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Sportvideos für die Quarantäne Gina bringt eine ganze EM ins Rollen

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Gina Lückenkemper gewinnt EM-Silber und kann es danach kaum fassen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der Live-Sport steht still, die Coronavirus-Krise stoppt die Ligen, Wettkämpfe sind abgesagt. Auf Sport aus dem TV muss trotzdem niemand verzichten, es gibt ja Aufzeichnungen von historischen Ereignissen. Heute: Wie Gina Lückenkemper 2018 EM-Silber gewinnt und eine Euphorie entfacht.

Was wäre Gina Lückenkemper wohl mit einem starken Start? Vielleicht Europameisterin. Die ganz persönliche Achillesferse der talentiertesten Sprinterin Deutschlands, die ihr schon manche Zehntelsekunde abgenommen und möglicherweise manchen Sieg gekostet hat, kommt ihr auch diesmal wieder in die Quere. Mit mehr als zwei Zehntel Reaktionszeit kommt Lückenkemper aus dem Startblock auf der blauen Tartanbahn im Berliner Olympiastadion. Alle anderen Sprinterinnen dieses Finallaufs der Europameisterschaft 2018 sind fünf Hundertstel schneller - in einem 100-Meter-Sprint ist das eine halbe Ewigkeit.

Aber Gina wäre nicht Lückenkemper, wenn die Schwachstelle Start sie daran hindern würde, ein brettstarkes Rennen auf die Bahn zu bringen. Anfangs sieht es nicht gut aus auf der kurzen Laufstrecke, ihre härteste Konkurrentin, Dina Asher-Smith aus Großbritannien, ist nach zehn Metern bereits einen Voraus. Aber die 21-jährige Deutsche fliegt förmlich durch den Berliner Nachthimmel. Nach vorne gepeitscht von 35.000 Zuschauern. Welche Power, welche Kraft, welche Athletik: Im Laufstil einer frisch geölten und feingetakteten Nähmaschine rast Lückenkemper an die ihr zunächst enteilten Konkurrentinnen heran. Tak, tak, tak.

Nach 60 Metern hat Lückenkemper die anderen Läuferinnen eingeholt, nur Asher-Smith ist zu weit weg. Tak, tak, tak. Immer weiter. Nach 70 Metern überholt sie die restlichen Konkurrentinnen mit starken, schnelle Schritten und liegt auf Platz zwei gleichauf mit der Niederländerin Dafne Schippers, immerhin WM-Zweite 2015 und Dritte 2017. Die Lückenkemper'sche Nähmaschine holt alles aus sich heraus. Tak, tak, tak. Auf den letzten Metern beugt sie ihren Oberkörper gerade noch nach vorne, das sichert ihr vielleicht die Silbermedaille.

Eine kurze Umarmung mit der Gewinnerin Asher-Smith, dann der bange Blick auf die Anzeigetafel. Lückenkemper schnappt nach Luft. Sie weiß, dass sie gut gelaufen, aber noch nicht wie gut. Schließlich erblickt die 21-Jährige das Ergebnis: Silber. Und unter 11 Sekunden gelaufen, zum zweiten Mal bei dieser EM nach dem Halbfinale und als erneute Bestätigung nach ihrer Premiere bei der WM 2017, als sie erst als siebte Deutsche die magische Marke unterbietet.

Druckabfall und "einfach nur geil"

Lückenkemper springt los, ballt die doppelte Becker-Faust und muss gleich noch mal ein paar Meter sprinten vor Freude. Dabei lässt sie einen Schrei los, der einer Urgewalt gleichkommt. Dann bricht junge Athletin zusammen, geht in die Hocke und weint. Kurz sitzt sie komplett einsam auf der Bahn. Ein seltener Moment der Zerbrechlichkeit in der Öffentlichkeit der sonst nach außen stets taffen Sprinterin. Fast ein wenig entsetzt ob ihrer starken Leistung wirkt sie. Aber es ist auch der permanente Leistungsdruck, der ein steter Begleiter von Profisprintern ist und den sie sich selbst am meisten macht, der nun von ihr abfällt. "Die letzten Wochen und Monate waren mental eine große Herausforderung", wird Lückenkemper später in die Kamera sagen.

Die Läuferin kommt schon vor der EM bei den Menschen gut an. Weil sie sich selbst nicht zu ernst nimmt, das spürt die Öffentlichkeit und fühlt sich deshalb mit ihr verbunden. Der Deutsche Leichtathletik Verband und die EM-Veranstalter setzen Lückenkemper deshalb gerne als Aushängeschild ein, um auf sich aufmerksam zu machen. Setzen sie als Zugpferd auf die Bühnen Deutschlands. Zusätzliche Aufgaben, zusätzlicher Stress. Aber all diesen Druck und all das Training, das auf den einen großen Moment hinführen sollte, münzt die 21-Jährige in den zweitbesten Lauf ihres Lebens um. Als wäre es ein Leichtes. Lückenkemper gewinnt die erste deutsche EM-Medaille über die Königsdisziplin 100 Meter seit Verena Sailers Gold 2010 in Barcelona.

Das Maskottchen Berlino nimmt die Sprinterin behutsam in den Arm. Dann lösen sich das Lückenkemper'sche Lächeln und die Freudentränen immer wieder im Wechsel ab. Stolz strahlt sie in die Kameras, das Olympia-Tattoo, das an ihre ersten Spiele in Rio 2016 erinnert, glänzt im Scheinwerferlicht. "Ein unfassbar emotionaler Moment", sagt sie später am ZDF-Mikrofon. "Das ist einfach nur geil."

Der Lückenkemper-Effekt greift durch die Silbermedaille nun so richtig um sich. Sind bei ihrem zweiten Platz am ersten der Finaltage "nur" 35.000 im Berliner Olympiastadion, kommt die EM durch ihren Erfolg erst so richtig ins Rollen. Die Sport-Hauptstadt erwacht, schon am Tag nach Lückenkempers Silber finden viel mehr Besucher den Weg ins Olympiastadion als tags zuvor. Insgesamt strömen noch 300.000 Fans zu den Wettbewerben. Die beeindruckende Fan-Kulisse mit 60.500 Zuschauern am letzten Tag der EM sind auch auf Lückenkempers knapp 11 Sekunden gewachsen. Der Start dauert halt manchmal etwas länger.

Quelle: ntv.de