Sport

Wahlfälschung, Dopingvertuschung "Kultur der Angst" beherrscht Gewichtheben

2014-09-22T120000Z_349684266_GM1EA9M19EA01_RTRMADP_3_GAMES-ASIAN.JPG

Rattikan Gulnoi, Olympia-Dritte von London 2012 und Weltmeisterin von 2014, wurde in der ARD-Doku 2018 mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie von ihrem Drogenmissbrauch seit dem 18. Lebensjahr erzählte.

(Foto: REUTERS)

Eine ARD-Doku zum Gewichtheber-Weltverband deckt den Sumpf um Präsident Tamas Ajan auf, nun schließt Sonderermittler Richard McLaren seine Untersuchung ab - und fördert noch erschreckendere Zustände zutage. Es geht um eine autokratisch geführte Organisation, die sich an kaum ein Gesetz hält.

Wahlfälschung, versickerte Millionenbeträge und zahlreiche vertuschte Dopingfälle: Sonderermittler Richard McLaren hat zum Abschluss seiner unabhängigen Untersuchung des Gewichtheber-Weltverbandes IWF unter Präsident Tamas Ajan das erwartet düstere Bild gezeichnet.

imago94978812h.jpg

Tamas Ajan hat mit dem Gewichtheber-Weltverband illegale Machenschaften geführt.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

"Ich habe eine Organisation vorgefunden, die beinahe ein halbes Jahrhundert von einem Autokraten geführt wurde, in der eine Kultur der Angst bis in die höchsten Ebenen herrschte. Wer Ajan herausforderte, wurde entweder bestraft oder schikaniert", sagte der 75-jährige McLaren im Rahmen der Präsentation seiner Erkenntnisse. Der umstrittene Langzeit-Präsident war im April angesichts der schweren Vorwürfe zurückgetreten. Aufgedeckt hatte den Fall die ARD-Dopingredaktion in der Dokumentation "Geheimsache Doping - Der Herr der Heber" im Januar. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bezeichnete die Inhalte des McLaren-Berichts nun als "zutiefst beunruhigend".

Die Athleten schweigen

So konnte der IWF-Vorstand seinen Pflichten laut McLaren unter dem 81-jährigen Ajan nicht nachkommen, sei "dysfunktional und ineffektiv" gewesen: "Dr. Ajan nahm jedem außer sich selbst die Möglichkeit, die Geschäfte und Angelegenheiten der IWF zu durchblicken." Bei den vergangenen beiden Wahlkongressen seien zudem im großen Stil Stimmen für den Präsidenten und seine Verbündeten gekauft worden - nur 2013 und 2017 hatte Ajan sich Gegenkandidaten stellen müssen. Die Kontrolle, die Ajan sogar nach seiner 90-tägigen Suspendierung im Januar noch im Verband hatte, stellte McLaren auch im Rahmen seiner Untersuchung fest. Aus den Spitzen der Mitgliedsverbände "fehlte die Kooperation", bei den Athleten sei "die Bereitschaft zu sprechen quasi nicht existent" gewesen.

In weiten Teilen widmet sich McLarens gut 120 Seiten starker Bericht zudem dem "finanziellen Missmanagement", hier empfiehlt der Kanadier eine tiefer gehende unabhängige Prüfung der vergangenen zehn Geschäftsjahre. Die McLaren-Untersuchung stellte fest, dass der Verwendungszweck von insgesamt 10,4 Millionen US-Dollar in diesem Zeitraum unklar sei.

"Die Hauptquelle dieses Geldes waren Dopingstrafen, die direkt und in bar an den Präsidenten gezahlt wurden sowie große Mengen Bargeld-Abhebungen von den IWF-Konten, besonders im Vorfeld von Großereignissen oder Kongressen", hieß es im Bericht. Die Möglichkeit, Dopingstrafen cash zu begleichen, müsse der Verband abschaffen.

40 neue Dopingfälle

Mit Blick auf das Dopingsystem der IWF habe Ajan zweifellos an mancher Stelle Ermittlungen behindert, das echte Problem sei aber die "Doping-Kultur innerhalb des Sports". Allein McLarens Untersuchung habe 40 positive Fälle aufgedeckt, denen nie nachgegangen wurde, darunter auch Gold- und Silbermedaillengewinner bei Weltmeisterschaften. Die Informationen seien für tiefer gehende Untersuchungen an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) weitergeleitet worden.

Die Verfehlungen in diesem Zusammenhang seien indes nicht bei der ungarischen Anti-Doping-Agentur Hunado zu finden. Diese habe korrekt und in Übereinstimmung mit dem Wada-Code gehandelt. In der ARD-Dokumentation war von einer möglichen Verstrickung der Hunado die Rede gewesen.

Interimspräsidentin Ursula Papandrea, die in ihren Amtsgeschäften laut McLaren auch nach Ajans Suspendierung massiv von diesem behindert wurde, meldete sich ebenfalls. Sie sei "zutiefst besorgt", der Verband könne nun aber die klar umrissenen Probleme angehen. Ziel sei eine "neue Ära der Transparenz, Verantwortung und guten Führung".

Quelle: ntv.de, Thomas Weitekamp, sid