Mindestens zwölf Monate für Contador Jurist schließt Kurzzeitsperre aus
18.10.2010, 17:32 UhrTour-de-France-Sieger Alberto Contador muss nach seinem positiven Dopingtest auf Clenbuterol mindestens ein Jahr aussetzen, glaubt der Sportrechtler Siegfried Fröhlich. Helfen könnte dem Spanier der Freispruch für Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov. Grundsätzlich macht der Fall des Spaniers aber Lücken im System deutlich.
Der Sportrechtler Siegfried Fröhlich erwartet im Dopingfall Alberto Contador eine längere Sperre als die vom Radsport-Weltverband UCI angedachten drei Monate. "Ganz gleich, was UCI und der spanische Verband beschließen: Die Wada wird die Sache vor den CAS bringen, und dort dürfte es auf eine Sperre nicht unter einem Jahr hinauslaufen", sagte der Jurist aus Partenheim im Gespräch mit "Radsport News". Damit würde Contador auch seinen Tour-Titel 2010 verlieren. Entscheidend dürfte sein, inwieweit man ein Verschulden Contadors einschränke - zum Beispiel durch kontaminiertes Fleisch.
Der dreimalige Toursieger hatte den Verzehr von verseuchtem Fleisch als Erklärung für seine positiven Proben auf das auch illegal in der Kälbermast verwendete Mittel Clenbuterol angeführt. Mehrere Experten, darunter die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), hatten Contadors Theorie als unwahrscheinlich bezeichnet.
Hoffnung dank Ovtcharov
Allerdings war der Tischtennisprofi Dimitrij Ovtcharov am vergangenen Freitag vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) trotz positiver A- und B-Probe auf Clenbuterol freigesprochen worden, da eine negative Haarprobe sowie geringe Clenbuterol-Funde bei vier weiteren Spielern genau diese Fleisch-Theorie stützten. Der DTTB und auch die Nada sahen in diesem Fall eine geschlossene Indizienkette für die Kontamination in China als belegt an und verzichteten daher auf die Einleitung eines Dopingverfahrens. Ein Einspruch der Wada wird nicht erwartet.
Fröhlich sieht in dem Freispruch für Ovtcharov eine Chance für Contador. Nach seiner Ansicht sollten alle eingefrorenen Proben von Teamkollegen des Spaniers noch einmal intensiv auf Clenbuterol untersucht werden. "Und wenn seine Kollegen nicht kontrolliert wurden oder die Proben verloren gingen, dann hat er wohl Glück gehabt - denn so wurde ihm die Möglichkeit des Beweises der Unschuld genommen", sagte Fröhlich.
Einige Parallelen, viele Unterschiede
Inwiefern ein solcher Umstand tatsächlich zugunsten Contadors ausgelegt werden könnte, ist jedoch fraglich. Nach dem im Sport geltenden Prinzip der "Strict Liability" ist ein Athlet dafür verantwortlich, welche Substanzen in seinem Körper gefunden werden. Folglich ist er auch in der Pflicht, seinen Unschuld zu beweisen. Zudem gibt es im Fall Contador gravierende Unterschiede. Einerseits ist der Gebrauch von Clenbuterol in der Rindermast im Gegensatz zu China in Europa verboten. Ein weiterer zentraler Unterschied ist in der Tatsache zu sehen, dass die Verwendung von Clenbuterol im Tischtennis aufgrund eines drohenden Gliederzitterns kontraproduktiv erscheint, im Radsport hingegen eindeutig leistungsfördernd ist.
Bei Contadors Proben soll es überdies Hinweise auf eine Bluttransfusion geben. Das Kölner Anti-Dopinglabor fand offenbar auch Spuren von Weichmachern, die etwa Blutbeutel geschmeidig halten sollen und deshalb als Indiz für Eigenblutdoping gelten. Allerdings ist das Nachweisverfahren für Weichmacher noch nicht von der Wada anerkannt.
Lücke im System
Ursprünglich hatte die UCI Contador einen Deal angeboten. Der Spanier sollte eine Sperre von drei Monaten akzeptieren, die in der wettkampffreien Zeit im Winter abgesessen werden sollte. Laut Fröhlich erlaubt das UCI-Regelwerk eine direkte Einigung zwischen Verband und Athlet über das Strafmaß, wodurch ein Dopingverfahren hinfällig wird. Nach Bekanntwerden dieses Kuhhandels lehnte Contador das Angebot öffentlich mit dem Hinweis ab, er habe nicht gedopt und werde somit auch keine Sperre akzeptieren.
Die Möglichkeit eines solchen Handels bezeichnete Fröhlich als grundlegenden Fehler im System. So bezeichnete er es als inakzeptabel, dass die Kontrollen zwar von unabhängigen Institutionen wie der Nada oder Wada durchgeführt werden, das Ergebnismanagement aber zunächst in den Händen der Verbände liegt: "Es ist ein Unding, dass ein Fachverband, ganz gleich ob Radsport, Fußball oder Tischtennis, die Disziplinargewalt bei Dopingverstößen inne hat. (...) Man stelle sich vor, die Steuerfahndung würde ihre Ermittlungsergebnisse einem betroffenen Unternehmen mitteilen und sagen: Jetzt schaut mal selbst drüber, ob ihr ein Verfahren einleitet oder nicht."
Ein derartiges Vorgehen sei nicht nur problematisch, weil sich die Verbände Interessenskonflikten ausgesetzt sehen, sondern auch aufgrund der reflexhaften Schadenersatzforderungen verdächtigter Athleten.
Quelle: ntv.de, cwo/sid