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"Immer ein Totschlag-Argument" Merkwürdige Helmpflicht erregt Dressurreiter

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Muss Isabell Werth künftig den Zylinder durch einen Helm ersetzen?

(Foto: imago images/Bildbyran)

Aus Sicherheitsgründen sollen Dressurreiter ab 2021 einen Helm tragen - obwohl nennenswerte Unfälle gar nicht bekannt sind. Die Sportler wehren sich gegen die Vorgabe. Und treffen mit ihrer Kritik durchaus einen validen Punkt.

Nein, Isabell Werth möchte künftig auf keinen Fall die Frau mit dem Goldhelm sein. In der Diskussion um die Einführung der Helmpflicht in der Dressur ab dem 1. Januar 2021 bezieht die erfolgreichste Reiterin der olympischen Geschichte klar Stellung. "Ich plädiere für die Wahlfreiheit der Athleten", sagte Werth: "Die internationalen Topreiter sind erwachsen und erfahren genug, selbst zu entscheiden, ob sie Helm oder Zylinder tragen wollen."

Nach dem Willen der Medizinischen Kommission des Weltverbandes FEI soll der Helm künftig den traditionellen Zylinder ersetzen - aus Gründen der Sicherheit. "Das ist natürlich immer so ein Totschlag-Argument", sagte Klaus Roeser, Vorsitzender des Dressurausschusses im Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) und ebenfalls "ganz klar" für die Wahlfreiheit der Reiter. Beschlossen wurde die neue Regel bereits Ende 2019, nach einem Übergangsjahr will die FEI sie auf ihrer Generalversammlung in der kommenden Woche bestätigen. Ab dem 1. Januar müssen demnach die Reiter auch bei den Vier- und Fünf-Sterne-Prüfungen, den internationalen Top-Events also, zum Frack den sperrigen Helm aufsetzen. Und das, obwohl es in der Geschichte der Dressur noch keinen einzigen nennenswerten Unfall gab.

Deshalb will Isabell Werth bis zur letzten Minute alles versuchen, um die Regel doch noch zu kippen. "Wir haben eine Petition aufgesetzt und eine Umfrage unter den Top 100 gestartet", sagte Werth: "97 Prozent der von uns Befragten sind für die freie Wahl." Werth sieht "absolut keine Notwendigkeit", in den offiziellen Prüfungen auf höchstem Niveau einen Helm zu tragen: "Von mir aus auf dem Abreiteplatz, bei der Siegerehrung, beim Vet-Check, aber nicht in der Prüfung."

Wie der Sicherheitsgurt im Auto?

So sieht es auch Bundestrainerin Monica Theodorescu. Ebenso wie Isabell Werth ist sie nicht gegen eine generelle Helmpflicht, doch den besten Athleten der Welt ausgerechnet in der Dressur vorzuschreiben, was sie zu tun haben, hält sie für vollkommen unangemessen. "Im Springen, in der Vielseitigkeit ist es keine Frage", sagte die zweimalige Mannschafts-Olympiasiegerin, "bei Kindern und Jugendlichen natürlich auch nicht. Aber in den Prüfungen auf allerhöchstem Niveau darf es keine Helmpflicht geben." Isabell Werth findet das auch. "Ich habe auch Pferde, die ich im Training mit Helm reite", sagte sie, aber: "Ich weiß von keiner einzigen brenzligen Situation in einer Prüfung, schon gar nicht auf Vier- oder Fünf-Sterne-Niveau."

Nun gibt es durchaus Spitzenathleten, die ausschließlich mit Helm unterwegs sind. Mannschafts-Olympiasieger Sönke Rothenberger beispielsweise oder Vielseitigkeits-Europameisterin Ingrid Klimke, die man in den Dressur-Prüfungen nie mit Zylinder sieht. Im US-Verband ist der Helm schon länger Pflicht, was die WM-Zweite Laura Graves absolut unterstützt. "Das ist, als wenn man den Sicherheitsgurt im Auto anlegt, das stellt ja auch niemand infrage. Und außerdem haben wir eine Vorbildfunktion", sagte sie.

Sicherheitsgurt hin, Vorbildfunktion her, das wirklich Paradoxe an der Entscheidung der FEI ist die Tatsache, dass für Westernreiter und Voltigierer weiterhin keine Helmpflicht gilt. Den Westernreitern reicht auch künftig der Stetson bei ihren waghalsigen Stunts, bei den Voltigierern, so die offizielle Begründung, würde ein Helm den Gleichgewichtssinn stören. "Es ist", sagt Monica Theodorescu, "gelegentlich überraschend, wie manche Entscheidungen zustande kommen." Das ist sehr höflich formuliert.

Quelle: ntv.de, Angela Bern, sid