Drama epischen AusmaßesEiskunstlauf-Wunderjunge Ilia Malinin zerbricht bei Olympia

Die Olympische Spiele erleben ihr nächstes Drama: Eiskunstlauf-Superstar Ilia Malinin bricht in der Herren-Kür körperlich und mental zusammen. Statt sicherem Gold fällt der Amerikaner auf Platz acht zurück.
Um 22.56 Uhr suchte Ilia Malinin nach Halt. Und er fand ihn nicht. Wieder nicht. Fast vier Minuten war der 21 Jahre alte Wunderjunge des Eiskunstlaufens zuvor immer verzweifelter über das olympische Eis getaumelt. Er hatte zum zweiten Mal Gold im Blick, fast schon in der Hand und schaute am Ende ins Nichts. Der Amerikaner landete nach einer völlig verpatzten Kür in Mailand nur auf Rang 15. Er rutschte in der Gesamtwertung aus Kür und Kurzprogramm von Rang eins auf Rang acht. Die wahrscheinlich sicherste Gold-Wette der Spiele war zerfetzt worden. Von einem Gott, der keinen zweiten neben ihm duldet. Olympia hatte sein zweites großes, sportliches Drama und wieder waren die USA betroffen. Auf die gestürzte Heldin Lindsey Vonn folgte der gestürzte Held Malinin.
Körperlich blieb das Sprungwunder auf dem Eis unverletzt. Wie es tief in ihm drinnen aussieht, das weiß niemand. Malinin setzte nach dem schlimmsten Abend seiner professionellen Eiskunstlauf-Karriere das jetzt noch bestmögliche Pokerfache auf. Er kämpfte mit den Tränen, vielleicht eine floss. Einmal hielt er sich noch kurz erschüttert das Gesicht mit den Händen. Sonst hielt er seine Emotionen aber augenscheinlich krampfhaft zurück. Auch die Wertung der Juroren ließ er über sich ergehen. Er wusste ja, dass er nach seinem Lauf nichts mehr zu erwarten hatte. Dass sein bester Freund, der Kasache Michail Schaidorow, sensationell Olympiasieger wurde, begegnte er mit einer herzlichen Umarmung und netten Worten.
Wieder fällt ein Wunderkind bei Olympia
Danach verschwand Malinin von der Bühne. Wie vor vier Jahren war an diesem Abend ein Wunderkind zerbrochen. Damals, 2022 in Peking, war es Kamila Waljewa gewesen. Die 15 Jahre alte Russin ging ein unter dem Druck einer positiven Dopingprobe und landete danach in den kaltherzigen Armen von Eteri Tutberidse. Ein Tirade an Vorwürfen blieb Malinin nun erspart, nicht aber die tragische Heldengeschichte. Denn wer sonst außer ihm hätte gewinnen sollen? 27 Monate war der Amerikaner nicht zu schlagen gewesen. Und nun, ausgerechnet im größten Wettbewerb seines Lebens, riss diese unglaubliche Serie. Und das, obwohl auch seine größten Rivalen aus Japan und Südkorea gepatzt hatten. Malinin hätte nicht mal was Besonderes gebraucht. Aber es ging nichts.
Der Einstieg in die Kür gelang noch. Den Vierfach-Flip stand er mühelos. Dann sollte etwas folgen, das es in der olympischen Geschichte noch nie gegeben hatte. Der 21-Jährige wollte erstmals den vierfachen Axel springen. Außer ihm gibt es niemanden, der ihn in einem Wettkampf schonmal gezeigt hatte. Doch dann passierte das: Malinin lief an, sprang und brach ab. Eine einfache Drehung brachte er lediglich zustande. Das Publikum jaulte erschrocken auf. Das Drama begann. "Es war fast so, als ob ich gar nicht wusste, wo ich im Programm stand", sagte Malinin. "Normalerweise habe ich mehr Zeit und ein besseres Gefühl, wie es läuft, aber dieses Mal ging alles so schnell vorbei, und ich hatte wirklich keine Zeit, den Ablauf anders zu gestalten."
Die Sprünge werden zum Drama
Den Rittberger sprang er nur doppelt. Malinin zerbrach, er hatte kaum noch Ausstrahlung, kaum noch mentale und körperliche Kraft. Nach dem Vierfach-Lutz stürzte er aufs Eis. Panische Rufe auf den Tribünen machten sich breit. Die Menschen waren gekommen, um den schon als besten Eiskunstläufer aller Zeiten ausgerufenen Malinin zu sehen. Die Zuschauer sahen kein Spektakel, sie sahen die Menschwerdung des Eiskunstlauf-Gottes, der im vergangenen Jahr eine Weltrekord-Kür gelaufen war. Dem zugetraut worden war, diese bei Olympia nochmal zu sprengen. Der die Naturgesetze umgeschrieben hatte. Dem Fähigkeiten zugeschrieben worden waren, die lange Zeit als unmöglich galten. Sogar ein Fünffach-Sprung wurde mit seinem Namen in Verbindung gebracht. "Ich habe die Physik kaputt gemacht", sagte er gegenüber "The Athletic" noch bevor die Spiele anfingen.
Aber was war nur mit ihm passiert? War das Programm, das er in Mailand absolviert hatte - zweimal Kurzprogramm, zweimal Kür, verteilt auf Teamwettbewerb und das Herren-Einzel - zu viel? War Malinin körperlich an seine Grenzen gestoßen? Oder mental? So richtig frei wirkte er in den ersten Tagen nicht. Im Team-Kurzprogramm hatte ihn der Japaner Yuma Kagiyama mit einer Vorstellung nahe der Perfektion geschlagen. Kagiyama wurde nun Zweiter, trotz dicker Patzer vor seinem Landsmann Shun Sato.
Nach diesem ersten Auftritt steigerte sich Malinin, ging aber nie ins Risiko. Wollte er nicht? Konnte er nicht mehr? "Ihr tut alle so, als wäre etwas Schlimmes passiert", parlierte der Amerikaner am Anfang der Spieler im Kreise der aufgeschreckten US-Medien. "Ich bin so aufgeregt, hier zu sein. Kommt schon, Leute, es sind die Olympischen Spiele", strahlte er. "Um ehrlich zu sein, das ist schon eine Lebensleistung." Diese Sätze wirkten da schon deplatziert und nun noch ein bisschen mehr. Es sind Fragen, die nun gestellt werden. Malinin ist ein Gigant, ein Grenzenverschieber, ein bis heute Unschlagbarer. Die Fallhöhe seines Scheiterns ist kaum zu bemessen. Sensation ist dafür als Wort eigentlich zu klein. Es ist ein sportliches Drama epischen Ausmaßes
Naumov trauert erneut um seine Eltern
Schon vor diesem Freitagabend waren Vergleiche mit Nathan Chen gezogen worden, zum US-Vorgänger-Superstar, der bei seinen ersten Spielen 2018 in Pyeongchang dem Druck im Einzel nicht standhielt. Gold holte er sich erst vier Jahre später in Peking. Malinin, der Weltrekord-Mann, hatte anderes im Sinn. Der Plan ging nicht auf. "Ich habe es vermasselt", sagte er.
Für emotionale Momente sorgte Maxim Naumov. Der US-Amerikaner widmete den Auftritt wie schon nach dem Kurzprogramm seinen vor knapp einem Jahr verstorbenen Eltern. Nach dem höchst umstrittenen Ausschluss des ukrainischen Skeleton-Fahrers Wladislaw Heraskewytsch von den olympischen Wettbewerben wegen seines Helmes mit Bildern von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen hatte es Diskussionen gegeben, ob die Geste Naumovs im Kurzprogramm überhaupt erlaubt gewesen sei. Das IOC erklärte aber, dass dieser Fall gegen keine Regel verstoße. Naumov habe sein Foto nach dem Lauf im sogenannten Kiss-and-Cry-Bereich gezeigt und nicht, als er auf dem Eis war.