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Schicksalsspiel des DHB-Teams Ein Tor, das nur ein bisschen Angst vertreibt

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Der Flug zum Ausgleich: Marcel Schiller trifft, Deutschland darf jubeln.

(Foto: imago images/camera4+)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielt in diesen Tagen um Gegenwart und nahe Zukunft ihrer Sportart. Verpasst sie die Qualifikation für Olympia, droht schwerer Schaden. Das erste Nervenspiel bringt immerhin einen Punkt und gemischte Gefühle.

Axel Kromer ist eine mächtige Version von Mann, der ehemalige Bundesliga-Kreisläufer hat immer noch ein bemerkenswert breites Kreuz. Auf dem lastet dieser Tage viel Druck, in der Olympia-Qualifikation geht es nach zuletzt enttäuschenden Turnieren geht es in Berlin um mehr als Medaillenchancen, sondern um die Zukunft seines Verbandes, dem Stellenwert seiner Sportart in Deutschland. Am Freitag drückte der Druck den einstigen Athleten nieder, sogar im Teilerfolg. Zusammengesunken, arg angefasst saß der Topfunktionär auf der Tribüne der Max-Schmeling-Halle.

Minuten vorher hatte seine Mannschaft mit großem Kampf einen Punkt geholt, gegen den Vize-Weltmeister Schweden. Kromer brauchte erstmal seine Zeit, er setzte sich ein paar Meter von der jubelnden deutschen Delegation um Verbands-Vize Bob Hanning und Torhüter Andreas Wolff, der gegen die Schweden nicht ran durfte. Es war das Bild, was Druck mit und aus Menschen machen kann. Und es werden noch zwei harte Tage, denn um in Tokio sicher dabei zu sein, müssen noch zwei Siege her. Auf dem Spiel steht viel Geld für den Verband und die Strahlkraft des Sports im Schatten des Fußballs. Findet die Nationalmannschaft bei Großereignissen nicht statt, hat das strukturelle Auswirkungen. Es geht in den 180 Spielminuten von Berlin um die Substanz des Sports. DHB-Vize Bob Hanning brachte das Ende des Spiels auf den Punkt: "Wir leben noch!"

"Wir leben noch"

Nein, einen großen Befreiungsschlag hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft im ersten Nervenspiel des Mini-Turniers um die letzten Olympiatickets nicht gelandet. Durch das 25:25 gegen Schweden im ersten von drei Endspielen um die Zukunft des deutschen Handballs wurde aber ein Wirkungstreffer vermieden. Gegen den Vize-Weltmeister spielte das Team von Bundestrainer Alfred Gislason eine Hälfte ziemlich gut, dann ziemlich schlecht und dann, als zehn Minuten vor Schluss bei einem Vier-Tore-Rückstand schon alles verloren schien, auf einmal wieder effektiver. Als es drauf ankam, ließ die Mannschaft nicht nach, sondern blieb dran. Anstatt wie zu oft in der jüngeren Vergangenheit in der Crunchtime alles zu verspielen, sorgte Linksaußen Marcel Schiller mit dem letzten Torwurf der Partie für den Ausgleich. An einem schwierigen Tag, an dem man noch nichts gewinnen und nichts verlieren konnte, war das die bestmögliche Nachricht.

Denn dieses 25:25 ist das Maximum, mehr war am Ende einfach nicht drin. Anders als noch bei der WM im Januar, als man mit einem völlig unnötigen 28:29 in der Zwischenrunde gegen Ungarn ein durchaus mögliches Viertelfinale wegwarf oder dem kurz darauf folgenden 23:23 gegen Polen, das das schlechteste WM-Ergebnis in der Geschichte des deutschen Handball-Bundes besiegelt hatte. "Das war extrem wichtig. Wir brauchten dringend diesen einen Punkt. Ich bin insgesamt zwar nicht zufrieden mit unserer Leistung, aber jetzt ist weiter alles offen", jubelschimpfte der Bundestrainer diesmal hinterher entsprechend. "Die zwei, drei Paraden von Jogi Bitter haben uns nochmal die Möglichkeit gegeben ranzukommen und das haben wir dann auch gut gelöst", sekundierte Hanning.

Richtig gut war es wahrlich nicht, was die deutsche Auswahl aufs Parkett gebracht hatte. "Ich glaube, wenn man den Verlauf der zweiten Halbzeit sieht, dann können wir schon glücklich über den einen Punkt sein", sagte Marcel Schiller. "Wobei ich nicht sagen möchte, dass er unverdient ist. Wir haben in der ersten Halbzeit einen sehr guten Handball gespielt, kommen aber dann nicht gut in die zweite Halbzeit rein. Das hat sich dann auch so weitergezogen, wir sind immer wieder rangekommen und haben dann einfache Bälle hergegeben."

Kieler bringen Stabilität

Aber, auch das ist die Wahrheit dieses Spiels: "Ich glaube, dass wir insgesamt sehr gut gekämpft haben und alles reingehauen haben und deswegen ist der Punktgewinn auch verdient." Und Torhüter Johannes Bitter, der wie der zwischendurch eingewechselte Silvio Heinevetter beinahe nichts zu fassen bekommen hatte, dann aber in den Schlussminuten zwei freie Bälle hielt, fand: "Wir haben eigentlich eine gute erste Halbzeit gespielt. Wir waren locker und diese Lockerheit ist in der zweiten Halbzeit leider ein bisschen flöten gegangen. Wir waren direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit nicht mehr so im Fluss und haben uns wirklich schwergetan und sehr verkrampft gewirkt."

Gislason, der als Vereinstrainer alles gewonnen hat, das meiste mehrfach, wählte einen anderen Ansatz zur Druckabfuhr als Kromer: Der Isländer tobte, er begleitete die vielen unglücklichen Aktionen seiner Spieler vor allem in der ersten Hälfte der zweiten Halbzeit mit großer Körperlichkeit. Große Hoffnungen hatte Gislason und die Verbandsspitze vor dem Turnier in die Rückkehr des Kieler Trios Patrick Wiencek, Hendrik Peker und Steffen Weinhold gelegt. Alle drei hatten auf die WM in Ägypten aus privaten Gründen verzichtet, in Berlin verschafften Pekeler und Wiencek der deutschen Deckung wie erhofft mehr Stabilität.

Für Gislasons Ärger sorgte vielmehr der Angriff: Wieder und wieder nahmen sich die deutschen Rückraumschützen zu Beginn der zweiten Hälfte undisziplinierte Würfe - und schoss den schließlich überragenden Andreas Palicka im Tor der Schweden richtig warm. "Nachdem Palicka zwei, drei freie Würfe gehalten hat, geht der Rückraum gar nicht mehr in Richtung Tor", schimpfte der Bundestrainer nach dem Spiel in der ARD. Es war nicht die Angst vor dem Scheitern, es war die Angst vor Palicka, die das deutsche Angriffsspiel aus dem Rückraum lähmte. "Gegen ihn dürfen wir so nicht werfen, dafür ist er zu gut", schimpfte Gislason. Umso wichtiger, dass dafür die Außen in die Bresche sprangen: Rechtsaußen Timo Kastening traf viermal, Schiller erzielte wenige Sekunden vor Schluss seinen fünften Treffer.

Dass der Göppinger den letzten, den mehr noch für den Kopf als für die Tabelle entscheidenden Wurf nehmen durfte, lag auch an Uwe Gensheimer. Der Kapitän leistete sich für Gislasons Geschmack zu viele Fehlwürfe, schon mit dem ersten Siebenmeter des Nachmittags war der Linksaußen an Palicka gescheitert. Früh in Halbzeit zwei durfte Schiller ran - und traf, nicht nur als es darauf ankam. Gensheimer, so deutete es der Bundestrainer offen an, hat seinen Stammplatz wohl erstmal verloren. Eine Rolle, die dem Handball-Weltstar nicht schmecken kann, die er aber von der WM kennt. Mit der Schlusssirene war der Kapitän der erste entfesselte Gratulant bei Schiller, der ausgepumpt einfach im Kreis der Schweden liegen geblieben war. Es geht nicht um Stammplätze oder Medaillenchancen, es geht um mehr. Das ist allen klar.

"Slowenien wird ein richtiger Hammer"

"Weder mit einem Sieg, noch mit einer Niederlage ist irgendwas entschieden", hatte Gislason vor dem Spiel gesagt, mit diesem Unentschieden gilt das natürlich umso mehr. Gegen Slowenien steht aber nun das Schlüsselspiel auf dem Weg nach Tokio an. Gegen Schweden, den Vize-Weltmeister, gab es den Bonuspunkt, gegen Außenseiter Algerien muss man - bei allem Respekt für den Afrikavertreter - gewinnen. Die Slowenen haben diese Pflichtaufgabe am Freitag problemlos bewältigt (36:28). Bob Hanning, der zuletzt sein 2013 ausgegebenes Ziel "Gold in Tokio" noch einmal bekräftigte und sich dafür den Unmut von Mannschaft und Ligaspitze zugezogen hatte, warnt: "Slowenien wird ein richtiger Hammer." Torhüter Bitter nimmt die gute Erinnerung an den Schweden-Endspurt mit: "Wir hatten das Spiel dann schon fast verloren und dann haben wir aber versucht uns nochmal voll reinzuhauen und alles andere zu vergessen. Das hat geklappt. Wir haben das Olympia-Ticket immer noch selbst in der Hand, wir wussten, dass es ein sehr schweres Wochenende wird und mit zwei guten Spielen ist jetzt noch alles drin."

Gegen die Slowenen wird Andreas Wolff im Tor stehen, auch auf ihn, der bei der WM zu den Verlierern in einem geschlagenen Team gehörte, wird es ankommen. Am Freitag hatte Gislason seine vor dem WM-Debakel als "1a" ausgerufene Stammkraft auf die Tribüne verdammt, dort litt der Hüne vor allem in der zweiten Halbzeit sichtbar Qualen. Immer wieder sprang der 30-Jährige auf, schrie, gestikulierte, feuerte an, klatschte, schüttelte den Kopf und stromerte in seiner Sitzreihe herum. Am Ende jubelte er entfesselt. Dieser Druck. Wie Gislason sagte, der Punkt gegen die Schweden entschied noch nichts. Er ist nur der Schlüssel zum Glück, den Marcel Schiller für seine Mannschaft mi der letzten Aktion zurück erobert hat. Er liegt wieder in der eigenen Hand. Zwei Siege und die Angst ist sicher weg. Die deutschen Handballer gehen unter Druck nicht unter. Leiden tun nur die außen rum.

Quelle: ntv.de

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