Joshua hält sich noch zurückEingerosteter Fury ebnet den Weg zum dicksten Ding des Boxsports

Wie der alte Tyson Fury wirkt der ehemalige Weltmeister im Schwergewicht bei seinem Comeback in London nicht – eher wie ein Alter. Trotzdem winkt dem Briten noch einmal die größte aller Bühnen. Auch wenn Furys Erzrivale den ersten Köder nicht schluckt.
Anthony Joshua lehnte sich zurück und ließ Tyson Fury brüllen. "Ich will euch den Kampf geben, auf den ihr alle wartet. Ich will dich, AJ, Anthony Joshua. Lasst uns den Fans geben, was sie wollen – das Battle of Britain. Ich fordere dich, Anthony Joshua, jetzt gegen mich, den Gypsy King, zu kämpfen. Nimmst du meine Herausforderung an?", schrie Fury am späten Samstagabend ins Mikrofon des Streaming-Giganten Netflix. Die 60.000 Zuschauer im Tottenham Stadium johlten, doch der in Reihe eines sitzende Joshua ließ sich nicht aus der Reserve locken und antwortete cool: "Du sagst mir nicht, was ich tue. Ich habe dich zehn Jahre lang gejagt. Ich bin der Boss. Du arbeitest für mich. Ich bin der Landlord, erinnere dich dran."
Fury krakeelte daraufhin noch irgendetwas zurück, was im allgemeinen Trubel unterging. Es war aber auch egal. Die englischen Box-Giganten hatten endlich einmal von Angesicht zu Angesicht "kommuniziert". Es waren wahrscheinlich die aufregendsten Momente von Furys Comeback-Show, wenngleich dessen allzu krampfhaftes Gebrüll etwas von einer inszenierten, durchchoreografierten Wrestling-Show hatte.
Zuvor musste Tyson Fury aber erst einmal gewinnen. Gegen den boxerisch eindimensionalen Arslanbek Makhmudov gelang ihm das - ohne zu glänzen und ohne sein altes Niveau zu erreichen. In den ersten Runden war Fury seine 476 Tage währende Boxerrente anzumerken. Immer mal wieder kam Makhmudov mit einem Schwinger durch. Weil der Zwei-Meter-Hüne aber bei nahezu all seinen Attacken die Balance verlor und in seinen Gegner oder die Ringseile plumpste, war er für den technisch haushoch überlegenen Fury keine wirkliche Gefahr. Makhmudov hatte im Vorfeld mit einem Video Aufsehen erregt, in dem er in Russland mit einem Bären ringt. In London wirkte er selbst wie ein tapsiger, tollpatschiger Bär.
Fury tut sich deutlich schwerer als Kabayel
So diktierte Fury das Geschehen. Der Kampf plätscherte dahin, riss die Fans nicht wirklich von den Sitzen. In der ersten Hälfte hatte das Duell des 37-jährigen Fury mit dem 36-jährigen Makhmudov bisweilen gar etwas von Altherrenboxen. "Fury war der Ringrost deutlich anzumerken. Man darf nicht vergessen: Diesen Arslanbek Makhmudov hat ein Agit Kabayel vor drei Jahren in vier Runden geschlagen. Fury war nicht ansatzweise dran, Makhmudov k.o. zu schlagen. Das ist ein Zeichen, dass man mit 37 Jahren vielleicht doch mal einen Schlussstrich ziehen sollte", sagte Bernd Bönte, der langjährige Manager der Klitschko-Brüder, bei ntv.de. Der deutsche Schwergewichts-Hoffnungsträger Kabayel hatte Makhmudov Ende 2023 in Riad förmlich plattgewalzt. Seine Körperhaken beeindruckten den Russen weitaus mehr als alles, was Fury ihm am Samstag an den Kopf warf (zum Körper schlug der Brite nur selten).
Erst in den hinteren Runden, als die Maschine des 2,06-Meter-Riesen langsam warmgelaufen war, sah Fury etwas besser aus. Vor allem der rechte Aufwärtshaken schlug immer wieder am Kinn Makhmudovs ein. Nach zwölf Runden werteten die Punktrichter mit zweimal 120:108 und einmal 119:109 eindeutig zugunsten des Favoriten. "Furys alte Klasse ist aber bestenfalls ansatzweise aufgeblitzt. Man sieht ganz klar, dass die beiden Kämpfe gegen Oleksandr Usyk Spuren hinterlassen haben", resümierte Box-Experte Bönte.
Gegen den Ukrainer hatte Fury im Jahr 2024 die beiden einzigen Niederlagen in seiner Profikarriere bezogen. Bis heute fühlt er sich betrogen und sieht sich als gerechten Sieger – eine Ansicht, die Fury in der Boxwelt ziemlich exklusiv hat. Vor seinem Comeback sprach der Engländer von einem dritten Kampf gegen seinen Bezwinger, auch Usyk signalisierte Bereitschaft. Nach Furys Leistung vom Samstag dürfte das ohnehin überschaubare Interesse an einem dritten Teil nochmals gesunken sein.
Fury gegen Joshua fix für Herbst?
Usyk ist weit weg. Anthony Joshua ist nah. Der britische Box-Blockbuster ist das, was Fury, ganz Großbritannien und wahrscheinlich auch Joshua wollen. Sportlich kommt der Kampf fünf bis zehn Jahre zu spät, fürs Konto trotzdem noch zur rechten Zeit. Fury vs. Joshua ist aus finanzieller Sicht noch immer der größte Kampf, der im Boxen zurzeit möglich ist. Der saudische Boxmogul Turki Al-Sheikh tat in London alles dafür, den Eindruck zu erwecken, der Kampf stehe. Im Ring fungierte Al-Sheikh selbstgefällig als eine Art Moderator, reichte Fury das Mikrofon und rief die britischen Rivalen zusammen.
Nur Joshua spielte bei dem Kesseltreiben nicht mit. "Ich war doch schon so oft in dieser Situation", sagte der zweimalige Weltmeister später bei Netflix. Das Geschäft laufe aber anders, verhandelt werde nicht im lauten Tonfall, sondern hinter den Kulissen. Gefragt, ob er den Kampf auch wirklich wolle, ließ der 36-Jährige mehr als deutlich durchblicken, von Furys Comeback-Leistung nicht sonderlich beeindruckt zu sein. "Nachdem, was ich heute gesehen habe …", holte Joshua aus, ehe er einen potenziellen Trash Talk abwürgte: "Ich will jetzt nicht zu viel reden."
Streaming-Riese Netflix setzte um kurz nach Mitternacht einen Post auf X ab, wonach der Mega-Fight fix ist. Im Herbst läutet demnach in Großbritannien die Glocke. Als Schauplatz kommt nur das Wembley-Stadion infrage. 100.000 Zuschauer werden kommen, keine Frage. Eine Weltmeisterschaft auf Weltklasse-Niveau - wie noch vor fünf, sechs Jahren - wird Fury gegen Joshua nicht mehr sein. Dafür die ertragreichste britische Meisterschaft der Geschichte.