Schweizer Boykott nach SturzSicherheitsdebatte treibt einen Keil in den Bobsport

Nach einem schweren Sturz mit dem Viererbob in Altenberg kämpft ein Schweizer um sein Leben. Die Aufarbeitung kritisiert er. Dennoch hat sich einiges in Fragen der Sicherheit im Bobsport getan. Doch die Schweiz boykottiert die Olympia-Generalprobe. Zurecht?
Knapp zwei Jahre nach dem lebensgefährlichen Unfall des Schweizers Sandro Michel in Altenberg präsentiert der Bobsport im Kampf um mehr Sicherheit Ideen. Doch mehr als Lösungsansätze und Prototypen sind es bislang noch nicht. Der neueste Clou ist ein Gurtsystem. Dieses hätte womöglich das Herausschleudern des auf Position vier sitzenden Bobanschiebers im Schlitten verhindern können. Und somit auch den fürchterlichen Zusammenprall des bewusstlos in der Bahn liegenden Schweizers mit dem zurück rutschenden 210 Kilogramm schweren Schlitten und den gut 300 Kilogramm schweren Crewmitgliedern.
Pilot Michael Vogt, der im Februar 2024 auf der anspruchsvollen Bahn im Erzgebirge stürzte, boykottiert das letzte Weltcup-Rennen vor den Olympischen Winterspielen in Cortina d'Ampezzo. "Ich fahre nicht auf einer Bahn, wo einer unserer Anschieber fast gestorben wäre und sich seither nichts geändert hat", sagte Vogt dem Schweizer "Blick". Für den Piloten sei die Aufarbeitung auch zwei Jahre später ungenügend, da immer noch gestürzte Schlitten vom ansteigenden Zielauslauf in die Zielkurve zurückrutschen könnten.
Altenbergs Bahnchef beschwichtigt
Laut Altenbergs Bahnchef Jens Morgenstern entspreche das aber nicht der Realität. So seien nach drei großen Sicherheitskonferenzen mit Experten aus vielen Bereichen "konkrete Maßnahmen umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht worden", sagte er.
Zum Weltcup werde "zusätzliches und speziell geschultes Personal im Auslauf zur Verfügung stehen, dass das Zurückrutschen eines gestürzten Bobs verhindern soll. Eine hundertprozentige Garantie kann es aber nicht geben - weder in Altenberg noch anderswo", betonte Morgenstern. Zugleich verwies er auf ein Rückhaltesystem, das im Institut Ifosa mit Jochen Buck und dem Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) entwickelt wird.
Ebenfalls in Altenberg wurde zuletzt ein neues Gurtsystem getestet. Ab der kommenden Saison, wenn die Freigabe durch den Weltverband IBSF erfolgt ist, könnte es zur Anwendung kommen. Das Allianz Zentrum für Technik (AZT), das für die Insassen-Sicherung in der Auto-Branche zuständig ist, hat es nach einer Analyse der einzelnen Positionen im Bob entwickelt.
Wie schwere Verletzungen verhindert werden sollen
"Die aktuellen Bobs sind von der Sicherheit her gesehen vergleichbar mit offenen Autos aus den 60er Jahren", sagte Carsten Reinkemeyer, Leiter Sicherheitsforschung im AZT. Daher muss ein ganzheitliches Sicherheitskonzept her: mit Schutz des Kopfes, die Verhinderung des Herausschleuderns nach einem Sturz, der Möglichkeit, den Bob abzubremsen, sowie die Verbesserung der Schutzkleidung mit Helm.
Die Lösungen müssen so gestaltet sein, dass sie auf alle vorhandenen Bobs adaptiert werden können. "Hierbei hat sich für den Bremser ein Gurtsystem als beste Lösung gezeigt, bei dem der Athlet in eine bereits geöffnete Gurtschlaufe springt und diese sich danach automatisch um sein Becken legt. Im Falle eines Sturzes kann der Sportler so im Schlitten gehalten werden", meinte AZT-Ingenieur Markus Beischl.
Die Formel 1 als Vorbild
Schwere Verletzungen im Brustkorb und Beckenbereich wie beim Schweizer Michel, der in Dresden mehrfach notoperiert werden musste, hätten somit verhindert werden können. Nur das schnelle Eingreifen des Bahnarztes sowie die herbeieilenden Notärzte per Hubschrauber retteten Michel nicht nur das Bein, sondern vor allem das Leben. Der Anschieber ist nach fast zweijähriger Reha wieder im Training, will gerne wieder zurück in den Bob.
Damit beim Sturz auch Kopfverletzungen verhindert werden können, wurde auch ein Überroll-System entwickelt, quasi wie bei der Formel 1. Eine Konstruktionslösung für die Sicherheitszelle wird derzeit zusammen mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin entwickelt. "Das HIP - System Head Impact Protection - ist keine finale Version. Es geht darum, den Kopfbereich um die Sicherheitszelle, vom Pilotenkopf bis zu den Anschubbügeln, sicherer zu machen", sagte Ronny Hartnick, stellvertretender FES-Direktor, bei der Vorstellung im November 2025.