Paralympics starten als FarceEine Eröffnungsfeier, die nur als Schande in Erinnerung bleiben wird

Ein Boykott, vorgefertigte Videos und nur knapp die Hälfte der Nationen vor Ort: Die 14. Paralympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo werden mit einer Show eröffnet, die die Athleten nicht verdient haben.
Um 20.36 Uhr legte sich eine betrübliche Stimmung über das Amphitheater von Verona. Trotz sehr lauter Musik waren die Pfiffe zu hören, die nun ertönten und einen klaren Adressaten hatten. Der suspendierte russische Sport kehrte nach einem Jahrzehnt auf die Weltbühne zurück. Mit seinen mächtigsten Insignien. Mit der Flagge. Mit der Hymne - sollten die Athletinnen und Athleten Gold gewinnen. Präsident Wladimir Putin hatte die seit langem feststehende Rückkehr der Parasportler schon wortreich ausgeschlachtet. Der russische Kriegstreiber feiert damit einen gesellschaftspolitischen Sieg, den er nie hätte feiern dürfen.
Dieser Abend, diese Eröffnungsfeier der Paralympics untergraben alles, wofür große Teile der nicht russlandphilen Sportwelt seit Jahren gekämpft haben. Dass eine Nation, die Staatsdoping betrieben hat und einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine mit maximaler Brutalität führt, die sich für eigentlich unverhandelbare internationale Regeln wie Fairness und Frieden nicht einen My interessiert, aus eben jener Gemeinschaft verbannt wird. Das Internationale Paralympische Komitee zieht sich mit zuckenden Schultern hinter den demokratischen Konsens der Entscheidung zurück. Aus der Ukraine wurden hernach schwere Vorwürfe der Korruption erhoben. Sportminister Matwij Bidnyj sagte damals: "Wir werden vielleicht noch erfahren, wie viele Rubel diejenigen gekostet haben, die dafür gestimmt (...) und die olympischen Werte verraten haben."
Die Generalversammlung des IPC hatte Ende September des vergangenen Jahres in Seoul entschieden, die seit dem Angriff auf die Ukraine geltende Teil-Suspendierung Russlands und des Verbündeten Belarus aufzuheben und die beiden Nationalkomitees wieder als Vollmitglieder in die Organisation aufzunehmen. Dass sich die Grundlage der Suspendierung nicht verändert, sondern vielmehr verhärtet hat, macht die Entscheidung nur noch unbegreiflicher.
Frei von Politik? Was für eine Utopie!
IPC-Präsident Andrew Parsons wünschte sich in seiner Rede in Verona, dass die Spiele frei von Politik sein mögen. "Vor vier Jahren habe ich gesagt, ich sei entsetzt über das, was in der Welt geschieht", sagte er: "In einer Welt, in der manche Länder eher unter den Namen ihrer Staatschefs bekannt sind, ziehe ich es vor, Länder unter den Namen ihrer Sportler zu kennen." Wie soll das gelingen? Am Tag der Eröffnung bekannte Parsons gegenüber der BBC noch, dass im Ukraine-Krieg versehrte Soldaten für Russland bei Paralympics starten dürfen. Mit der Entscheidung der IPC-Generalversammlung, Russland und Kriegshelfer Belarus unter eigener Flagge wieder aufzunehmen, sei beschlossen worden, "sie wie jedes andere Nationale Paralympische Komitee zu behandeln."
Das hatten sie in den Jahren zuvor nicht gemacht, nicht machen können. Was durchaus eine weitere brisante Note reinbringt in die Rückkehr: Die Russen lagen jahrelang außerhalb der internationalen Doping-Kontrollen. Bei der Vorgeschichte des Landes werden bei außergewöhnlichen Leistungen der Athleten sofort Fragen aufkommen.
Parsons spricht einen unerträglichen Satz aus
Und dann sagte Parsons gegenüber der BBC noch einen Satz, der die Ukrainer ganz tief ins Herz sticht: Es spiele, so sagte Parsons über die Russen, "keine Rolle, was sie in der Vergangenheit auf dem Schlachtfeld getan haben. Kriegsverbrechen sind natürlich etwas anderes, aber was wir mit dieser Bewegung bieten, ist eine zweite Chance." Diese Aussagen muss man zweimal lesen, um die Absurdität und Unerträglichkeit der Worte zu verstehen.
Dass es seit nahezu immer eine äußerst enge Verflechtung von Spitzensport und Armee gibt, ist nicht nur in Russland gepflegte Praxis. Und wer weiß schon, welche Rolle im Krieg, welche Einstellungen zum Krieg, die Paralympics-Teilnehmer wirklich haben?
Parsons folgt mit seinen Aussagen einer Utopie. Eine Parasport-Welt ohne Politik? Das ist eh schon ein Paradoxon. Die Paralympics sind die größte Bühne für den Kampf von Menschen mit einer körperlichen Einschränkung um gesellschaftliche Gleichberechtigung. In manchen Ländern geht's sogar um Anerkennung. Und nun trägt sich eben der Krieg in diese Spiele. Und spaltet die Parasport-Welt. Die russische Fahne wurde an Position 44 von einem Volunteer zurück auf die große Sportbühne getragen.
Am Ende gibt's die große Demütigung
Ein halbes Dutzend Nationen boykottierten die Eröffnungsfeier. Auch das deutsche Team nahm nicht an der Feier in Verona teil, aus Solidarität mit der Ukraine und um sich auf die Wettbewerbe zu konzentrieren. Es wären ohnehin nur zwei Sportler zugelassen worden - aus Platzgründen. Absurd. Anders als bei Nationen wie Finnland, Tschechien und Estland wurde bei Team D aber das vorbereitete Party-Video mit den Fahnenträgern eingeblendet. Es wirkte reichlich skurril. Da wurde, wie bei vielen anderen Ländern eine Freude inszeniert, die es an diesem Abend so nicht gab. Es war aus deutscher Sicht kein Boykott, sondern ein Protest.
Es war eine seltsame Veranstaltung in Verona, die den Parasportlern nicht würdig war. Nur 28 der insgesamt 55 teilnehmenden Nationen waren gekommen. Der größte Moment einer jeden Eröffnungsfeier, die emotionale Athletenparade - die man früher mal den Einmarsch der Nationen nannte, was im Fall der Russen nun eine zynische Beschreibung wäre - verkam somit erst zur Farce und später noch zur Demütigung. Lediglich sechs Nationen lagen zwischen Russlands Delegation und der Präsentation der ukrainischen Flagge. Die Ukraine hatte vorher den Wunsch geäußert, dass man sie komplett aus der Feier raushalten würde. Keine Erwähnung, keine Flagge. Das IPC sagte das ab. So waren Sport und Politik, Krieg und die Utopie von Frieden nur Minuten voneinander entfernt.