Fußball-WM 2010

Schweinsteiger überragt, Ballack verliert Tops und Flops des Nationalteams

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(Foto: dpa)

Die Weltmeisterschaft ist vorbei, die Nationalspieler auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub. Zeit, die Leistungen der deutschen Kicker einem Resümee zu unterziehen. Welche Spieler gehören zu den Gewinnern des Turniers? Wer hat enttäuscht? Und was wird aus Michael Ballack?

GEWINNER

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Er ging voran: Philipp Lahm, zur Führungspersönlichkeit gereift.

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Philipp Lahm: Als Aushilfskapitän angetreten, füllte er seine Rolle so modern aus, dass eine Rückkehr zum alten Leitwolf-System gar nicht mehr denkbar ist. Spielerisch auf seiner geliebten rechten Abwehrseite über jeden Zweifel erhaben.

Arne Friedrich: In der Redaktion aufgrund seiner filigranen Rettungsaktion gegen zwei Engländer im eigenen Strafraum nur noch Diego genannt, rief der Berliner über das gesamte Turnier seine Bestform ab. Noch vor wenigen Wochen nach dem Abstieg der Hertha im Tal der Tränen, lieh er seinem Partner Per Mertesacker die starke Schulter, an der der Bremer sich zu seiner alten Souveränität aufrichten konnte. Verzauberte damit seinen ehemaligen Manager Dieter Hoeneß so sehr, dass dieser ihn mit einem Rentenvertrag in Wolfsburg ausstattete.

Bastian Schweinsteiger: Der Münchner nahm Kapitän Philipp Lahm Arbeit ab und betätigte sich als Lautsprecher. Anders als Diego Maradona ließ Schweinsteiger den Worten dann aber auch Taten folgen und stieg so im Verlaufe des Turniers zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt auf. Überragend im Zweikampf, stopfte der 25-Jährige die Löcher zwischen Abwehr und Sturm so zuverlässig, dass Kollege Khedira immer wieder gefährlich nach vorn stoßen konnte.

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Özil und Müller, die Springinsfelde der Nationalmannschaft.

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Thomas Müller: Fünf Tore. Drei Vorlagen. Bester Torschütze der Weltmeisterschaft. Bester junger Spieler der Weltmeisterschaft. Bester Enkelsohn der Weltmeisterschaft ("Liebe Grüße an meine beiden Omas und Opas. Das war lange überfällig."). Bester Müller seit 1974. Wo will der noch hin?

Mesut Özil: Der Bremer verkörpert wie kein anderer Spieler das große Versprechen, das diese Mannschaft gegeben hat. In seinen großen Momenten brillierte Özil technisch versiert und mit viel Überblick im offensiven Mittelfeld, um im nächsten Moment unkonzentriert bis zur Fahrlässigkeit zu agieren. Schaffen seine Trainer Schaaf und (wahrscheinlich) Löw es, diesem Rohdiamanten den entscheidenden Schliff zu geben, sehen wir Özil bald nur noch im Pay-TV. Und vielleicht in zwei oder vier Jahren vor dem Brandenburger Tor, mit einem Pokal in der Hand.

Miroslav Klose: Der so oft verspottete und abgeschriebene Stürmer zeigte sich in der jungen Mannschaft für die deutschen Tugenden verantwortlich. Allen Unkenrufen zum Trotz war Klose wieder auf den Punkt topfit, biss sich über den Kampf in die Spiele (auch wenn er es nach dem Geschmack von Senor Undiano gegen Serbien übertrieb) und traf in den wichtigen Spielen gegen England und Argentinien. Wer noch immer am Format Kloses zweifelt, dem sei die Ewige Torschützenliste der Weltmeisterschaften ans Herz gelegt. Klose steht zusammen mit einem gewissen Gerd Müller auf dem zweiten Rang.

Joachim Löw: Obwohl mit Michael Ballack die einstige Säule der Mannschaft verletzt absagen musste, bereitete Löw sein Team unaufgeregt auf das Turnier vor. Er vertraute seinem System, seinem Betreuerstab und den jungen Spielern, und machte dabei noch mehr richtig als bei der spielerisch ernüchternden Europameisterschaft 2008. Er hielt an Miroslav Klose fest, er warf den unbedarften Thomas Müller ins kalte Wasser. Selbst nach dem Rückschlag gegen Serbien verfiel er nicht in Panik, strahlte die nötige Ruhe aus, die sein Team in die K.o.-Runde brachte. Die Nationalmannschaft ohne Löw, das können sich nach diesem Turnier weder Spieler noch Fans vorstellen.

VERLIERER

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Ist Ballacks Zeit schon jetzt abgelaufen?

(Foto: picture alliance / dpa)

Michael Ballack: In seiner Abwesenheit reifte das Team zu einem verschworenen Haufen aus hochtalentierten Shooting-Stars und jungen, aber erfahrenen Führungsspielern. Seine Rückkehr wird nicht etwa sehnsüchtig erwartet, sondern gefürchtet. Die gewachsene Hierarchie im Team und die neue Schaltzentrale im Mittelfeld vertragen sich nicht mit der Person und dem Spieler Ballack. Es droht ein einsamer, isolierter Machtkampf eines alternden Helden gegen die forsche Jugend.

Mario Gomez: Seine Entwicklung gibt Rätsel auf. 2007 noch Fußballer des Jahres, steckt der 25-Jährige im tiefsten Loch seiner Karriere. Die Unsicherheit schwingt bei jedem Schritt mit, kaum ein Ball, den der Stürmer nicht verstolpert. Umso verwunderlicher, dass Löw weiterhin auf ihn vertraut – selbst in verzweifelten Situationen wie kurz vor Schluss des Halbfinales gegen Spanien. Spielt er weiterhin so weit unter seinem Limit, darf er nicht auf weitere Nominierungen hoffen.

Holger Badstuber: Zugegeben, es gibt einfachere Aufgaben für einen 21-Jährigen mit nur 2 Länderspielen, als bei einer Weltmeisterschaft die Problemposition der deutschen Nationalmannschaft zu besetzen. Eine derart unterirdische Leistung wie gegen Serbien und die folgende Degradierung zum Ergänzungsspieler kann allerdings auch einen Karriereknick bedeuten - nachzuschlagen unter Sebescen, Zoltan. Hoffen wir, dass dem Münchner ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.

Piotr Trochowski: Der Hamburger ist zwar erst 26, gehört gefühlt aber schon zur Vergangenheit der Nationalmannschaft. Spielerisch limitiert, war er den hohen Ansprüchen im Halbfinale gegen Spanien nicht gewachsen. Seine Aktionen versandeten, ohne Bindung ans Spiel war er in der Defensive hoffnungslos überfordert. Ob sich in Zukunft ein Platz für Trochowski finden lässt, scheint nach den schwachen Darbietungen fraglich.

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Bilderrätsel: Einer der beiden Herren lächelt leicht gequält ...

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Theo Zwanziger: Der DFB-Präsident versuchte mit peinlichen Liebesbekundungen, den seit den geplatzten Vertragsverhandlungen verärgerten Bundestrainer Löw zu einem Treueschwur zu verleiten, was gründlich misslang. Nicht lernfähig, ließ er es sich bei der Siegerehrung für den dritten Platz nicht nehmen, Löw persönlich die Medaille umzuhängen – die reservierte Reaktion des Bundestrainers sprach Bände. Zwanziger wird in den anstehenden Verhandlungen nicht nur finanziell über seinen Schatten springen müssen, um Löw im Amt zu halten.

Quelle: ntv.de