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Das Lachen ist zurück"Verarschter" Juri Knorr erhebt sich aus Frankreichs zertrümmertem Traum

28.01.2026, 22:29 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Juri Knorr, Man of the Match. (Foto: picture alliance / Maximilian Koch)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft liefert im wichtigsten EM-Moment ein großes Spiel. Juri Knorr brilliert als ihr Anführer. Es ist ein beeindruckendes, ein emotionales Comeback.

Juri Knorr lachte: Als die deutsche Handball-Nationalmannschaft während ihrer EM-Gala gegen Frankreich auf dem Weg in die Halbzeitpause war, freute sich der Spielmacher diebisch. Wenige Sekunden zuvor war sein Kreisläufer Johannes Golla, selbst unter den Handball-Giganten ein wahrer Koloss, noch in der eigenen Hälfte mit dem Ball in Richtung französisches Tor losgezogen, zehn Meter vor dem Tor hochgestiegen und hatte dann das Leder eingeschweißt. Zum 19:15, Deutschland hatte den Europameister in der ersten Hälfte auf dem Weg durch die "Todesgruppe" ins EM-Halbfinale überrannt. Die große Geschichte dieses großen Spiels schrieb aber Knorr selbst. Der Spielmacher holte sich beim 38:34 im ultimativen Druckspiel gegen die gefürchteten Franzosen das Lachen zurück.

Beinahe ungläubig sprach der 25-Jährige hinterher mit leiser Stimme über den Rausch, den er zuvor um sich herum ausgelöst hatte: Nach wenigen Minuten kam der bislang so unglückliche Spielmacher aufs Feld und riss das Spiel sofort an sich. Und er warf Tor um Tor, die Bälle schlugen ein, sie rutschten den in der ersten Hälfte desolaten französischen Torhütern irgendwie durch, jedenfalls waren sie drin. Zehn Treffer hatte Knorr am Ende erzielt, bei nur einem Fehlwurf. Vorher waren es im Turnierverlauf insgesamt nur 17 Tore - bei unglaublichen 38 Versuchen.

Dazu lenkte er das deutsche Angriffsspiel umsichtig, die Treffer gaben ihm die Sicherheit und schützten ihn davor, vor lauter Verzweiflung zu überdrehen - und wie zuvor im Turnier in einen Abwärtsstrudel aus Fehlwürfen und technischen Fehlern zu geraten.

"Wenn er sich jetzt nicht selbst zerfleischt"

"Die Leistung war phänomenal. Er hat sich sehr unter Druck gesetzt. Heute hat er das beste Spiel gemacht, das ich je von ihm gegen so eine Nation gesehen habe", sagte Bundestrainer Alfred Gislason, der sich normalerweise schwer tut, einzelne Spieler aus seinem Kollektiv hervorzuheben. "Wenn er sich jetzt nicht selbst zerfleischt, würde ich sagen, er hat ein großartiges Spiel gemacht."

Knorr konnte sich diesmal wirklich nicht zerfleischen, so wie er es in der Vergangenheit schon oft getan hatte, als er über Wohl und Wehe des deutschen Handballs "dank" seiner Ausnahmebegabung noch beinahe allein entscheiden musste. Oder sich das zumindest eingeredet hatte. Aber in Euphorie wollte der Rechtshänder, der zur laufenden Saison aus der Komfortzone Bundesliga zum dänischen Spitzenklub Aalborg gewechselt war, nun in seiner großen Stunde auch nicht verfallen.

Er sei sich teilweise "verarscht vorgekommen", sagte der deutsche Matchwinner, der zuvor beinahe ein ganzes Turnier lang immer und immer wieder über sich geschimpft hatte. "Drei Spiele funktioniert nichts und auf einmal geht jeder Gurkenwurf rein." Die letzten Tage seien nicht einfach gewesen: "Ich habe schon viel gegrübelt." Die Franzosen konnten Knorr nie richtig bremsen, auch weil Bundestrainer Alfred Gislason seinem sensiblen Musterprofi immer wieder wohldosiert Pausen verschaffte. Ein Luxus, den der Isländer sich viele Jahre mangels Alternativen nicht erlauben konnte.

"Große Hoffnungen"

Allzu oft mussten Knorr und das DHB-Team dafür teuer mit körperlichen und nervlichen Zusammenbrüchen bezahlen. Diesmal ließ er sich sogar in den Schlussminuten selbst auswechseln, um frische Energie ins Spiel zu bringen. Der Plan ging auf, wie beinahe alles an diesem Abend. "Ich habe natürlich große Hoffnung, dass er gut spielt. Er ist Teil von diesem Team. Er hat super Leistungen gebracht in den letzten Jahren", hatte Gislason vor dem Spiel gesagt. Und an besonderen Abenden werden Hoffnungen auch mal wahr. "Scheiß auf Gidsel, wir haben Juri Knorr", ordnete ein ekstatischer deutscher Mann Mitte der zweiten Hälfte die Leistung der deutschen Nummer 15 ein. Zur Erinnerung: Die dänische Tormaschine Mathias Gidsel ist der beste Handballspieler der Welt.

So haben sie die hochkarätig besetzten Franzosen niedergekämpft, schon wieder. Der dramatische deutsche Sieg im olympischen Viertelfinale von Lille 2024 ist ein nationales Handball-Trauma, dessen Heilung Juri Knorr und seine famosen Kollegen nun mit Macht von der Platte gefegt haben. Auf "Revanche" sannen sie, wie der ebenfalls groß aufspielende französische Superstar Dika Mem (sieben Treffer allein in der ersten Hälfte), verkündet hatte. Aber auch das Wettschießen mit dem Linkshänder gewann Knorr. Die Narben Frankreichs bleiben, frische sind dazu gekommen. Juri Knorr dagegen ist aus den Trümmern französischer Medaillenträume wiederauferstanden. Es ist der perfekte Zeitpunkt.

"Einfach weitermachen"

Für die deutsche Mannschaft ist die emotionale Wiederauferstehung ihres wohl begabtesten Spielers eine brillante Nachricht: Ein fitter, nicht zweifelnder, sondern überzeugter Juri Knorr ist eine mächtige Waffe im Arsenal auf dem Weg zur ersehnten Medaille.

Und vor allem bedeutet es für alle Erlösung, denn niemandem aus dem Team war verborgen geblieben, wie oft Knorr sich in den letzten Jahren bis zum Rande des Kollaps für Deutschland aufgerieben hatte. Wie sehr der Zweifel an ihm nicht nur nagte, sondern schon fraß. Auch unter den deutschen Journalisten in Herning herrschte große Erleichterung, denn Knorr litt vor aller Augen schwer daran, dass er der Mannschaft bislang nicht so helfen konnte, wie vor allem er selbst es von sich erwartet hatte.

Er ist einer, der sich stets stellt, der die eigene Leistung stets so kritisch einordnet, dass selbst der zynischste Kritiker nicht dagegen ankommt. Juri Knorr ist ein Superstar seiner Sportart, den wirklich niemand dekonstruieren kann. Das übernimmt er - superstar-untypisch - immer selbst. Es macht Spaß, Juri Knorr lachen zu sehen.

"Man muss einfach weitermachen. Ich habe gehofft, dass es noch in diesem Turnier klappt, jetzt bin ich glücklich", sagte Knorr nach seiner Gala nun. Am Freitag kämpft Deutschland nun gegen Kroatien um den Einzug ins EM-Finale. Bei einem Sieg wäre die erste EM-Medaille seit dem sensationellen Gold-Coup von 2016 sicher. Immer weiter. Immer weiter. Damit Juri Knorrs Lachen noch öfter zu sehen ist. Es ist sehr schön.

Quelle: ntv.de