Sport

Als Außenseiter zur Titelverteidigung Nowitzki bekämpft die Unkenrufe

321n2902.jpg6794751106658371118.jpg

"Das Ding nochmal zu gewinnen, wäre der Wahnsinn", sagt Dirk Nowitzki.

(Foto: dpa)

Wenn an diesem Abend die NBA in ihre neue Saison startet, spielt in Dallas der große Meisterschaftsfavorit - die Miami Heat. Die Titelverteidiger aus Texas um den deutschen Superstar Dirk Nowitzki hat kein Experte auf der Rechnung. Tatsächlich müssen die Mavs einige Abgänge verkraften, während andere Teams kräftig aufgerüstet haben. Aber ein Blick in die Geschichte könnte Nowitzki Hoffnung geben.

110 Euro. Das ist die hübsche Summe, die man gewinnen könnte, wettete man vor dem heutigen Beginn der NBA-Saison 10 Euro auf eine Titelverteidigung von Dirk Nowitzki und seinen Dallas Mavericks. Setzt man den Zehner lieber auf den ersten Gegner der Mavs, die Vorjahresfinalisten der Miami Heat mit den "Big Three" Dwyane Wade, Chris Bosh und LeBron James, bekäme man nur 35 Euro zurück. Die meisten Wettanbieter sehen mindestens vier Teams als größere Favoriten auf den Titel als die Mavs.

Auch den Sport-Redaktionen in den USA fehlt der Glaube an einen "Repeat". Mavs-Forward Shawn Marion kann seine Wut darüber nicht verbergen. "Sie können uns mal", schimpft er in Richtung der Journalisten, die noch vor dem ersten Tip-Off der Saison 2011/12 die Abgesänge auf den Champion verfasst haben. "Wir sind an dem Punkt, wo uns jeder übersieht und nur über andere spricht." Nowitzki, der in den vergangenen Monaten die sichtlich genossen hat, zeigt sich entspannter: "Letztes Jahr waren wir ja auch keine Meisterschaftsfavoriten."

Fünf Champions fehlen

Im letzten Jahr, so viel steht fest, war das Mavs-Team allerdings auch ein ganz anderes. Fünf Spieler der Meistermannschaft sind von Bord gegangen. Am schwersten wiegt der Verlust von Center Tyson Chandler. Als "erste Priorität" hatte Nowitzki dessen Vertragsverlängerung bezeichnet. Doch der Defensiv-Spezialist wollte einen langfristigen und teuren Kontrakt, der die für das nächste Jahr geplante Verpflichtung eines Superstars – im Gespräch sind Aufbauspieler Deron Williams und Center Dwight Howard – unmöglich gemacht hätte. Ihren hohen Wert für das Team hatten auch der wieselflinke J.J. Barea und Edel-Verteidiger DeShawn Stevenson unter Beweis gestellt. Auf ihre Hilfe muss Nowitzki nun ebenso verzichten wie auf Caron Butler und Peja Stojakovic.

RTR2V79A.jpg

Der Kern des neuen, alten Teams: Carter, Marion, Nowitzki, Terry, Odom, Kidd.

(Foto: REUTERS)

Als Ersatz stellt Manager Don Nelson seinem wichtigsten Mann altgediente Veteranen zur Seite. In Lamar Odom kommt ein vielseitiger "Big Man" nach Texas, der an der Seite von Kobe Bryant zwei Meisterschaften bei den Los Angeles Lakers gewonnen hat. Bryant zeigte sich über den Verlust des besten Auswechselspielers der vergangenen Saison alles andere als erfreut: "Ich mag den Trade nicht", bekannte er offen. Wozu Vince Carter noch in der Lage ist, ist schwer zu sagen. In der vergangenen Saison lieferte "Air Canada" für Orlando und Phoenix solide 14 Punkte und 3,8 Rebounds im Schnitt. Für Glanzstücke kann der mittlerweile 35-Jährige wohl nicht mehr sorgen. Im Zusammenspiel mit dem etablierten, aber stets schwankenden Jason Terry könnte Carter aber ein schlagkräftiges Shooting-Guard-Duo stellen.

Wegen der durch den leidigen Lockout verkürzten Vorbereitung auf die neue Saison wissen die Mavericks noch nicht, wo sie stehen. Die beiden Testspiele gegen die Oklahoma Thunder gingen jeweils verloren. "Es wird eine Weile dauern, bis wir uns als Team gefunden haben", bittet Nowitzki um Geduld. Er selbst sieht sich noch lange nicht bei 100 Prozent – kein Wunder ob der langen Pause und der kurzen Vorbereitung. Der 2,13-Meter-Mann glaubt aber, dass ihm die Auszeit vom Basketball langfristig nutzt: " Ich habe die Pause genutzt, um mich aktiv zu regenerieren. Nach der EM habe ich zwei Monate nichts gemacht, hatte keinen Basketball in der Hand. Das hat mir sehr gut getan."

Miami ist der Topfavorit

DAB0333-20111219.jpg2319968831259054217.jpg

Für Dwyane Wade und LeBron James zählt nur der Titel.

(Foto: AP)

Andere Teams scheinen keine Vorlaufzeit zu brauchen: "Wenn wir dieses Jahr keine Meisterschaft holen, ist das Jahr kaputt", tönt Miamis Dwyane Wade. Das Star-Kollektiv aus Florida geht mit dem klaren Ziel, die Scharte der verlorenen Finals auszuwetzen, in die Saison. Mit Shane Battier und Eddie Curry haben sich die Heat nur punktuell, aber sehr klug verstärkt und gelten als der Topfavorit auf den Titel.

Im Osten machen sich aber auch die New York Knicks daran, sich zu einem Anwärter auf die Meisterschaft zu entwickeln. Die Knicks sicherten sich die Dienste von Ex-Maverick Tyson Chandler, der den schlampigen Genies Amar'e Stoudemire und Carmelo Anthony defensiv den Rücken freihalten soll. Die jungen Chicago Bulls mit dem "Most Valuable Player" der vergangenen Saison, Derrick Rose, meinen mit dem erfahrenen Richard Hamilton das entscheidende Puzzlestück für die Meisterschaft gefunden zu haben.

Im Westen schaute während der verrückten Transferphase, die wegen des Lockouts auf wenige Wochen komprimiert wurde, alles nach Los Angeles. Die Lakers waren bereit, Lamar Odom und Pau Gasol abzugeben, um Aufbauspieler Chris Paul aus New Orleans zu holen. Doch als der Trade perfekt schien, legte die NBA als Eigentümer der New Orleans Hornets ihr Veto ein. Der Deal platzte, doch Paul heuerte trotzdem in der "Stadt der Engel" an – beim Lokalrivalen und ewigen Underdog, bei den Clippers. Die entwickeln sich mit Chris Paul und der Verpflichtung von Dallas' Caron Butler plötzlich zum hippsten Team der Stunde. Nicht wenige Experten prophezeien eine Wachablösung in L.A. – und vielleicht in der ganzen Western Conference.

Das Herz eines Champions

Doch erstmal müssen die Teams 66 Spiele in der regulären Saison absolvieren. Gleich das erste wird für die Mavericks ein ganz spezielles: Vor dem Spiel gegen die Heat wird das Meisterschaftsbanner unter die Decke des "American Airlines Centers" gehängt. "Das wird nochmal ein besonderer Moment mit vielen Erinnerungen und Emotionen", freut sich Nowitzki. Und dieser Moment könnte auch den Ehrgeiz des Deutschen kitzeln: "Eine Titelverteidigung wäre schon eine tolle Sache", gibt er zu.

Ein Blick in die Historie könnte den Mavs Hoffnung verleihen. Nach dem Titelgewinn 1994 kämpften sich die Houston Rockets um den legendären Hakeem "The Dream" Olajuwon mehr schlecht als recht durch die reguläre Saison. Nur auf Platz sechs ging es in die Playoffs, kein Experte setzte einen Pfifferling auf die Titelverteidiger. Doch in einem bemerkenswerten Playoff-Verlauf schlugen sie unter anderem trotz zwischenzeitlicher 0:2 und 1:3-Serienrückstände die hoch gehandelten Phoenix Suns, und trafen in den Finals auf die Orlando Magic um den jungen Shaquille O'Neal. Was folgte, war ein 4:0-Sweep und ein Satz für die Sportgeschichte von Trainer Rudy Tomjanovich: "Don't ever underestimate the heart of a Champion – Unterschätze nie das Herz eines Champions!"

Quelle: ntv.de, mit dpa, sid