Kampf um sicheres EisNHL droht mit Boykott der Olympischen Spiele

NHL-Giganten wie Leon Draisaitl, Connor McDavid oder Auston Matthews bei Olympischen Spielen? Klingt großartig und ist der Plan für Mailand. Doch es gibt Probleme, die eine Teilnahme durchaus infrage stellen.
Wenn Leon Draisaitl an die Olympischen Winterspiele in Mailand denkt, dann kann er seine Vorfreude nicht unterdrücken. So sehr er es auch versucht, es klappt einfach nicht. Kein Wunder. Denn der beste Spieler der deutschen Eishockeygeschichte und globale Superstar seines Sports, der 1998 im Alter von nicht einmal zweieinhalb Jahren in voller Eishockeymontur vor dem heimischen Fernseher die Auftritte seines Vaters Peters im deutschen Nationaltrikot bei den Winterspielen in Nagano verfolgt hat, wird endlich seine Olympia-Premiere erleben. "Ich freue mich unfassbar, das erste Mal dabei zu sein, für Deutschland zu spielen, das Trikot wieder anzuziehen", sagt der 30-jährige Kölner, der für die Edmonton Oilers in Nordamerikas Profiliga NHL spielt.
Dass Draisaitl oder auch die anderen Superstars seiner Generation wie die beiden Kanadier Connor McDavid und Nathan MacKinnon, oder der US-Amerikaner Auston Matthews dem Großevent im Februar so entgegenfiebern, liegt daran, dass sie alle 2018 und 2022 jeweils nicht dabei waren, als es in Südkorea und China um olympische Medaillen und Meriten ging. Denn die NHL hatte es ihren hoch bezahlten Profis schlichtweg untersagt, an den Winterspielen teilzunehmen.
"Freuen uns alle so krass auf Olympia"
Doch diesmal sollen sie zurückkehren. Erstmals seit Sotschi 2014 wird das Olympische Eishockeyturnier der Männer wieder ein Aufeinandertreffen der Allerbesten. Die Nationalteams aus Kanada und den USA zum Beispiel werden ausschließlich aus NHL-Spielern bestehen, die der Schweden und Finnen nahezu ebenso. Und auch Deutschland wird mit Leon Draisaitl, Tim Stützle, Moritz Seider, JJ Peterka, Philipp Grubauer und Nico Sturm seine sechs aktuellen Spieler aus der stärksten Eishockeyliga der Welt dabei haben. "Wir freuen uns alle so krass auf Olympia", sagt Peterka von den Utah Mammoth.
Doch trotz aller Vorfreude und Vibes - ob das Who is Who des Eishockeys tatsächlich in Mailand über's Eis flitzen wird, ist noch nicht endgültig sicher. Denn die große Bühne für die Stars, die Santagulia-Arena, ist nicht fertig. Im Gegenteil. Überall wird noch gehämmert, geschraubt, gebohrt. Dass die Eisfläche, die ursprüngliche NHL-Größe haben sollte, also knapp 61 Meter lang und rund 26 Meter breit, tatsächlich einen Meter kürzer ist als vorgesehen, scheint da noch das geringste Übel zu sein.
Draisaitl bleibt optimistisch
"Sieht mit Sicherheit zu diesem Zeitpunkt alles nicht so perfekt aus", sagte Draisaitl kurz vor Weihnachten, hob aber dennoch hervor, dass er "optimistisch" sei. Bereits im November sollte es im rund 300 Millionen Euro teuren Neubau ein Turnier geben, das als Testevent vor allem für die Eisqualität vorgesehen war. Denn wenn bald die besten und teuersten Kufencracks der Welt über einen längeren Zeitraum bis zu drei Spiele pro Tag austragen, bedarf es eines besonders belastbaren Eises, meinte der stellvertretende NHL-Commissioner, Bill Daly. Und der Offizielle drohte zugleich: "Wenn die Spieler das Gefühl haben, dass das Eis nicht sicher ist, dann spielen wir nicht – ganz einfach."
Nico Sturm hat Verständnis für diese klaren Worte. "Ich glaube, die NHL macht das schon richtig. Es gibt schon einen bestimmten Standard, der erfüllt werden sollte, wenn man die besten Spieler aufs Eis schickt", sagt der zweimalige Stanley-Cup-Champion, der derzeit für die Minnesota Wild spielt. Um ihren Profis die bestmögliche Eisqualität gewährleisten zu können, hat die NHL bereits vor Wochen ihre Eisexperten nach Mailand geschickt, um den Organisatoren zu helfen.
Eisfläche besteht Testturnier "halbwegs gut"
Am vergangenen Wochenende gab es, mit reichlicher Verzögerung, das viel beachtete Testturnier. Sieben Spiele an drei Tagen. Zwar musste die erste Partie wegen einer unebenen Stelle im Eis unterbrochen werden, doch insgesamt habe die Oberfläche der Belastung "halbwegs gut" standgehalten, meinte Journalist Chris Johnston. Er war für "The Athletic" vor Ort und hielt seine Eindrücke in einem Video fest. Seine Erkenntnis: "Dies ist immer noch eine ziemliche Baustelle." Auf den Oberrängen, den künftigen Presseplätzen sowie im Bereich für die Hospitality werde noch reichlich gebaut, so Johnston. Und von den 14 Umkleidekabinen sind erst drei fertig.
Marco Sturm kommen diese Meldungen aus Mailand bekannt vor. "Das ist immer so, immer das Gleiche", sagt der Trainer der Boston Bruins gegenüber ntv.de und muss bei diesen Worten umgehend an 2018 denken. Damals war Sturm noch Nationaltrainer und führte Deutschland bei den Winterspielen in Pyeongchang sensationell zu Silber. Und damals, erinnert er sich, "waren am Tag vor unserem ersten Spiel die Kabinen noch nicht fertig." Letztlich, so Sturm weiter, sei dann aber 24 Stunden später trotzdem alles in Ordnung gewesen.
Hallenkapazität geringer als geplant
Ähnliches erwartet Moritz Seider, der stets besonnene Verteidiger der Detroit Red Wings, auch in Mailand. Angst vor dem Super-GAU? Nein. "Ich glaube trotzdem, am Ende des Tages wird das bei solchen Events dann immer kurz vor knapp noch fertig", so der 24-Jährige. Seider erwartet "tolle Spiele", spricht von "einem Kindheitstraum" der für ihn in Erfüllung gehe.
Am 6. Februar werden die Winterspiele eröffnet. Doch bereits einen Tag zuvor beginnt das Eishockeyturnier der Frauen, ab dem 11. Februar sind dann auch die Männer in der Santagulia-Arena auf dem Eis. Ursprünglich sollte die Halle eine Kapazität von 14.000 Plätzen haben. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass nur 11.800 Fans hineinpassen werden. Warum? Darauf wusste niemand so recht eine Antwort.
Luc Tardif ist trotzdem zufrieden. Der 72-jährige Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF hatte sich in den vergangenen Wochen viel Kritik und auch Spott anhören müssen. Er weiß, dass vieles rund um die Arena auch während der Winterspiele eine Baustelle sein wird. Doch ihm geht es hauptsächlich um das Eis. Und das hat ihn beim Testturnier zufriedengestellt. Er reise "glücklich" wieder ab, betonte Tardif und ergänzte in Richtung Nordamerika: Es gebe "keinen Grund für die NHL, nicht zu kommen."