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Nach epischem Olympia-DramaEislauf-Gott Ilia Malinin steht mit Rekord-Show bei WM wieder auf

26.03.2026, 17:56 Uhr
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Bei den Olympischen Spielen stand die Eislauf-Welt kurz Kopf, bei der WM drehte Ilia Malinin sie wieder in die Reihe. (Foto: IMAGO/Kyodo News)

Ilia Malinin wird bei den Olympischen Spielen zur tragischen Figur. Der Eiskunstlauf-Gott zerbricht in der Kür. Der Druck auf den US-Superstar ist zu groß. Nun kehrt er bei der WM auf die große Bühne zurück - und wie.

Mit den Olympischen Spielen hat Ilia Malinin abgeschlossen. Auch optisch. Die blonde Mähne des Amerikaners wurde deutlich gebändigt. Von allem ein bisschen weniger, so will es der "Vierfach"-Gott des Eiskunstlaufens bei der Weltmeisterschaft offenbar angehen. Weniger Haare, weniger Risiko - weniger Druck. Aber geht das? Vor knapp sechs Wochen war der übergroße Superstar bei den Spielen in Mailand zerbrochen, vom Olymp gepurzelt. In der Kür. Vor den Augen der Welt. Schon in den Tagen zuvor hatte er gehemmter gewirkt als gewöhnlich, dieser 21-Jährige, der die Gesetze seiner Sportart und der Physik neu geschrieben hatte.

Seine Geschichte war groß geworden, riesengroß. Nicht nur in den USA, sondern auf der Weltbühne. Auf diese kehrte er nun erstmals zurück. Mit einem Kurzprogramm, das alle Fragen (vorerst) beantwortete. Ist der Druck bei der WM zu groß? Nein! Hängt Malinin das epische Scheitern von Mailand noch nach? Nein! Ist er Topfavorit auf Gold? Ja! Kann ihn jemand schlagen? Nur, wenn er sich selbst wieder aus dem Spiel nimmt. Und diese letzte Frage kann an diesem Donnerstag in Prag noch nicht beantwortet werden. Denn auf dem Weg zu Gold, seinem dritten bei Weltmeisterschaften nacheinander, steht noch die Kür am Samstagabend an.

Atemberaubende Sprünge von Malinin

Und hier lauern die Geister, die den Gott erneut fallen sehen wollen. In Mailand legte er ein atemberaubendes Kurzprogramm aufs Eis. Der Vierfach-Flip, er saß. Der Axel, der Lutz, der Toeloop, alles fast perfekt. Und doch baute sich der "Vierfach"-Gott eine kleine Sicherheitsbrücke ein. Den Axel, den er als einziger vierfach springt, gönnte er sich nur dreifach. Auch in Prag verzichtete er auf dieses superschwierige Element. Er braucht es auch schlichtweg nicht, um die Konkurrenz in einer anderen Liga erscheinen zu lassen. Bringt er sein Programm durch, ist er nicht zu schlagen. Der Vierfach-Axel ist nur der letzte Diamant auf der Krone. Aber Malinin weiß, wie schnell die Krone abrutschen kann, wenn nicht sauber gearbeitet wird. Und die Krone glänzt auch so.

Seine Show ist auch ohne den Gigantensprung von einer faszinierenden Leichtigkeit. Beim Vierfach-Flip zur Eröffnung hat er einen atemberaubenden Luftstand, den Dreifach-Axel springt er, als sei es eine lockere Aufwärmübung, und die Kombination Vierfach-Lutz und Dreifach-Toeloop setzt er so butterweich aufs Eis, dass nicht mal eine Kratzspur zu sehen scheint. Nur für diese magische Kombination bekam er unglaubliche 21,21 Punkte. Den spektakulären Rückwärtssalto gab's als kleines Goodie für die Fans in der ausverkauften Arena obendrauf. Als er nach 2:49 Minuten, gerade noch so in der Zeit, die letzte Pose erreicht hatte, konnte Malinin die gigantische Erleichterung, die er in sich spürte, nicht verbergen. Er strahlte. Glücklich, golden? Auch seinem für einen Augenblick nur ausgelassen jubelnden Vater und Trainer Roman Skornyakov fiel reichlich Druck ab.

So gut war er noch nie

Dann das Ergebnis, Malinin riss den Mund auf und schlug sich die Hände vors Gesicht. 111,29 Punkte hatte er bekommen. Nie zuvor war er in einem Kurzprogramm besser bewertet worden. Er blieb damit auch nur 2,68 Zähler hinter dem Kurzprogramm-Weltrekord seines Landsmannes Nathan Chen aus dem Jahr 2022.

Olympia? Druck? Weg. Ganz weit weg. Ebenso wie die Konkurrenz. Der Franzose Adam Siao Him Fa, der unmittelbar vor dem Amerikaner gelaufen war und dabei ebenfalls eine hinreißende Show geboten hatte, liegt schon knapp zehn Punkte hinter dem Superstar (101,85). Die anderen "Rivalen" sind noch weiter weg. Dritter ist aktuell Alexander Selevko aus Estland (96,49) vor Mailand-Bronzegewinner Shun Sato (95,84). Der japanische Olympia-Zweite Yuma Kagiyama (93,80) liegt nach einem Sturz beim Versuch, den Dreifach-Axel zu springen, nur auf dem sechsten Platz. Der kasachische Überraschungs-Olympiasieger Michail Schaidorow ist bei der WM nicht am Start.

"Ich bin ohne große Erwartungen nach Prag gekommen. Das Publikum hat mich wahnsinnig unterstützt, ich bin einfach auf das Eis gegangen und bin gelaufen", sagte Malinin: "Am Ende des Programms war ich schon sehr erleichtert. Olympia ist für mich nur noch Vergangenheit, alles, was passiert, hat einen Grund. Nun schaue ich nach vorne."

"Ich habe jetzt erkannt, wer ich wirklich bin"

Der Blick nach hinten produziert auch lediglich schlechte Erinnerungen. "Auf der größten Bühne der Welt kämpfen selbst diejenigen, die am stärksten erscheinen, innerlich möglicherweise mit unsichtbaren Schlachten. Selbst deine glücklichsten Erinnerungen können am Ende vom Lärm überschattet werden", schrieb er nach seinem Drama, das epische Ausmaße angenommen hatte. Wegen der Fallhöhe, die konstruiert worden war. "Widerwärtiger Online-Hass greift den Verstand an, und Angst lockt ihn in die Dunkelheit - ganz gleich, wie sehr man versucht, angesichts des endlosen, unüberwindbaren Drucks bei Verstand zu bleiben", schrieb er weiter. "All das staut sich an, während diese Momente vor deinen Augen aufblitzen, und führt schließlich zu einem unvermeidlichen Zusammenbruch. Das ist diese Version der Geschichte."

Malinin kann sich nur noch selbst schlagen. Wenn ihn der Druck doch noch einholt, wenn er zu viel Risiko geht. "Ehrlich gesagt, ist das Wichtigste, einfach auf mein Können zu vertrauen und daran festzuhalten", hatte er zuletzt im Sportschau-Interview gesagt. Bei sich zu bleiben heißt für ihn, die Öffentlichkeit auszublenden. Auch deshalb gab er vor den Wettkämpfen nun keine Interviews. Sehr "stressig" seien die Winterspiele gewesen. Malinin war omnipräsent. Der epische Absturz lehrte ihn, nur auf sich selbst zu achten. Das, was er liebt, nicht aus den Augen zu verlieren. "Ich habe jetzt erkannt, wer ich wirklich bin. Ich bin Ilia Malinin, nur diese Person, die es liebt, diese Leidenschaft für Eiskunstlauf zu haben und gerne alles ausprobiert." Der erste Schritt zurück in den Olymp ist geschafft, ein weiterer am Samstagabend muss noch folgen.

Quelle: ntv.de, tno

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