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"Habens nicht alleine geschafft" Portugal beweint traurig-schönes Sportwunder

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Trauer im Triumph: Victor Iturriza hatte sich nach dem Abpfiff das Trikot seines verstorbenen Teamkollegen Alfredo Quintana um die Schultern gelegt.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Portugals Handballer müssen vor wenigen Tagen einen tragischen Schicksalsschlag verdauen, jetzt dürfen sie einen historischen Sieg bejubeln. Der kommt auf wundersame Weise zustande. Die Feiernden sind sich sicher: Es waren übernatürliche Kräfte am Werk.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Sports dürfen Portugals Handballspieler an Olympischen Spielen teilnehmen. Das Ticket nach Tokio sicherte sich die Mannschaft am Sonntag in einer dramatischen Schlussphase gegen Frankreich: Das entscheidende Tor gelang wenige Sekunden vor Schluss, Augenblicke nach der Schlusssirene schlug der Ball noch im Netz der Portugiesen ein. Einen Sekundenbruchteil zu spät. Der Verlauf der letzten Sekunden ist ein kleines Wunder. Es gibt gute Gründe daran zu glauben, dass nicht alleine die sportliche Klasse des Außenseiters das Pendel zu dessen Gunsten ausschlagen ließ. Bei den Portugiesen ist man sich da sogar ganz sicher. Auch deshalb flossen viele Tränen.

"Wir haben das nicht alleine geschafft. Ich möchte Alfredo Quintana für alles danken, was er für uns und diesen Erfolg getan hat. Meine Spieler sind einfach echte Kämpfer, Helden", sprudelte es nach dem 29:28 gegen die mit diesem Ergebnis ebenfalls qualifizierten Franzosen aus Nationaltrainer Paulo Pereira heraus. Alfredo Quintana, der 64 Länderspiele für Portugal bestritt und zuletzt noch im Januar bei der WM in Ägypten das portugiesische Tor gehütet hatte, konnte seiner Mannschaft beim schwierigen Qualifikations-Turnier nicht mehr helfen, jedenfalls nicht auf dem Feld: Am 22. Februar erlitt der gebürtige Kubaner beim Training seines FC Porto einen Herzinfarkt, vier Tage später verstarb er mit nur 32 Jahren.

"Nicht verwerfen ..."

Da war ihr Torwart dennoch, sind sie überzeugt. "Wir haben seine Anwesenheit alle gespürt", berichtete Rückraumspieler Fabio Magalhaes, der gegen Frankreich sein 150. Spiel für die Nationalmannschaft bestritt. Vielleicht war Quintana auch genau in dieser verrückten letzten Minute am präsentesten. Portugal, das war vor dem Spiel klar, musste gewinnen, um Vize-Weltmeister Kroatien noch um die Olympia-Fahrkarte zu bringen. Schon bei der WM hatte es das Duell gegeben, mit den selben Vorzeichen. Portugal ging chancenlos unter, 23:32 hieß es am Ende. Nach einem katastrophalen Start hatten die Portugiesen auch diesmal schnell schon mit bis zu fünf Toren zurückgelegen.

Doch es wurde enger, die Führung wechselte nochmal hin und her, als Frankreich aber kurz vor Schluss mit 28:25 führte, schien das Spiel endgültig entschieden. In die letzte Minute gingen die Franzosen immerhin noch mit einer 28:27-Führung und eigenem Ballbesitz, doch Melvyn Richardson scheiterte aus dem Rückraum. 40 Sekunden vor Schluss schaffte Victor Iturriza den Ausgleich - und einen Ballverlust von Richardson später machte sich Rui Silva zehn Sekunden vor Schluss über beinahe das ganze Feld auf den Weg nach Tokio. "Ich dachte mir am Schluss nur noch, wir dürfen den letzten Gegenstoß nicht verwerfen", erzählte Rückraumspieler Magalhaes. Doch Silva traf, mit einem 4:0-Lauf hatte Portugal das Spiel zum letzten, zum entscheidenden Mal gedreht. "Als Rui getroffen hatte, das war einfach großartig." Die Franzosen warfen noch einmal aufs Tor, der Ball war drin, doch die Schlusssirene war bereits ertönt.

"Ein Dankeschön ist nicht genug"

In den Momenten nach dem historischen Sieg flossen Tränen der Trauer und der Freude. Portugals Handballer fahren zu Olympia, ohne ihren langjährigen Rückhalt Alfredo Quintana im Tor, aber mindestens in den Gedanken. Über einem Stuhl an der portugiesischen Bank lag ein Trikot des Verstorbenen, dessen Rückennummer 1 künftig im Nationalteam nicht mehr vergeben werden soll. Dazu trugen alle Spieler eine Armbinde mit Quintanas Initialen, um an den ehemaligen Teamkollegen zu erinnern, der mit starken Leistungen in den vergangenen Jahren maßgeblich zum Aufschwung des portugiesischen Handballs beigetragen hatte.

Miguel Laranjeiro, Präsident des Handballverbands, versicherte: "Wir sind im Namen von Alfredo Quintana hier her gekommen und wir fahren auch für ihn nach Tokio. Wir tragen ihn alle im Herzen. Ich bin so stolz auf dieses Team, auf unsere "Heróis do Mar" (Helden des Meeres, Anm.d.Red). Sie haben diese schwierige Situation mit viel Energie und Ehrgeiz gemeistert."

"Vielleicht haben sie ja einen Schutzengel, denn Portugal gelang eines der größten Comebacks in der Geschichte des Handballs", heißt es im Spielbericht auf der Seite des Internationalen Handball-Verbandes. Der portugiesische Verband hatte am 26. Februar getwittert: "Mach's gut, Alfredo. Ein Dankeschön ist nicht genug." Ja, vielleicht ist ein Dankeschön seit gestern wirklich nicht genug.

Quelle: ntv.de, ter

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