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"Soll seinen Traum doch leben" Russlands Gorpishin - Kreisläufer mit Spezialmission

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"Meine Kommilitonen sitzen in der Vorlesung und schauen meine Spiele im Liveticker": Sergej Gorpishin.

(Foto: imago/Philipp Szyza)

Ein in Erlangen geborener Russe erlebt derzeit die schönste Zeit seines Handballerlebens: Der 21 Jahre alte Sergej Gorpishin darf für das Land seiner Eltern bei der WM antreten und träumt davon, das Leben als Student gegen das eines Profisportlers zu tauschen.

Der junge Mann hat wirklich jede Menge Energie: Wann immer Sergej Gorpishin in der Arena am Berliner Ostbahnhof nach einem Angriff der russischen Handballer zur Auswechselbank sprintet, um einen Kollegen in die Abwehrformation zu schicken, wackelt das Gestänge, das den Schiedsrichterbeauftragten des Weltverbandes IHF und sein Videoequipment schützen soll, höchst bedenklich. Die Wucht, mit der sich der kantige Kreisläufer abstützt, ist so groß, dass man um die Unversehrtheit des Offiziellen und seiner Ausrüstung fürchten muss.

Ganz klar, der 21-Jährige ist motiviert und sprüht vor Tatendrang. Wo auch immer er Fragen beantworten muss, und das sind in den Tagen der WM in Deutschland jede Menge, wird ein Strahlen sichtbar, das Menschen erfüllt, die etwas Besonderes erleben. Gorpishins Meinung ist nicht nur gefragt, weil sein Vater Wjatscheslaw als zweifacher Olympiasieger und Weltmeister mit Russland in der Szene einen klingenden Namen hat. Sondern auch, weil er als in Erlangen geborener Nationalspieler Russlands eine enge Beziehung zu beiden Handballnationen hat. Der Gang durch die Mixed Zone dauerte deshalb fast ebenso lange wie das einseitige Spiel gegen Korea, bei dem Gorpishin vier Tore zum deutlichen Sieg beisteuerte. Die heimischen Sender wollten alles wissen über den Gegner Deutschland, gegen den die Russen heute (ab 18.00 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), zum dritten Spiel der Gruppe A antreten.

Die deutschen Medienvertreter interessierten sich brennend für den Ist-Zustand einer Nationalmannschaft, deren Glanzzeiten fast 20 Jahre zurückliegen. Gorpishin antwortete auf Deutsch und Russisch, zwischendurch verabschiedete er sich kurz ("Sorry, ich muss mal pullern, aber ich lass meine Trainingsjacke schon mal bei Euch"), die Dopingprobe stand ja auch noch auf der Agenda. Ganz schön viel für einen einzigen Akteur, doch der Russe mit deutschen Wurzeln genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen.

"Man soll seinen Traum doch leben"

Kein Wunder, denn sein Handball-Leben muss Gorpishin im Moment vorkommen wie ein Aufenthalt auf dem Abenteuerspielplatz. Eigentlich studiert der 21-Jährige, der mit einer Abiturnote von 1,5 glänzen konnte, in Erlangen Maschinenbau und spielt im Nebenerwerb Handball. Doch dieser Alltag ist auf den Kopf gestellt, seit ihn die Nachricht ereilte, dass er von Nationaltrainer Eduard Koksharov erst für den vorläufigen und dann auch für den endgültigen WM-Kader nominiert wurde.

Seitdem ist es in der Uni "mit den Präsenzzeiten so eine Sache", sagt Gorpishin, und sein Grinsen verrät, dass sich das schlechte Gewissen in Grenzen hält. Im Gegenteil, "meine Kommilitonen sitzen in der Vorlesung und schauen meine Spiele im Liveticker". Dass er "viel lieber in der Halle steht, versteht sich doch von selbst". Die derzeitige Situation kann sich durchaus zum Dauerzustand entwickeln. "Als Handballprofi mein Geld zu verdienen, ist mein Traum", sagt Gorpishin: "Und man soll seinen Traum doch leben."

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Einer, der zupackt. Hier beim Sieg gegen Korea.

(Foto: imago/Philipp Szyza)

Vor allem wenn es heute gegen Deutschland geht. Für einen wie Gorpishin ist das ein "ganz besonderes Spiel". Schließlich schlagen zwei Herzen in seiner Brust: "Ich habe die russische Staatsbürgerschaft, fühle mich aber zur Hälfte als Deutscher." Dass sein Team in Berlin als klarer Außenseiter in die Partie geht, mindert die Vorfreude kaum. "Ich hoffe, dass wir sie ärgern können", sagt Gorpishin, der sich ziemlich genau vorstellen kann, welche Atmosphäre ihn und seine Mitspieler erwartet: "Die Deutschen haben 13.000 Leute im Rücken, wir 500. Wir dürfen uns davon nicht beeindrucken lassen."

Leichter gesagt als getan. Immer wieder betonen die deutsche Gastgeber, wie sehr sie von der Kulisse in der Hauptstadt getragen werden. Unter solchen Voraussetzungen wäre ein russischer Erfolg eine große Überraschung. Die Mannschaft hat für sich das Ziel formuliert, die Vorrunde als Gruppendritter hinter den vermeintlich dominierenden Nationen Frankreich und Deutschland zu beenden, was den Einzug in die Zwischenrunde bedeuten würde.

An den spielfreien Tagen ist Gorpishin in der russischen Mannschaft mit einer Spezialmission betraut: Als Einziger in der Delegation, der fließend deutsch spricht, muss er für seine Mitspieler und die Betreuer ständig Bestellungen aufgeben: Schuhe, Thermowäsche, sonstige Textilien, Spielzeug und Elektrogeräte - regelmäßig werden ins Teamhotel Pakete geliefert, die Gorpishin geordert hat. "Ich glaube", sagt der Kreisläufer mit einem Grinsen, "die Rezeptionisten sind schon richtig genervt von mir".

Quelle: n-tv.de

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