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Der kolossale Wiederaufsteher Nadal macht's monumental wie Real Madrid

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Rafael Nadal kämpfte Novak Djokovic in Paris nieder.

(Foto: IMAGO/Starface)

Rafael Nadal verblüfft im epischen French-Open-Viertelfinalsieg gegen Novak Djokovic selbst eingefleischte Fans - und erinnert an Real Madrid. Krönt sich der Sandplatz-Gigant zum besten Tennisspieler aller Zeiten? Doch die Angst geht um, dies könne Nadals letzte Wiederauferstehung sein.

Der Gigant wackelt. Er ist müde, er pumpt, und seine Schläge verlässt die sonst so ungeheure Kraft. Im Viertelfinale der French Open, in seinem Paris-Wohnzimmer, sieht es nicht danach aus, als könnte Rafael Nadal den Weltranglistenersten Novak Djokovic bezwingen. Es läuft das Ende des zweiten Satzes, und der Serbe hat ein 0:3 zu seinen Gunsten gedreht, während der Spanier sich nicht mehr rund bewegt, sondern mit schmerzverzerrtem Blick zu seinen Trainern auf der Tribüne blickt. Bei seinen Fans werden bittere Erinnerungen an das Turnier in Rom vor drei Wochen wach, als Nadal wegen einer Fußverletzung kaum noch laufen konnte.

Dass der gerade noch 35-jährige Nadal (am Freitag feiert er Geburtstag) doch noch den Halbfinal-Einzug in Paris feiert und Djokovic in epischen 4:12 Stunden mit 6:2, 4:6, 6:2, 7:6 (7:4) abfertigt, kommt einerseits einem kleinen Wunder gleich. Andererseits ist genau das eben Rafael Nadal. Ein Mentalitätsmonster. Ein Kämpfer. Ein Koloss auf dem Sand. Allein 13 Mal hat er in Paris triumphiert. In all den Jahren hat er in Roland Garros lediglich drei (!) Pleiten einstecken müssen. Ein unglaublicher Rekord, dem der Spanier nun noch einmal die letzte Krone aufsetzen könnte.

Gegen Djokovic, der im gesamten Turnier vorher noch keinen Satz abgeben musste und äußerst konstant spielte, startet Nadal wie die zehn Jahre jüngere Version seiner selbst. Mit seiner peitschenden Vorhand, die keiner im Tennis so spielen kann, und scharfen und präzisen Rückhand-Crossschlägen lässt er seinen Gegner immer wieder verblüfft zurück. Gegen die pure Power des Nadal kommt auf Sand noch immer fast niemand an, auch der Weltranglistenerste nicht. Der Spanier krallt sich den ersten Satz.

"Weiß nicht, was danach passiert"

Unglaubliche und extrem lange Ballwechsel begeistern das Roland-Garros-Publikum von Beginn an. Durchschnittlich sieben Minuten dauern die Spiele an. Eines findet sogar erst nach über 20 Minuten einen Gewinner. Der zweite Satz allein dauert fast anderthalb Stunden. Zum Vergleich: Bei ihrem French-Open-Sieg 1988 brauchte Steffi Graf für ihre zwei kompletten Sätze insgesamt nur 32 Minuten. Diesmal wissen alle auf dem Court Philippe-Chatrier: Je länger das Duell zwischen Nadal und Djokovic dauert, umso größer ist der Vorteil für den nicht gerade von einer Verletzung geplagten Serben.

Eigentlich. Denn nach seinem Rückschlag im zweiten Satz, nach dem Wechsel des Momentums und der Dominanz auf die Seite des Weltranglistenersten, steht Nadal zum ersten Mal an diesem Abend aus einem Tief auf. Gleich zu Beginn des dritten Satzes haut er Djokovic die Bälle wieder wie ein Berserker um die Ohren. Was in diesem vorgezogenen Finale geschieht, ist historisch. Die Fans rasten nach, während und vor Ballwechseln komplett aus. "Raaafaaa! Raaafaaa!" schallt es über den Court. Immer noch läuft der Spanier hier und da nicht wie ein schmerzfreier Nadal, doch sein Wohnzimmer schenkt er nicht so einfach her. Schließlich könnte dieses Jahr das letzte des Spaniers in Paris sein. Darauf deuten Interviews in den vergangenen Tagen hin. Auch nach dem Kampf gegen Djokovic sagt er: "Ich spiele dieses Turnier, weil wir die Dinge hinbekommen, dass ich bereit bin, das Turnier zu spielen. Aber ich weiß nicht, was danach passiert."

Seit 17 Jahren, seit 2005, kämpft Nadal gegen seinen stärksten Gegner an. Sein Name: Müller-Weiss-Syndrom. Eine chronische Fußverletzung und seltene, degenerative Erkrankung, bei der ein Knochen im mittleren Teil des Fußes deformiert ist. Die Olympischen Spiele in Tokio und Wimbledon 2021 verpasst der Spanier, ehe er die letzte Saison im August komplett abbricht. Mancher spekuliert schon über ein Karriereende. Zwar kehrt er 2022 zurück, doch vor den Australian Open, die Nadal phänomenal gewinnt, traut ihm kaum jemand ein großes Comeback zu. Nach der Niederlage in Rom Mitte Mai klagt er über "wieder sehr starke Schmerzen".

Hält das Syndrom den Sandplatzkönig nun erneut auf? Nach Nadals Gewinn des dritten Satzes zeigt Djokovic, warum er der Weltranglistenerste ist und 20 Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Er breakt den Spanier und kann mit dem eigenen Aufschlag beim Stand von 5:3 das epische Duell in einen fünften Satz schicken. Doch es folgt Nadals nächste Wiederauferstehung. Verletzung hin oder her. Im allerletzten Moment sichert er sich das Break zum 4:5 und beim Stand von 6:6 geht es in den Tiebreak. Dort ist seiner brutalen Schlagstärke und -präzision, die Nadal zur Überraschung der Zuschauer irgendwie noch einmal herauskramen kann, auch der Serbe nicht mehr gewachsen.

Nächstes Epos gegen Zverev?

Und so feiert Nadal, ganz so wie sein Lieblingsfußballklub Real Madrid in der Champions League in diesem Jahr nach Rückständen immer wieder zurückkam und letztendlich den Titel holte, eine Wiederauferstehung nach der anderen. Die Fußverletzung kann ihn nicht aufhalten, auch der Vorjahressieger Djokovic nicht, der ihm 2021 im Halbfinale von Paris mit einer Weltklasseleistung eine seiner drei Niederlagen hinzufügte. Fast schon selbst ungläubig, reißt Nadal nach seinem Sieg die Arme in die Höhe. Unglaubliche 69 Prozent der Punkte gewinnt er beim zweiten Aufschlag, Djokovic nur 46 Prozent. Der Serbe reagiert nach dem Spiel gereizt. "Ich habe bei ihm keine Probleme gesehen", sagt er. "Ich bin überhaupt nicht überrascht. Es ist nicht das erste Mal, dass er nur wenige Tage nach einer Verletzung, bei der er kaum laufen kann, wieder 100 Prozent fit ist. Er hat das viele Male in seiner Karriere getan."

Nun wartet am Freitag Alexander Zverev auf den unglaublichen Wiederaufsteher. Die deutsche Nummer eins zeigte sich gegen Spaniens neue Teenie-Sensation Carlos Alcaraz stark in Form, es könnte zu einem weiteren epischen Duell kommen. Wie es für Nadal aber nach Roland Garros weitergeht, ist indes unklar. Wieder steht ein bitteres Karriereende im Raum. "Ich habe, was ich habe, in meinem Fuß. Wenn wir also nicht in der Lage sind, eine Verbesserung oder eine kleine Lösung dafür zu finden, dann wird es superschwer für mich", erklärt der Spanier. "Natürlich werde ich weiter kämpfen, eine Lösung dafür zu finden, aber bislang haben wir keine gefunden." Dass der Gigant noch ein paar Jahre weiter aufsteht, es würde kaum jemanden im Tenniszirkus wirklich überraschen.

Gewinnt er gegen Zverev und das Finale für seinen 22. Grand-Slam-Triumph (Djokovic und Roger Federer haben jeweils 20), dürften auch die Diskussionen um Rafael Nadal als besten Tennisspieler aller Zeiten wieder aufblühen. Wenngleich diese müßig sind und der Spanier der erste ist, der davon nichts hören will. Dafür ist er viel zu höflich und schüchtern. Selbst im epischen Viertelfinale bedankt er sich mehrmals bei den Balljungen mit einem "Merci". Dabei will ihm jeder auf den Tribünen und zu Hause am Bildschirm einen Dank für diese unglaubliche Wiederauferstehung entgegenbrüllen. Gracias, Rafa, lass es nicht die letzte sein.

Quelle: ntv.de

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