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Gretel Bergmann wird 100 Von Nazis um Olympiagold gebracht

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Erst nach 62 Jahren kehrte Bergmann erstmals wieder nach Deutschland zurück.

(Foto: dpa)

Obwohl Gretel Bergmann die beste deutsche Hochspringerin war, durfte sie 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin nicht starten. Die Nazis ließen die Jüdin nicht antreten - und schickten stattdessen einen Mann an den Start. Heute wird Bergmann 100 Jahre alt.

Vergessen und vergeben kann Gretel Bergmann bis heute nicht. Dafür hat die Jüdin, die von den Nazis perfide von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ausgeschlossen wurde, zu lange gehasst. Die in Laupheim geborene frühere Hochspringerin hat aber inzwischen ihren Frieden mit Deutschland geschlossen, das sie erst 62 Jahre nach der Emigration in die USA wieder besuchte. "Ich bin überrascht, noch zu leben, obwohl ich so viel Schreckliches erlebt habe und bei den Nazis täglich damit rechnen musste, getötet zu werden", sagt Gretel Bergmann, die heute in New York ihren 100. Geburtstag feiert.

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(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Margarete Bergmann war 1936 eine der besten Hochspringerinnen der Welt. Vor den Berlin-Spielen stellte sie den deutschen Rekord von 1,60 Meter ein. Nur weil Amerikaner mit dem Olympia-Boykott drohten, wenn keine Juden dem deutschen Team angehören, wurde die Leichtathletin in die olympische Kernmannschaft beordert. Kaum war das US-Team nach Berlin aufgebrochen, wurde sie von den Nazis ausgeschlossen. "Gold, nichts anderes wäre es gewesen", sagt sie überzeugt. Denn neben ihrem sportlichen Ehrgeiz gab es noch eine andere Motivation: "Ich wollte den Deutschen und der Welt beweisen, dass Juden nicht diese schrecklichen Menschen sind."

Olympiasiegerin wurde die Ungarin Ibolya Csak - mit einer Höhe von 1,60 Meter. Anstelle der Jüdin Bergmann nominierten die Nationalsozialisten Doro Ratjen für den olympischen Hochsprung-Wettbewerb. Die Rivalin wurde Vierte und entpuppte sich später als Hermann Ratjen. "Es war meine Zimmernachbarin. Ich habe nie gedacht, sie ist keine Frau. Niemand wusste es", erzählt Gretel Bergmann, die erst 1966 von dieser fatalen Täuschung erfuhr.

USA waren Rettung

Ein Jahr nach den Berlin-Spielen emigrierte sie mit nicht mehr als zehn Reichsmark in der Tasche in die USA, schlug sich mühsam durch und wurde 1937 und 1938 US-Meisterin im Hochsprung. Bis heute lebt sie im New Yorker Stadtteil Queens. "Ich schaue immer noch viel Sport im Fernsehen. Es ist schade, dass ich keine Leichtathletik mehr betreiben kann", bedauert die immer noch vitale Bergmann, die seit ihrer Flucht aus der Heimat kein Deutsch mehr spricht und schreibt. "Ich habe jahrelang Deutschland, die Menschen und sogar die Sprache dafür gehasst, was es mir und den jüdischen Menschen angetan hat", erklärt sie. "Ich hätte glücklich sein können, in all den Jahren. Es war furchtbar."

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(Foto: picture-alliance / dpa)

Ihr Mann Bruno Lambert, der mit ihrer Hilfe in die USA kam, sie 1937 heiratete und dessen Eltern im KZ ermordet wurden, starb vor wenigen Monaten. "Verglichen mit dem Schicksal der sechs Millionen unschuldiger Juden, die ermordet wurden, war das, was mir widerfuhr, von sehr geringer Tragweite", schrieb Bergmann 1996 in einem Leserbrief an die "Schwäbische Zeitung" über die doppelte Tragik ihres Lebens . "Die Art und Weise, wie ich von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, wird aber bis zu meinem letzten Atemzug schmerzen."

Nach Jahren wieder in der Heimat

Drei Jahre später reiste Gretel Bergmann erstmals wieder zurück nach Deutschland, um in Frankfurt am Main den Georg-von-Opel-Preis für "Unvergessene Meister" entgegenzunehmen und ihre Geburtsstadt Laupheim zu besuchen, die einer Sportanlage den Namen Gretel-Bergmann-Stadion gab. Auch eine Schule in Hamburg ist inzwischen nach ihr benannt. "Ich hätte nie gedacht, jemals nach Deutschland zurückzukehren, doch der Besuch hat meine Meinung geändert", sagte Gretel Bergmann. "Ich kam zu dem Schluss, dass die junge Generation nichts dafür kann. Ich habe lange genug gehasst."

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat den deutschen Rekord von ihr aus dem Jahr 1936 erst 2009 anerkannt. "Es hat keinen politischen Hintergrund, sondern es war einfach nicht bekannt, dass es den Rekord gab", erklärte DLV-Präsident Clemens Prokop. Er reist nach New York, um Gretel Bergmann zum Geburtstag zu beglückwünschen. "Ihr ist großes Unrecht zugefügt worden", sagte Prokop. Was die Nazis gemacht hätten, sei "absurdes Theater mit der Tendenz zur Tragödie" gewesen. Dem angekündigten Besuch aus Deutschland begegnet Gretel Bergmann mit Distanz: "Ich weiß nicht, was die von mir wollen."

Quelle: n-tv.de, Andreas Schirmer, dpa