Sport

Kollision beim Bahnrad-Training Olympiasiegerin Vogel ist gelähmt

imago32759069h.jpg

Vogel war bei einem Trainingsunfall mit einem anderen Fahrer kollidiert.

(Foto: imago/Newspix)

Die zweimalige Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel ist nach ihrem schweren Trainingssturz querschnittsgelähmt. "Egal wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen", so die 27-Jährige, die die Verletzung beim Zusammenstoß mit einem anderen Fahrer erlitt.

Die zweimalige Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel ist querschnittsgelähmt. "Es ist scheiße, das kann man nicht anders sagen. Egal wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen", sagt die 27-Jährige, die die Verletzung bei einem schweren Trainingssturz am 26. Juni in Cottbus erlitten hatte, dem "Spiegel". "Aber was soll ich machen? Ich bin immer der Meinung, je schneller man eine neue Situation akzeptiert, desto besser kommt man damit klar", so Vogel.

imago32833491h.jpg

Ihr Lebensgefährte Michael Seidenbecher sei ihr eine große Hilfe, sagte Vogel im Interview.

(Foto: imago/VIADATA)

Die elfmalige Weltmeisterin hatte die folgenschwere Verletzung bei einem Trainingssturz auf der Radrennbahn in Cottbus erlitten, als sie mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer zusammengestoßen war. Emotional schildert sie die dramatischen Momente nach dem Unfall. Sie beschreibt den "ganz, ganz dollen Druck", den sie plötzlich verspürte, "als wenn mein ganzer Körper angeschwollen wäre". Sie erzählt, wie Teamkollege Max Levy ihr die Hand hielt, weil "ich eine Hand brauchte, um mich festzuhalten", und wie sie jemanden mit ihren Schuhen weggehen sah, aber nicht gemerkt hatte, dass sie ihr ausgezogen wurden: "Da war mir sofort klar, das war's. Jetzt bin ich querschnittgelähmt, das mit dem Laufen wird nichts mehr." Anschließend war sie im Unfall-Krankenhaus Berlin-Marzahn mehrmals operiert worden.

Ab der Brust abwärts gelähmt

Ihr Rückenmark sei ab dem siebten Brustwirbel durchtrennt, sie sei etwa ab Brust abwärts gelähmt, erklärt Vogel. "Dann verläuft die Grenze zwischen Gefühl und Taubheit etwas." Es sei schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn sie ihre Beine anfasst, so die Erfurterin. Denn sie spüre zwar ihre Haut, "aber es gibt keine Rückkopplung".  Dennoch habe sie Glück im Unglück gehabt: "Auf den ersten Röntgenbildern sieht meine Wirbelsäule aus wie ein Ikea-Klapptisch. Ich habe großes Glück, dass ich noch lebe und dass ich noch voll funktionsfähige Arme habe. Ich hätte auch gut halsabwärts gelähmt sein können."

Die ersten Wochen im Krankenhaus verliefen nicht ohne Komplikationen. Nach einer zweiten Operation habe sie an einer heftigen Lungenentzündung gelitten, habe immer wieder ein paar Tage im künstlichen Koma gelegen. Mehr noch: Die Ärzte hätten große Probleme gehabt, sie auf Schmerzmittel einzustellen: "Sie durften mir auch nicht zu viel geben, weil das die Lunge gelähmt hätte. Ich dachte zwischendrin wirklich, dass ich sterbe."

"Wollte nicht, dass man mich so verletzt sieht"

Die schlimme Verletzung hatte im deutschen Bahnrad-Lager große Bestürzung ausgelöst. Die erfolgreichste Sportlerin der Bahnradsport-Geschichte war in den vergangenen Jahren die Vorzeigefahrerin im deutschen Team. Ihr Chemnitzer Erdgas-Team hatte nach dem Unfall eine Spendenaktion unter dem Motto #staystrongkristina ins Leben gerufen, bei der bereits rund 120.000 Euro zusammengekommen sind. Das Geld wird Vogels Familie zur Verfügung gestellt. Eine Geste, die Vogel "sehr, sehr viel" bedeutet. "Zu merken, wie wichtig man für die Leute ist, wie viel Anteil sie genommen haben." Das Geld wolle sie nun dazu verwenden, ein Spezialauto zu kaufen sowie "einen geilen Rollstuhl mit Carbonfelgen".

Nach dem Unfall war zunächst eine Nachrichtensperre verhängt worden. "Ich wollte nicht, dass man mich so verletzt sieht", erklärt Vogel. Mittlerweile gehe es ihr besser. "Ich bin noch da und immer noch dieselbe verrückte Nudel. Ich möchte Motivation für andere sein", sagt sie dem "Spiegel". Ihr engster Kreis ist bereits seit längerer Zeit eingeweiht, dazu gehört auch Miriam Welte, mit der Vogel 2012 Gold im Teamsprint in London gewonnen hatte: "Wir hatten schon einige Wochen Zeit, die Diagnose zu verarbeiten und uns an den Gedanken, Kristina im Rollstuhl zu sehen, zu gewöhnen. Das war extrem schwer", sagt Welte. Sie habe aber den Eindruck, dass sie die Situation gut angenommen habe.

Ihr Haus muss umgebaut werden

Wie ihre Zukunft aussieht, ist der 27-Jährigen noch nicht klar. "Ich muss jetzt erst mal meine Lähmung verstehen", so Vogel. Ihr Arbeitgeber, die Bundespolizei, unterstütze sie und zeige ihr Perspektiven auf, was sie mit ihrer Lähmung noch leisten könne. "Ich kann nur froh sein, dass ich auf Lebenszeit verbeamtet bin." Nach Veröffentlichung des Interviews sagt ihr auch der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer volle Unterstützung zu. Das Interview "zeigt, was für ein wundervoller Mensch Kristina Vogel ist", so Rudolf Scharping.

Ob sie jemals wieder Sport machen möchte, weiß Vogel derzeit nicht: "Wenn ich nicht weiß, was ich kann, wie kann ich da wissen, wofür ich brenne?" Erstmals in ihrem Leben habe sie keine Pläne: "Ich vergleiche mich gerade tatsächlich mit einem Baby, das lernen muss, sich selber zu drehen und aufzusetzen. Und es ist schön, dass ich mir damit Zeit lassen kann. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich nichts, ich kann. Diese Situation möchte ich genießen. Im Grunde genommen bin ich zum ersten Mal frei." Doch ihr Teamchef und Ex-Weltmeister Michael Hübner sagt bereits: "Ich habe sie charakterlich als Menschen kennen gelernt, der nie aufgeben wird. Sie wird zurückkommen - das Thema  Paralympics ist noch nicht durch, da bin ich mir sicher."

"Das Schlimmste ist, abhängig zu sein"

Erst einmal möchte die Erfurterin Ende des Jahres das Krankenhaus verlassen - ein ehrgeiziges Ziel, wie sie selbst zugibt. Denn sie müsse sich unter anderem allein anziehen und selbstständig in den Rollstuhl setzen können. Außerdem müsse das Haus von Vogel und ihrem Lebensgefährten Michael Seidenbecher, einem ehemaligen Radprofi, noch umgebaut werden. "Eine Lösung für die Treppe muss her. Ich will so wenig wie möglich auf Hilfe angewiesen sein. Denn, ja, ich kann nicht mehr laufen, aber das eigentlich Schlimmste für mich ist, abhängig zu sein", sagt Vogel.

Die Bahnradsprinterin war bereits zum zweiten Mal Opfer eines schweren Sturzes geworden. 2009 mit gerade 18 Jahren war sie beim Training auf der Straße schwer verunglückt. Damals hatte ihr ein Kleintransporter die Vorfahrt genommen, sie knallte in die Seite des Fahrzeugs und erlitt dabei schlimme Verletzungen. Vogel verlor sechs Zähne, brach sich den Kiefer und vier Handwurzelknochen. Außerdem hatte sie eine leichte Gehirnblutung und gebrochene Brustwirbel. Im Krankenhaus wurde Vogel damals zwei Tage in ein künstliches Koma versetzt.

Quelle: n-tv.de, jgu/ara/dpa/sid

Mehr zum Thema