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Der McLaren-Report hatte enthüllt, dass es in Russland "mindestens von Ende 2011 bis August 2015" ein staatlich  organisiertes und überwachtes Doping-System gegeben habe.
Der McLaren-Report hatte enthüllt, dass es in Russland "mindestens von Ende 2011 bis August 2015" ein staatlich organisiertes und überwachtes Doping-System gegeben habe.(Foto: dpa)
Sonntag, 24. Juli 2016

Gnade für russische Olympioniken: IOC lässt Rumpfteam zu

Trotz der umfassenden Doping-Vorwürfe werden Russlands Olympioniken nicht kollektiv bestraft. Sportler, die nachweisen können, nicht in das Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein, dürfen in Rio starten. Sogar unter Landesflagge.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat auf eine Sperre aller russischen Sportler bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) verzichtet. Das gab das IOC im Anschluss an eine Telefonkonferenz des 15-köpfigen Exekutiv-Komitees unter der Leitung des deutschen Präsidenten Thomas Bach bekannt. Sportler, die gegenüber ihren jeweiligen Weltverbänden den Nachweis erbringen können, nicht in das russische Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein, dürfen in Rio starten.

"Die Entscheidung wird sicher nicht jedem gefallen, aber es geht um Gerechtigkeit. Die Entscheidung respektiert das Recht eines jeden sauberen Athleten auf der ganzen Welt", begründete Bach den Beschluss kurz nach der Verkündung auf einer Telefonkonferenz und fügte hinzu: "Die Botschaft ist eindeutig. Es wird eine  Gesamtverantworung angenommen angesichts der üblen Anschuldigungen,  aber es soll auch eine Ermutigung für alle sauberen Athleten sein.  Man kann im russischen Sport ein Vorbild sein, wenn man sauber ist."

Das IOC reagierte mit seinem Beschluss auf die Ergebnisse des McLaren-Reports, der am vergangenen Montag enthüllt hatte, dass es in Russland "mindestens von Ende 2011 bis August 2015" ein staatlich organisiertes und überwachtes Doping-System gegeben habe. "Die IOC-Exekutive stand vor einer sehr schwierigen Entscheidung. Wir mussten die Konsequenzen aus dem McLaren-Report ziehen. Wir mussten dabei die Balance finden zwischen der Gesamtverantwortung und dem Recht des Einzelnen, um jedem Athleten gerecht zu werden", sagte Bach weiter: "Jeder muss die Chance haben, auf die Anschuldigungen zu reagieren, es gilt die Unschuldsvermutung. Deswegen haben wir strenge Kriterien entworfen, die jeder russische Sportler erfüllen muss, wenn er an den Olympischen Spielen teilnehmen will."

"Das schlechteste Zeichen überhaupt"

Doping-Experte Fritz Sörgel bezeichnete die  IOC-Entscheidung als "widerliches, abgekartetes  Spiel" bezeichnet. "Allein die Tatsache, dass die russischen  Sportfunktionäre mit der Entscheidung zufrieden sind, ist doch ein starkes Zeichen dafür, dass gemauschelt worden ist", sagte Sörgel: "Es glaubt doch wohl niemand, dass  das IOC das nicht im Vorfeld mit den Verbänden abgesprochen hat." Der olympische Gedanke, so Sörgel, habe mit dieser Entscheidung  "großen Schaden genommen. Das IOC hätte endlich ein Exempel  statuieren können, aber das war doch nie ernsthaft vorgesehen". 

Bei Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, sorgte die Entscheidung ebenfalls für Unverständnis. "Ich halte die Entscheidung für problematisch. Hier entsteht leicht der Eindruck, dass politische Rücksichtnahmen höher gewichtet worden sind als die Frage der Glaubwürdigkeit des Sports", sagte Prokop.

Auch die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag kritisierte das IOC hart. "Ich halte das für keine gute Entscheidung, weil jetzt mehr unklar als klar ist. Die Verantwortung wird wieder an Dritte abgeschoben, diesmal an die internationalen Fachverbände", sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete. "Da ist zu befürchten, dass dort nach völlig uneinheitlichen Kriterien entschieden wird. Das kann nicht im Sinne des Sports und der Athletinnen und Athleten sein." Ob "politischer Druck oder kommerzielle Interessen den letzten Ausschlag gegeben haben, kann ich nicht sagen", erklärte Freitag: "Aber das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ausgesprochen, in Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt."

Russland feiert

Russland hingegen begrüßte die Entscheidung. "Das ist eine rechtmäßige Lösung", sagte der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow. "Aber solche Entscheidungen sollten nicht nur in Bezug auf russische Athleten, sondern auf Sportler in der ganzen Welt getroffen werden. Dann wäre das Problem Doping endgültig ausgerottet", sagte er der Agentur Tass zufolge in Moskau. Auch der Sportfunktionär Schamil Tarpischtschew, Chef des russischen Tennisverbands, nannte den Schritt des Internationalen Olympischen Komitees "zufriedenstellend"

Russlands Sportminister Witali Mutko glaubt an eine starke Präsenz russischer Athleten in Rio de Janeiro. Er sei sicher, dass die "Mehrheit" der infrage kommenden russischen Sportler in Rio antreten werde, sagte Mutko unmittelbar nach der IOC-Mitteilung: "Unsere Mannschaft nimmt an den Olympischen Spielen teil. Ich hoffe, dass wir uns über Siege freuen werden." Die von der IOC-Exekutive festgelegten Kriterien seien sehr  hart. "Aber das ist eine Herausforderung für unsere Mannschaft. Ich  kann sagen, dass die meisten diese Anforderungen erfüllen", sagte Mutko.

Quelle: n-tv.de