anfang der Neunziger, als Buffalo in der NFL der Inbegriff für Titelträume und Tragik zugleich war. Von 1991 bis 1994 stand der Klub viermal nacheinander im Super Bowl. Das hat in der Endspiel-Geschichte kein anderer Verein geschafft. Allerdings haben die Bills viermal verloren - auch das ist einzigartig. Buffalo gilt seitdem als das Sinnbild eines Final-Verlierers.

"Das wird was" schon am ersten Tag

Wenn über die starke Saison des Teams von den Niagara-Fällen geredet wird, darf Stefon Diggs auf keinen Fall fehlen. Der Wide Receiver kam im März von den Minnesota Vikings. Und sie waren sich in Buffalo nicht ganz sicher, welchen Stefon Diggs sie erleben würden. Den herausragenden Ballfänger - oder die mitunter launische Diva? Die Antwort gab es bereits Ende Mai.

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Kein Spieler fing in dieser Saison mehr Pässe als Diggs.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Da trafen sich die Offensivspieler der Bills in Südflorida zu einem Mini-Trainingslager. Als Davis Webb, einer von Buffalos Ersatz-Quarterbacks, Diggs und Allen vor der ersten Einheit sah, hatte er umgehend ein gutes Gefühl. "Stef stieg aus seinem Wagen aus und es hat von Beginn an zwischen beiden gepasst. Am ersten Tag kam jeder Pass an", erinnert sich Webb.

Anschließend, so berichtete "The Athletic", habe Webb Offensive Coordinator Brian Daboll eine SMS geschickt. Er fasste sich kurz, brauchte nur fünf Wörter, um Daboll das mitzuteilen, was er unbedingt wissen sollte. "This is going to work." (Das wird was.) Und es ist tatsächlich was geworden. So beeindruckend Allens Zahlen seien mögen, Diggs' Daten sind noch imposanter. Er trug sich mit 127 gefangenen Pässen und einem erlaufenen Raumgewinn von 1535 Yards nicht nur jeweils ganz oben in der Bills-Bestenliste ein, sondern ist mit beiden Statistiken auch ligaweit die Nummer eins.

Die erfolgreichste Kombi der gesamten Liga

Das oft millimetergenaue Zusammenspiel von Allen und Diggs ist umso erstaunlicher, da aufgrund von Covid-19 eine normale Saisonvorbereitung nicht möglich war, viele Einheiten vor dem Computer stattfinden mussten. Allen betont gerne, dass seine Wide Receiver nicht bei jedem Spielzug an einer bestimmten Stelle auf dem Rasen sein müssen, sondern sich einfach freilaufen sollen, so gut es ihnen möglich ist - und dann werde er sie schon finden. Diggs hat mehrfach bewiesen, dass dies tatsächlich umsetzbar ist.

"Ich versuche einfach, die Spielzüge zu machen, die von mir erwartet werden - egal, ob sie perfekt sind oder nicht", sagt Diggs. Nur so, ergänzt der 27-Jährige, sei es möglich, eine Beziehung, eine Chemie und somit ein starkes Team aufzubauen. Allen hat Diggs 166-mal anvisiert - keine andere Quarterback-Wide-Reicever-Kombination der Liga kommt auf einen solchen Wert. Obwohl beide noch in der Eingewöhnungsphase waren, hatte Diggs bereits im zweiten Spiel acht Pässe gefangen, 153 Yards erlaufen und einen Touchdown erzielt. Er spielte so stark, dass Wide Receiver Isaiah McKenzie vom Teamkollegen zum Bewunderer wurde. "Ich dachte nur, wenn der erstmal alle Spielzüge und Laufwege kennt, ist es vorbei. Dann können die anderen einpacken."

Doch die Bills sind in der Offensive nicht nur Allen und Diggs, sondern ein variantenreiches und in vielerlei Hinsicht gefährliches Team. Insgesamt 13 verschiedene Profis haben in dieser Saison ein Anspiel von Allen mit einem Touchdown beendet.

Der Quarterback hat sich in seiner dritten NFL-Saison durchgesetzt, ist zum Führungsspieler aufgestiegen, hat ligaweit viel an Akzeptanz gewonnen. Und wenn man Josh Allen so zuhört, hat er wahrscheinlich seine beiden Lernjahre gebraucht, um dort zu sein, wo er nun ist. "Ich bin nicht perfekt, aber ich weiß jetzt, was ich tue."

Quelle: ntv.de