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Bob Hanning im Interview "Von mir wird der Konflikt erwartet"

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"Die WM bekommt eine klare Note 1 von mir": Bob Hanning.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat harte Wochen hinter sich, ans Durchschnaufen denkt er aber nicht: Schon zwei Tage nach dem verlorenen Spiel um die Bronzemedaille der Handball-Weltmeisterschaft im dänischen Herning stand der 50-Jährige morgens wieder in der Halle, um das Training "seiner" A-Jugend der Füchse Berlin zu leiten. Eine Pause will Hanning auch seinen Kollegen im Präsidium des Deutschen Handballbundes nicht gönnen, die erfolgreiche Weltmeisterschaft sei "nur der erste Schritt, nicht mehr" gewesen. Im Interview mit n-tv.de erklärt der Funktionär, welche Lehren aus dem EM-Debakel von 2018 gezogen wurden und warum ausgerechnet Finn Lemke dafür sorgte, dass Christian Prokop die deutsche Nationalmannschaft als Trainer bei der Heim-WM ins Halbfinale führen durfte.

n-tv.de: Herr Hanning, hatten Sie schon eine Gelegenheit, die am Wochenende zu Ende gegangene Weltmeisterschaft für sich zu bewerten?

Bob Hanning: Es gab ein Bewertungsschema, da stand drauf "Wo wollen wir hin, was haben wir erreicht?". Das haben wir übererfüllt. Der Verband hatte es schon 2018 geschafft, sich eine Struktur zu geben, die Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung gewährleistet. Wir sind weg vom Ehrenamt hin zur Hauptamtlichkeit. Da mache ich einen Haken dran. Aber in einigen Landesverbänden haben wir im Thema Professionalisierung noch Luft nach oben. Die Hallen waren voll, auch da gibt es einen Haken. Wir haben mit dem Vermarkter Lagardère einen langfristigen Vertrag und waren mit der WM komplett ausvermarktet - Haken dran. Aber gleichzeitig müssen wir direkt nach neuen Möglichkeiten suchen.

Sie sind also rundum zufrieden mit der Weltmeisterschaft?

Die bekommt eine klare Note 1 von mir. Ich warne nur davor, dass wir anfangen, uns zu feiern. Sportlich haben wir 2017 den Fehler gemacht, die verpatzte WM nicht aufzuarbeiten. Das haben wir 2018 nach dem EM-Debakel nachgeholt. Wir sind jetzt wieder in der Situation, bei Turnieren weit kommen zu können. Das reicht aber noch nicht. Die Weltspitze liegt eng beisammen, zehn Teams können bei einer WM ins Halbfinale kommen. Wir müssen weiter arbeiten. Wir dürfen uns kurz auf die Schultern klopfen, ja. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein: Leute, das war der erste Schritt. Nicht mehr.

Ihre Präsidiumskollegen rollen nicht mit den Augen, wenn sie das hören?

Das glaube ich nicht. Genau das ist es ja, was von mir erwartet wird: der Konflikt, das Wehtun. Wir haben ein sehr gutes Präsidium. Unterschiedliche Auffassungen führen heute nicht mehr automatisch zu Feindschaften. Da hat sich sehr viel bewegt, auch weil ich mich bewegt habe. Da haben wir vielleicht einen ähnlichen Prozess hinter uns gebracht wie Mannschaft und Bundestrainer.

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"Ich kann sie nicht besser machen": Christian Prokop.

(Foto: REUTERS)

Was hat Bundestrainer Christian Prokop dieses Jahr besser gemacht als bei seinem ersten Turnier, der Europameisterschaft 2018? Die endete für die deutsche Nationalmannschaft mit einem enttäuschenden neunten Platz.

Wenn du die besten 16 Spieler Deutschlands um dich hast, musst du anders arbeiten als ein Trainer im Verein. Das ist ihm in seinem ersten Jahr nicht gelungen. Als Bundestrainer kannst du Spieler nicht besser machen. Wenn du das versuchst, hast du verloren. Wenn ich höre, welche Nationaltrainer welche Nationalspieler besser gemacht haben sollen, dann muss ich doch sehr schmunzeln. Die Basis sind die Trainer zu Hause. Prokops größter Transfer war, zu erkennen: Ich kann sie nicht besser machen, also muss ich sie bestmöglich einsetzen. Gleichzeitig hat die Mannschaft diesen Transfer erkannt.

Wie ist die Mannschaft nach den beiden Niederlagen zum Abschluss der Weltmeisterschaft auseinandergegangen?

Ein ganz großes Kompliment an alle! Prokop hat eine tolle Rede gehalten, reflektiert, analytisch, aber auch dankbar und emotional. Kapitän Uwe Gensheimer hat alle darauf eingeschworen, dass diese WM der erste Schritt auf einem gemeinsamen Weg war. Es ist deutlich geworden, dass hier eine sehr respektvolle, ehrliche Beziehung zwischen Trainer und Team entstanden ist, die von gegenseitiger Anerkennung für die Entwicklung im letzten Jahr geprägt ist. Wir sind im Bewusstsein auseinandergegangen, dass jeder alles gegeben hat und wir Deutschland begeistern konnten.

Wäre Ihre Bewertung dieser WM noch besser, wenn es doch für Bronze gereicht hätte?

Inhaltlich hätte sich nichts geändert, aber ich hätte mich noch nie so über eine Bronzemedaille für eine Mannschaft gefreut wie am Wochenende. Es wäre einfach so verdient gewesen.

In einer NDR-Dokumentation über die erfolgreiche Europameisterschaft 2016 sagen Sie, dass Ihnen schon Stunden vor dem Finale klar war, dass die Mannschaft den Titel holen würde. Gab es bei diesem Turnier auch einen solchen Moment?

Diese Selbstverständlichkeit gab es dieses Jahr nicht. Damals kamen wir aus einer ganz anderen Situation, wir waren der Underdog, der ganz locker aufspielen konnte. Dazu hatten wir 2016 einen Andreas Wolff im Tor, der in diesem Jahr großartig gehalten, damals aber einfach außerirdisch gespielt hat. Damals saß ich da und hatte das Gefühl, dass man doch bitte auch direkt die Medaillen verteilen kann, weil das Spiel gar nicht erst gespielt werden müsste. Das gab es diesmal nicht. Es konnte auch keine Lockerheit da sein, dafür war die Vorgeschichte zu prägend und der Druck zu groß.

War Ihre Pullover-Auswahl, die eigene Geschichten produzierte, ein bewusster Versuch, ein wenig Aufmerksamkeit von der Mannschaft zu nehmen?

Die Pullover-Geschichte war so in der Dimension nicht zu erwarten. Ich wollte zwei Tage vor der WM einfach etwas ablenken. Das habe ich vor Jahren schon einmal in Hamburg mit dem "falschen Napoleon" gemacht. Der Verein war damals so gut wie insolvent, stand auf dem letzten Tabellenplatz, und ich brauchte dringend Ruhe. Dass das jetzt so einen viralen Effekt erzielt, war mir aber nicht klar. Und dann haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, als die Leute anfingen, sich das Maul zu zerreißen. "Okay Jungs, könnt ihr haben!" Einmal habe ich allerdings Ärger bekommen: Als ich einen Pullover aus der Kollektion von Paul Drux getragen habe, hieß es, ich könne keine Werbung für ein Produkt eines Spielers machen. Dabei ist das mein Lieblingspullover, auch wenn ich Paul angedroht habe, mich bei den nächsten Designs ein bisschen einzubringen.

Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie vor dem Turnier?

Keine einzige. Wir haben dieser Mannschaft und dem Trainer vertraut. Ich habe Christian nach der Europameisterschaft 2018 am Flughafen in Zagreb gesagt: "Wenn jetzt nicht etwas Außergewöhnliches passiert, dann haben wir keine Chance, zusammen weiter zu arbeiten. Mindestens 70 Prozent werden deinen Kopf fordern. Wenn du nicht bereit bist, Dinge zu ändern, muss ich mich an die Spitze dieser Vereinigung setzen. Aber dann höre ich gemeinsam mit dir auf. Du kämpfst also um zwei Jobs." Das habe ich nur nicht öffentlich gemacht, weil ich Sorge hatte, dass unter den 30 Prozent, die Christian halten wollten, 50 Prozent sein könnten, die mich gerne loswerden möchten.

Gab es damals auch ein Signal aus der Mannschaft, dass Ihr Einsatz für Prokop sich lohnt?

Nach dem Turnier hatte ich ein Gespräch mit Finn Lemke, der ursprünglich ja nicht für die Europameisterschaft nominiert worden war, das für mich den Ausschlag gab, um Christian zu kämpfen. Finn sagte: "Ich bin sauer, ich bin enttäuscht und ich fühle mich nicht gut behandelt. Aber wenn wir uns auf den Trainer eingelassen hätten, hätten wir viel erfolgreicher sein können." Ich kriege Gänsehaut, wenn ich das erzähle. Finn stand ja nicht im Verdacht, ein Freund des Trainers zu sein. Solche Momente mit großartigen Sportlern sind Motivation pur. Die kannst du nicht kaufen. Emotionen kann man nicht kaufen. Deshalb war der Abschied von Martin Strobel für mich so besonders, der sich gegen Kroatien schwer verletzt hatte. Da hast du einen Sportler, der weiß: Der WM-Traum ist geplatzt. Der hatte noch 20 Prozent Energie und stellt sich vor seine Kollegen und hält eine Motivationsrede. Das ist mehr wert als zehn Trainingseinheiten.

Hatten sie nie Sorgen, dass der Plan mit Prokop scheitern könnte?

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Ach ja, die Pullover.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Für mich war klar, dass wir das Debakel aufarbeiten und die richtigen Schlüsse ziehen müssen. Hier hat im Übrigen der Sportvorstand Axel Kromer eine herausragende Rolle gespielt. Christian ist ein sehr intelligenter Mensch mit unglaublichem fachlichem Repertoire. Bei der Mannschaft ist es komplexer, ihr gebührt der größte Respekt. Das größte Problem war das Umfeld und die Interessen Einzelner um die Spieler herum. Diese Beeinflussung auszuhalten, das war die Kunst. Da gab es Interessen, die Unruhe gebracht haben. Martin Schwalb wollte Bundestrainer werden, das war sein großes Ziel. Dabei ist er massiv unterstützt worden auch von einflussreichen Menschen auf Seiten der Medien, deren Namen ich nicht nennen werde. Da steckte System hinter. Die Frage war: Halten wir das aus - oder nicht?

Warum haben Sie es ausgehalten?

In der Verbandsarbeit ist das Entscheidende: Was ist das Beste für 750.000 Mitglieder? Die sind wichtiger als Christian Prokop, Andreas Michelmann, Bob Hanning, Axel Kromer oder Uwe Gensheimer. Nur deshalb war ich bereit, das auszuhalten, was im letzten Jahr über uns hereingebrochen ist. Das war zum Teil unmenschlich, das kannten wir im Handball nicht.

Was heißt das konkret?

Man wollte mich mit Anschuldigungen vernichten. Anschuldigungen, die sich alle in Luft aufgelöst haben. Da hieß es in einem Bericht im Deutschlandfunk: "Hanning will Prokop loswerden! Hanning war in die Lemke-Ausbootung involviert! Hanning hat der 'Bild'-Zeitung den angeblichen Trainingsabbruch vor dem Spanien-Spiel gesteckt! Hanning dominiert die Mannschaftssitzungen!" Es war klar, worauf das abzielte: Hanning und Prokop loszuwerden. Ich bin mit meinen Anwälten dagegen vorgegangen. Die Sache ist vor Gericht gelandet und wurde klar zu meinen Gunsten entschieden. Der Deutschlandfunk und der Journalist haben den Rückzug angetreten. Leider gab es von diesen Nadelstichen zu viele.

Anfang 2018 warteten viele darauf, dass Prokop gehen muss, angeblich hatten mehrere Spieler rebelliert. Doch am Ende stand der Entschluss: Prokop bleibt.

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"Wir haben einen Konzeptionstrainer."

(Foto: imago/DeFodi)

Unser negatives Vorbild waren so ein bisschen die Fußballer von Borussia Dortmund: Die hatten mit Thomas Tuchel einen Innovationstrainer, von dem man sich aus verschiedenen Gründen getrennt hatte. Danach kam Peter Bosz, der sicher ein großartiger Trainer ist, aber gnadenlos scheiterte. Und als dann Peter Stöger kam, war klar: Die brauchen bald den vierten Trainer, sonst wird sich die Situation nicht verbessern. Ein Wechsel ist also keine Garantie für Erfolg. Unsere Überzeugung war: Lasst uns aufarbeiten, was passiert ist. Wir haben einen Konzeptionstrainer, der langfristig etwas bewegen kann. Er hat Fehler gemacht, aber dies rechtfertigt nicht, uns von unseren Ideen zu verabschieden. Dies haben wir im Präsidiumsgipfel diskutiert und es entschieden. Und Schwalb stand bei Sky im Studio und musste kommentieren, dass Prokop doch bleibt.

Wie viel Spaß macht es Ihnen heute, der Vize-Präsident des DHB zu sein?

Gerade das vergangene Jahr stand unter dem Motto: "Nicht das Erlebnis muss Spaß machen, sondern das Ergebnis!" Das vergangene Jahr war nicht immer schön, aber ich habe große Freude an dem Ergebnis. Ich spüre auch keine Genugtuung, das Gefühl ist mir fremd. Ich habe viel mehr Freude daran, dass sich Menschen zusammengerauft haben, um ehrliche Arbeit zu liefern - mit Erfolg.

Mit Bob Hanning sprach Till Erdenberger

Quelle: n-tv.de

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