Sport

Die Debatte ist nicht zeitgemäß E-Sport ist Sport - alles andere ist von gestern

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Michael "MegaBit" Bittner hat den deutschen Meisterschaftstitel aus dem Vorjahr verteidigt.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Auch wenn sich klassische Sportarten in vielem vom digitalen E-Sport unterscheiden, gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit: Es ist beides Sport. Doch das sehen der DOSB und auch die Bundesregierung anders. Ein großer Fehler.

Werder Bremen ist Deutscher Meister - aber kaum jemand nimmt das wahr. Während die Fußballprofis in der Bundesliga gegen den Abstieg kämpfen, haben Werders E-Sportler den Titel in der virtuellen Bundesliga erfolgreich verteidigt. Allein, dass beides hier in einem Atemzug genannt wird, ist für viele Menschen eine Zumutung. Skeptische Haltung bis offene Ablehnung ist bei konservativen Sportfanatikern zu spüren, die nur schwerlich und viel zu langsam einer Diskussion auf Augenhöhe weichen. Dabei ist es längst nicht nur diskussionswürdig, sondern anerkennungspflichtig, dass E-Sport ein Sport ist.

Für professionelles Gamen sind enorme Reaktionsgeschwindigkeiten, mentale Stärke und besondere Auffassungsgabe erforderlich. 400 Bewegungen am Controller, an der Maus oder an der Tastatur und das nicht etwa in einer Stunde, sondern pro Minute. Ganz nebenbei ist das viermal so viel, wie Otto Normal schafft. Die Komplexität der Spiele ist hoch, für den Sieg brauchen die Spieler ein enorm hohes taktisches Verständnis.

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Der Cortisol-Spiegel liegt auf dem Niveau eines Rennfahrers, der sehr hohe Puls auf dem eines Marathonläufers. Damit sind Strategiespieler und Sportsimulations-Gamer ähnlich großen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt wie andere Spitzensportler. Nur nennen können sie sich offiziell so nicht. Wieso tut sich der Deutsche Olympische Sportbund trotzdem so schwer, E-Sport endlich als richtigen Sport anzuerkennen?

Oft sechs Stunden Training am Tag - mindestens. Training an der Konsole, Training für die mentale Stärke, Training für die körperliche Fitness. Dazu immer wieder neues Regelwerk und zusätzliche Trainingseinheiten, um damit zurechtzukommen. Diesen Trainingsalltag von dem eines Golf- oder Darts-Spielers zu unterscheiden, nur weil der vermeintlich weniger auf den Bildschirm starrt oder sich für eine Sportart entschieden hat, die seit Jahrzehnten von der Gesellschaft als Spitzensport akzeptiert ist, scheint sehr konstruiert.

Fifa und Co. leiden unter Vorurteilen

Das Spielen von Fortnite, Fifa und Co. sollte kein stigmatisierendes Hobby sein, das mit dem Vorurteil behaftet ist, eine Beschäftigung für Stubenhocker ohne Sozialkompetenz zu sein. Die offizielle Anerkennung als Sport kann da helfen - das hatte die Bundesregierung im Koalitionsvertrag 2018 auch so vorgesehen. Doch frei nach dem Motto "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" wälzt die Regierung die Bewertung und Entscheidung auf den DOSB ab. Und der entscheidet in einem Gutachten frei heraus: E-Sport ist kein Sport. Und warum? Weil E-Sport den altbackenen Kriterien des Sportbundes nicht gerecht wird. Die wichtigste Richtlinie: Sport ist erst dann Sport, wenn man sich bewegt. Das scheint der DOSB gerade in nicht nachvollziehbarer Vehemenz nur beim E-Sport anzuwenden, dabei definieren sich andere vom DOSB bereits anerkannte Sportarten wie Schach oder Darts über mentale Stärke sowie die Präzision und Intensität der Bewegung und nicht über den Umfang. Obwohl auch 400 Bewegungen am Controller da für sich stehen könnten.

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Der Fortnite Weltcup fand 2019 im berühmten Arthur-Ashe-Tennisstadion in New York statt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Klar könnte den E-Sportlern völlig egal sein, ob sie als gleichwertige Sportler anerkennt werden oder nicht, allerdings hängt von dieser Anerkennung so einiges ab. Es geht nicht nur wie immer ums Geld, sondern auch um ganz praktische Rahmenbedingungen. Immerhin: E-Sport-Veranstaltungen werden mittlerweile als Sportveranstaltungen eingestuft, ausländische E-Sportler bekommen dafür ein spezielles Visum und dürfen damit 90 Tage in Deutschland spielen. Länger aber nicht. Keine Lösung also für die großen E-Sport-Ligen, deren Spielzeiten sich über ein ganzes Jahr ziehen können.

So gesehen ein sehr zaghafter und scheinheiliger Versuch, der wachsenden E-Sport-Szene entgegenzukommen. Auch wenn E-Sport nicht offiziell als Sport anerkannt ist, mischen immer mehr traditionelle Sportvereine auch digital mit und gründen Teams. Dadurch wird E-Sport zumindest im Bereich der Sportsimulationen entscheidend professionalisiert - funktioniert so aber nur auf oberster Ebene, wie eben bei Klubs wie Werder Bremen. Unterstützung in Form finanzieller Förderung oder Steuererleichterungen über den Status der Gemeinnützigkeit gibt es seitens der Regierung nicht. Genau dadurch könnte die kommerzielle Herrschaft einzelner Anbieter allerdings ein Ende haben und die Türen würden sich öffnen für gute Nachwuchsarbeit und verbesserte Trainingsbedingungen, funktionierende Vereinsstrukturen und mehr Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Mehr E-Sport-Vereine statt kommerzieller E-Sport-Unternehmen wären wünschenswert. Doch so bleibt: Multimillionen-Geschäft ja, Sport nein.

Quelle: ntv.de