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George Foremans Sternstunde Eine Box-Maschine zertrümmert Joe Frazier

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George Foreman: "Auf seinem Gesicht machte sich ein komischer Ausdruck breit. Da wusste ich, dass ich ihn habe."

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Joe Frazier hat 1973 große Pläne. Dem Weltmeister im Schwergewicht winkt ein millionenschweres zweites Duell mit Muhammad Ali. Im Weg steht nur noch ein Herausforderer namens George Foreman. Formsache für den K.o.-Experten? Von wegen! In Jamaika geht Frazier vor 50 Jahren in einem regelrechten Box-Gemetzel völlig unter.

Redundanz im Sinne der Sprachtheorie bedeutet, eine Information mehrfach zu nennen, obwohl das eigentlich nicht notwendig ist, um den Gesamtkontext zu verstehen. Für Howard Cosell war Redundanz am vierten Januar-Montag des Jahres 1973 dagegen ein Gebot der Stunde. Der Amerikaner, so schien es, musste die Information, die seine Reporter-Augen eben erfasst hatten, wiederholt an die Bildverarbeitungsstelle im Gehirn unter seinem Toupet übermitteln. "DOWN GOES FRAZIER!", brüllte Cosell in sein ABC-Mikrofon. "DOWN GOES FRAZIER!" Und ein drittes Mal: "DOWN GOES FRAZIER!"

Tatsächlich: Joe Frazier, der ungeschlagene Weltmeister im Schwergewicht, Bezwinger von Muhammad Ali, war zu Boden gefallen. Dorthin befördert hatte ihn sein Herausforderer im Kampf um den Boxtitel aller Klassen. In der ersten Runde. Es blieb nicht das einzige Mal, dass Frazier an diesem Abend Ringstaub bohnerte. Eine Runde und fünf Niederschläge später war das Faustduell vorbei. Der neue Champion hieß George Foreman.

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Howard Cosell sprach die legendäre Worte: "DOWN GOES FRAZIER!"

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Joe Frazier war Favorit am 22. Januar 1973 – 3,5:1-Favorit, um genau zu sein. Als solchen hatten ihn jedenfalls die Buchmacher in Las Vegas ins Wettrennen geschickt. Gewiss: George Foreman hatte 1968 in Mexiko-Stadt Olympia-Gold für die USA erkämpft, danach als Profi 37 Gegner kurz und klein gehauen. Allein: Bis auf den eisenharten Kanadier George Chuvalo – dessen bester „Schlag“ laut Box-Kenner Larry Merchant "die linke Wange gegen den rechten Handschuh" des Gegners war und den ein mitfühlender Ringrichter gegen Foreman stehend aus dem Kampf nahm –, bis auf eben diesen George Chuvalo fand sich in der Kampfbilanz des grobschlächtigen Texaners aus Houston kein Gegner von Rang und Namen.

Ein Champ im Zenit, aber dann ...

Frazier dagegen hatte erst im März 1971 Muhammad Ali im "Kampf des Jahrhunderts" bezwungen, den "Größten" dabei in der Schlussrunde mit seinem patentierten linken Haken gar gefällt. Seit fünf Jahren thronte "Smokin‘ Joe" an der Spitze des Schwergewichts, seine Lebensuhr zeigte 29 Jahre an. Ein Champ im Zenit. Der damals 24-jährige Foreman sollte nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Blockbuster-Revanche gegen Ali sein. Schon beim ersten Duell mit seinem Erzrivalen hatte Frazier mächtig abgesahnt: 2,5 Millionen Dollar. Für den anvisierten "Superfight II" standen noch größere Summen im Raum.

Immerhin: Geld verdienen ließ sich auch gegen Foreman, das stellte Don King sicher. Der flamboyante Promoter mit der Starkstromfrisur hatte eine von der jamaikanischen Regierung unterstütze Sponsorengruppe überzeugt, in Vorkasse zu gehen. Frazier wurde eine Börse von 850.000 Dollar garantiert, dazu 42,5 Prozent der Einnahmen aus Ticketverkauf und Pay-per-View. Für Foreman gab es 375.000 Dollar und 20 Prozent des Geldkuchens. Zum Schauplatz des "Sunshine Showdown" auf der Karibik erkor man das Nationalstadion in Jamaikas Hauptstadt Kingston.

Frazier versuchte Foremans Kampfgeist schon vor dem ersten Gong zu brechen. "Ich stampf‘ dich in den Boden, George", warnte der Weltmeister nach dem offiziellen Wiegen, als er seinen Herausforderer finster anstarrte. Foreman aber, dessen Augen ebenso freundlich wie grimmig dreinblicken konnten, ließen die Psychospielchen kalt. Er guckte böse zurück. Mit sanfter Stimme sprach Foreman in einer Presserunde über den Kampfstil des Titelverteidigers und seine Chancen auf den Titel. "Er kennt nur eine Art zu kämpfen. Er kommt geradewegs auf dich zu und ist dabei sehr offen." So kam es.

Foreman streckt frühes Geschoss regungslos weg

Als in Kingston vor 36.000 Zuschauern der Gong ertönte, rollte der 1,82 Meter große und 97 Kilogramm schwere Frazier im gewohnten Dampfwalzenstil auf "Big George" (1,93 Meter/99 Kilogramm) zu – und hatte zunächst Erfolg. Schon nach einer halben Minute krachte Fraziers berüchtigter linker Haken gegen Foremans rechten Wangenknochen. Der unerfahrene US-Boy steckte das Geschoss allerdings regungslos weg. Mit seiner langen linken Führhand hielt Foreman den rauchenden Joe auf Distanz, schob sich langsam, aber sicher in Schlagdistanz. Etwas mehr als eine Minute war auf der Uhr, als Foreman seinen Landsmann gegen die Ringseile trieb und erst mit einem fürchterlichen rechten Aufwärtshaken zum Körper, dann mit einem knallharten linken Haken zum Kopf malträtierte. Der Körpertreffer sei das Aha-Erlebnis gewesen, berichtete Foreman hinterher. "Ich habe gesehen, wie er zusammengezuckt ist. Auf seinem Gesicht machte sich ein komischer Ausdruck breit. Da wusste ich, dass ich ihn habe. Von da an war es nur eine Frage der Zeit."

Keine 40 Sekunden später explodierte ein weiterer rechter Aufwärtshaken im Gesicht des Champions – down goes Frazier. Der mit geradezu übernatürlichen Nehmerfähigkeiten gesegnete Mann aus Philadelphia berappelte sich zwar sofort, fand aber nie mehr in den Kampf zurück. Foreman, der einmal sagte, Boxen sei "wie Jazz" (mit dem Zusatz: "je besser es ist, desto weniger Leute können es schätzen"), mutierte in Jamaika zu einer Death Metal spielenden Zertrümmerungsmaschine. Wieder stellte er Frazier in der Ecke, wieder streckte er den einstigen Schlachtarbeiter mit seiner rechten Aufwärtskeule nieder. Niederschlag zwo kam einem Bolzenschuss gleich. Wie von allen Lebensgeistern beraubt sackte Frazier in sich zusammen – und kam doch wieder hoch. Kohlen hatte "Smokin‘ Joe" freilich keine mehr. "Er weiß nicht, wo er ist", beschrieb Cosell den Zustand des Titelverteidigers. Während Ringrichter Arthur Mercante den wackeligen Frazier anzählte, stand Foreman mit kaltblütigem Gesichtsausdruck in der neutralen Ecke. Bereit und gewillt, sein Werk fortzusetzen. Frazier hielt sich nicht lange auf den Beinen. Praktisch mit dem Gong zum Ende der Eröffnungsrunde fiel er zum dritten Mal aufs Hinterteil.

"Dieser Titel gehört nicht mir. Er gehört den Menschen."

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Die Minute Pause zwischen den Runden reichte Frazier bei weitem nicht aus, um sich zu erholen. Auf Puddings-Beinen trat der baldige Ex-Weltmeister wieder in den Ring – ein Homo Erectus auf Abruf. Drei weitere Male schickte Foreman seinen hoffnungslos unterlegenen Kontrahenten auf die Bretter. Derartig grausig war das Schauspiel, dass "Big George" mit flehenden Augen in Fraziers Ecke schaute. "Stoppt es, ich will ihn nicht umbringen", rief er Frazier-Manager Yank Durham zu. Der machte allerdings auch nach dem sechsten Niederschlag keine Anstalten, das Handtuch zu werfen. Wenigstens Referee Mercante hatte genug gesehen und brach das Gemetzel ab.

George Foreman spuckte nach seiner beeindruckenden Machtdemonstration auf Jamaika keine großen Töne. "Dieser Titel gehört nicht mir. Er gehört den Menschen. Man hat mir nur erlaubt, ihn für eine Weile auszuleihen", sagte der neue Weltmeister bescheiden. Joe Frazier gelang es nie wieder, sich den Schwergewichts-Titel zu leihen. Und auch Foremans Regentschaft war schon im folgenden Jahr wieder vorbei. Im legendären "Rumble in the Jungle" 1974 entthronte Muhammad Ali die K.o.-Maschine. Erst 20 Jahre später eroberte Foreman die Wander-Krone zurück – im rekordträchtigen Alter von fast 46 Jahren. In Las Vegas schlug eine rechte Gerade des Box-Opas am Kinn des 20 Jahre jüngeren Weltmeister Michael Moorer ein, kappte dessen Verbindung zwischen Gehirn und Beinen. "It happened … it happened!", rief HBO-Kommentator Jim Lampley. Relativ Redundant.

Quelle: ntv.de

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