Sakamoto krönt Mega-KarriereSchillernder US-Star Amber Glenn zerbricht panisch in WM-Kür

Kaori Sakamoto aus Japan krönt ihre Eiskunstlauf-Karriere mit einem vierten WM-Titel und einer persönlichen Bestleistung. Als Katastrophe endet der Abend derweil für die Amerikanerin Amber Glenn, die erneut eine große Einzelmedaille verpasst.
Der Weg zu Gold war ein weiter, aber kein unmöglicher. Die schillernde Amerikanerin Amber Glenn musste in der WM-Kür knapp sieben Punkte auf die Grande Dame des Eiskunstlaufens, auf Kaori Sakamoto, aufholen. Und Glenn ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass sie willig war, All-in zu gehen. Die 26-Jährige baute sich direkt zu Beginn ihrer Kür eine Höchstschwierigkeit ein, den Dreifach-Axel. Als eine von nur ganz wenigen Athletinnen beherrscht sie diesen Sprung, der selbst vielen Männern Probleme bereitet. Glenn drehte sich zauberhaft um die eigene Achse und setzte den Axel butterweich zurück aufs Eis. Das Publikum tobte.
Glenn flog anderthalb Minuten hinreißend durch ihr Programm. Die erste Einzelmedaille bei einem Großereignis war greifbar. Bei den Olympischen Spielen in Mailand vor wenigen Wochen hatte sie Gold mit dem US-Team gewonnen, patzte dann aber bereits im Kurzprogramm schwer und versagte sich damit alle Einzelchancen. Sie brach in Tränen aus. Nach anderthalb Minuten unterlief ihr nun in Prag, in der Kür, der erste kleine Wackler. Bei der Landung des Dreifach-Salchows musste sie nacharbeiten. Bis zu diesem Moment war sie hinreißend durch das Programm getanzt. Doch dieser Moment machte offenbar etwas mit ihr.
Der "Angstsprung" raubt alle Hoffnungen
Sie verlor das Zutrauen in ihre Klasse. Ausgerechnet vor ihrem "Angstsprung", dem Dreifach-Rittberger. In Mailand hatte sie ihn bereits nur zweifach gesprungen. Er fiel aus der Wertung und Glenn weit zurück. Dieses Mal riss sie den Sprung direkt bei der ersten Drehung auf. Der Angriff auf Gold war gescheitert, der Traum von der Medaille gefährdet. Und Glenn bekam ihre Nerven nicht mehr in den Griff. Beim Zweifach-Axel in der Kombination patzte sie erneut und taumelte tapfer dem Ende der Kür entgegen. Nach der letzten Pose fiel sie aufs Eis, fassungslos, den Tränen nah. Sie konnte es nicht glauben, wieder so nah dran und doch gescheitert.
Der Weg zu ihrem Trainer war schwer, jeder Schritt eine große Last. Der Applaus der Fans half ihr nicht. Im Gesicht war nur noch Leere, Schock. Von Platz drei nach dem Kurzprogramm fiel sie noch auf den sechsten Gesamtrang zurück. Es flossen Tränen, wie bei Olympia. Es zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Karriere. Sie kann den Druck in ihrem Programm nicht hochhalten. "Ich habe einfach die Konzentration verloren", sagte Glenn gegenüber NBC Sports. "Ich habe die schwierigen Dinge gemacht und die einfachen vernachlässigt. Ich war einfach nur geschockt."
Glenns bewegende Vergangenheit
Glenn ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten dieser Winterspiele - auch wegen ihrer bewegenden Vergangenheit. Aufgrund von Depressionen und Angstzuständen musste sie im Teenager-Alter in ein Krankenhaus gebracht werden. Ein Grund dafür war ihren Angaben nach auch die toxische Vergleichskultur im Eiskunstlauf. Zudem litt sie an einer Essstörung. "Ich dachte, ich komme nirgendwo hin, und rutschte in eine schwere Depression, in der ich nicht mehr weiterleben wollte - ich wollte gar nichts mehr", sagte Glenn in einem großen Porträt im "Time"-Magazin über die schwere Zeit. 2019 machte sie öffentlich, dass sie bisexuell sowie pansexuell ist. Das bedeutet, dass die Geschlechtsidentität der begehrten Person keine Rolle spielt.
Die Königin des Abends wurde derweil die japanische Gigantin Kaori Sakamoto. Im letzten Wettkampf ihrer Karriere verzauberte sie Prag mit einer phänomenalen Kür. Die Japanerin, mit 25 Jahren die Grande Dame ihrer Sportart, bejubelte ohne jeden Wackler ihren vierten WM-Titel und kämpfte ebenfalls mit den Tränen. Es waren Tränen des Glücks. Von 2022 bis 2024 gewann sie dreimal in Folge Gold. Sakamoto stellte mit ihrer großartigen Show zudem noch eine persönliche Bestleistung von 238,28 Punkten auf und verbesserte ihre alte Bestmarke um mehr als zwei Zähler. Sie gewann vor ihrer Landsfrau Mone Chiba (228,47 Punkte) und der Überraschungsdritten Nina Pinzarrone (215,20 Punkte) aus Belgien, die auch von den Fehlern von Glenn profitierte.
Sakamoto fehlte zur Vollendung ihrer Karriere lediglich der Olympiasieg. Vor vier Jahren in Peking wurde sie Dritte, vor fünf Wochen bei den Winterspielen in Italien belegte sie hinter Alysa Liu aus den USA Rang zwei. Trotz ihrer Erfolge bleibt Sakamoto bescheiden. "Ich bin sehr dankbar, wenn man mich als die Größte aller Zeiten bezeichnet“, sagte sie ebenfalls gegenüber NBC. "Aber es ist mir auch ein bisschen peinlich." Die Lobeshymnen sangen dann ihre Konkurrentinnen. Teamkollegin Chiba sagte: "Wenn Sie wollen, dass ich über ihre Erfolge spreche, könnten Sie mich nicht davon abhalten, ewig weiterzureden."