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Der THW Kiel vor dem Saisonstart Im Handball-Norden grollt es gewaltig

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Filip Jicha (Mitte) ist in der neuen Saison beim THW Kiel in der Pflicht.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Neuer Trainer, neue Geschäftsführung, neue Strukturen: Die Bundesliga-Handballer des THW Kiel stehen nach etlichen Neuerungen vor einer Saison mit einigen Unbekannten. Das Match um den Supercup am heutigen Abend gegen Meister Flensburg könnte ein erster Fingerzeig sein.

Gut möglich, dass Viktor Szilagyi einen weitgehend entspannten Sommer hatte. Der Sport-Geschäftsführer der Handballer des THW Kiel hatte seine Arbeit schon weit im Vorfeld erledigt, weil der Kader, mit dem sich der deutsche Rekordmeister den Herausforderungen der heute beginnenden 54. Bundesligasaison stellen wird, schon lange vor der Sommerpause in Gänze gefixt war. "Dennoch war genug zu tun", sagt Szilagyi. "Wir haben Vertragsverlängerungen unter Dach und Fach gebracht und natürlich über die langfristige Strategie nachgedacht. In diesem Sommer aber mussten wir den Kader nur punktuell umbauen."

Was erstaunt: Viel war offensichtlich nicht zu tun, um das große Vorhaben, in eine neue Ära aufzubrechen, umzusetzen. Ganze drei Profis erhielten ihren ersten Vertrag bei den Zebras, darunter mit Dario Quenstedt und Fynn Malte Schröder zwei Torleute und mit Pavel Horak ein Abwehrstratege, der lediglich als Backup für das etablierte Innenblock-Duo Hendrik Pekeler/Patrick Wiencek verpflichtet wurde. Sonst war nichts. Das ist so, als ob man in den Wochen vor der Abiprüfung nur noch eben flüchtig über die Unterlagen schaut, weil man sich ohnehin bestens präpariert fühlt. Die Kaderplanung sei abgeschlossen, ließ der Österreicher, der einst selbst in Kiel Handball spielte, schon vor Wochen verlauten. "Ich gehe davon aus, dass wir mit den Spielern, die wir aktuell zur Verfügung haben, gut durch die Saison kommen."

Supercup ist "mehr als ein Fingerzeig"

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Wenn also der langjährige Branchenprimus heute Abend (19.30 Uhr) im Spiel um den Supercup auf die SG Flensburg-Handewitt trifft, werden die Kieler ihren Fans und Gegnern wenig Neues zu präsentieren haben. Dabei geht es in diesem Duell neben dem ersten Titel der neuen Spielzeit auch ums Prestige, denn das Aufeinandertreffen der beiden Nordrivalen ist vom Stellenwert vergleichbar mit dem Fußball-Ruhrderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund. Zudem ist es das insgesamt 100. Aufeinandertreffen beider Klubs, weshalb die Schwarz-Weißen aus Kiel im Vorfeld eine klare Kampfansage für diese Begegnung machten. "Dieses Match ist mehr als ein Fingerzeig, wo wir gegenwärtig stehen", sagt Szilagyi, "deshalb wollen wir unbedingt mit einem Erfolgserlebnis in die Saison starten." Und Kiels neuer Cheftrainer Filip Jicha ergänzt: "Wir wollen zeigen, was in uns steckt. Jeder, der ein Landesderby schon einmal erlebt hat, weiß, dass diesen Spielen etwas Spezielles anhaftet."

Der 37-jährige Tscheche weiß das so gut wie kaum ein anderer. Als aktiver Profi des THW erlebte er in seiner Zeit von 2007 bis 2015 zahlreiche Nordderbys und kennt die spezielle Atmosphäre dieser Partien. Diesmal allerdings wird er das Match aus neuer Perspektive erleben. Jicha steht zum ersten Mal in einem Pflichtspiel in der sportlichen Verantwortung. Der Nachfolger des langjährigen Coaches Alfred Gislason, der sich im Sommer in den Handball-Ruhestand verabschiedet hatte, ist ein Novize im Trainergeschäft.

"Immer um das Maximale"

Zwar ist der Wechsel in der sportlichen Führung von langer Hand vorbereitet worden, weil Jicha – quasi als Praktikant – ein Jahr als Co-Trainer an der Seite des scheidenden Isländers lernen dufte. Dass ihm aber als Berufsanfänger dabei gleich eine der bedeutsamsten Anstellungen im Welthandball angetragen wurde, mutet risikoreich an, ist aber zugleich auch Folge einer rund zweijährigen Konsolidierungsphase, in der beim THW viele Steine umgedreht wurden. Und die Erkenntnis, dass es beim THW eine Verpflichtung zum Erfolg und damit extremen Druck gibt wie bei kaum einem anderen Verein, hat der neue Mann auf der THW-Bank ohnehin schon vor Jahren inhaliert. "In diesem Verein wollen wir immer um das Maximale spielen", so Jicha, der die allerhöchsten Ansprüche aus dem stets nervösen Umfeld des Klubs befriedigen muss.

Mit der Amtsübernahme des neuen Trainers mündet eine mehrjährige Phase des Umbaus allmählich in ihren finalen Akt. Neben Jicha installierte der THW Szilagyi, der seit dem 1. Januar 2018 als Sportlicher Leiter fungierte, nun als Sportgeschäftsführer und damit als Vorgesetzter des tschechischen Übungsleiters. Der Aufsichtsrat, der in Kiel immer ein gewichtiges Wort mitspricht, ist neu zusammengesetzt, und auch auf der Managementebene wurde umgekrempelt. Die langjährige Geschäftsstellenleiterin Sabine Holdorf-Schust übernahm zumindest übergangsweise die kaufmännische Geschäftsführung von Thorsten Storm, der in Kiel – verknappt formuliert – nur über geringe Sympathiewerte verfügte.

Kiel will zurück zu alter Stärke

Die Spielzeit 2019/20 ist demnach also kein Umbruch, sehr wohl aber eine stark akzentuierte Zäsur in der Entwicklung des Klubs. Das Ziel ist dabei klar: Die Kieler wollen zurück zu jener alten Stärke, die ihnen im vergangenen Vierteljahrhundert 17 Meistertitel, elf Pokalsiege und drei Champions League-Titel bescherte und ihnen den zweifelhaften Zusatz, der FC Bayern des Handballs zu sein, einbrachte. Nun sind sie bereits seit vier Jahren ohne eine deutsche Meisterschaft, zuletzt knapp geschlagen vom Erzrivalen aus Flensburg. Ein Uli Hoeneß in München hätte das nicht ertragen. Zudem misslang der Versuch, sich für das Endturnier der Champions League in Köln zu qualifizieren, gleich drei Mal in Folge, in der abgelaufenen Saison durften sie da erst gar nicht mitspielen. Das schmerzte sportlich wie finanziell, weil der THW auf die Einnahmen in der Königsklasse angewiesen ist, will er langfristig wieder ganz oben angreifen.

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Sander Sagosen muss ab der nächsten Saison nicht mehr mit Pavel Horak kämpfen.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Genau das aber sind die Vorgaben, die aus dem verwöhnten Umfeld an die Mannschaft immer wieder herangetragen werden. Ganz oben – da kommt der THW her, und da soll er auch wieder hin. "Die Mannschaft", sagte Gislason bei seinem Abschied, "ist jetzt wieder in einem Zustand, in dem sie es zum Final Four nach Köln schaffen kann." Und es soll noch besser werden. Im Sommer des kommenden Jahres wechselt mit dem Norweger Sander Sagosen einer der besten und sicher auch spannendsten Spieler weltweit von Paris Saint-Germain an die Förde. Dessen kolportiertes Monatsgehalt von 40.000 Euro netto (Quelle: Handball inside) kann nur durch sportlichen Erfolg refinanziert werden. Es war stets so: Wer guten Zirkus will, muss hochkarätige Akrobaten bezahlen.

Das Feld ist demnach bestellt, um die neue sportkulturelle Selbstwerdung des Ostseeklubs voranzutreiben. Die Konkurrenz spürt das Grollen aus dem Norden: Fast jeder Trainer der 17 Konkurrenzteams weist dem THW die Favoritenrolle in der Liga zu. Jicha jedenfalls geht die große Aufgabe mit viel Selbstvertrauen an. Der neue Mann auf der Bank fordert von seinen Spielern das größtmögliche Engagement. "Wir haben in dieser Saison die Möglichkeit, um fünf Titel zu spielen", sagt er. "Das sollen und müssen wir auch so wahrnehmen." Schon heute Abend wäre Gelegenheit, den Worten Taten folgen zu lassen.

Quelle: n-tv.de

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