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Redelings über den U21-Trainer Warum Stefan Kuntz bei Kai Pflaume heulte

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Emotional und beliebt bei den Spielern: der Europameister von 1996, Stefan Kuntz.

(Foto: imago images / PA Images)

Er ist der Mann der Stunde. U21-Trainer Stefan Kuntz kennen die TV-Zuschauer fast nur fröhlich grinsend. Kein Wunder bei den momentanen Leistungen der DFB-Junioren bei der Fußball-EM in Italien. Doch der Mann hat mehrere Facetten und durchaus auch nah am Wasser gebaut.

Es war im Frühjahr 2008. Beim VfL Bochum spielten sich hinter den Kulissen Grabenkämpfe ab. Für die Fans waren diese Tage eine einzige Katastrophe. Und mittendrin: Der heutige Trainer der U21-Nationalmannschaft, Stefan Kuntz. Damals war Kuntz Manager des VfL. Kurz bevor sein Abgang verkündet wurde, saß der gebürtige Neunkirchener bei einem fußballkulturellen Abend auf der Bühne und gewährte den Besuchern einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt. Den Tränen nahe schaute Kuntz für einen Moment schweigend ins Publikum, dann legte er los.

"Eine Sache, die habe ich noch nie erzählt. Die ist mir auch ein bisschen peinlich. Aber immer wenn es mir schlecht geht, bin ich nah am Wasser gebaut. Irgendwann überkommt es mich dann und ich muss einfach heulen. Am besten geht das bei mir, wenn ich so romantische Schnulzen gucke. Aber meine Frau ist ja nicht hier in Bochum, und da sieht das immer so ein bisschen blöd aus, wenn ich alleine im Kino bei ‚P.S. Ich liebe dich’ sitze und heule. Und da es mir im Moment nicht besonders gut geht, habe ich aus purer Verzweiflung am Sonntag ‚Nur die Liebe zählt’ angeschaltet. Mit Kai Pflaume. Das war richtig furchtbar. Da ist ein Mann gewesen, der hat seinen Bruder vierzig Jahre nicht gesehen. Ich habe Rotz und Wasser geheult."

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Und nicht nur seine emotionale Seite lässt Stefan Kuntz bei den Spielern augenscheinlich prächtig ankommen. Nach dem Auftaktsieg gegen Dänemark soll er eine Poolparty mit Schnitzeln angeordnet haben. Der Mann kann sich offensichtlich noch gut an seine eigene Zeit als Profi erinnern. Damals in Bochum hat Kuntz noch eine andere Geschichte erzählt. Sie spielte bei der WM 1994 in den USA. Eines Tages war es dem Nationalspieler dort langweilig geworden. Zusammen mit der Vorbereitungszeit waren bereits einige Wochen ins Land gegangen und so langsam hatte sich Lagerkoller breit gemacht. Nun musste etwas Abwechslung her, aber es gab ein Problem: Ausgangssperre hieß das Zauberwort. Volle Konzentration aufs nächste Spiel war die Devise. Und das war schade, schließlich befand man sich in Dallas – dem Heimatort einer bekannten TV-Serie aus den 80er-Jahren. Wie schön wäre es da gewesen, einfach mal vor die Tür zu kommen.

"Sind nicht hier, um Cowboystiefel zu kaufen!"

Und überhaupt? Auf welches Spiel sollte er, Stefan Kuntz, sich denn schon konzentrieren? Die Einsatzchancen standen mal wieder unter null. Aber dann geschah ein kleines Wunder: Kuntz lernte in der Lobby einen sympathischen Officer kennen und auf einmal unterhielt man sich so nett über den Beruf – der Neunkirchener hatte in seinen ersten Tagen beim VfL Bochum ebenfalls noch als Polizist gearbeitet –, dass der Amerikaner ihn schließlich nach Feierabend zu einer Sightseeing-Tour auf seinem Motorrad einlud. Kuntz nahm diese einmalige Chance und Einladung begeistert an.

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Die "Säge": Stefan Kuntz, hier im Jahr 1992, jubelte auf seine Art und Weise.

Und in der Tat wurde es ein wunderschöner Ausflug. Später am Abend kehrte er glücklich ins Hotel zurück, schaute sich seine frisch erworbenen Cowboystiefel noch einmal in Ruhe im Spiegel an und ging dann hinunter zum Essen. Bundestrainer Berti Vogts hatte schon auf ihn gewartet. Alle anderen Spieler saßen bereits an ihren Tischen und guckten gelangweilt in der Gegend herum. Doch urplötzlich wurde Vogts laut: "Konzentriert euch endlich. Das ist kein Spaß-Urlaub. Wir sind nicht hier, um Sightseeing zu machen, Lasso zu werfen und Cowboystiefel zu kaufen!" Kuntz riss die Augen auf. Das konnte doch kein Zufall sein! Hatte Vogts eben tatsächlich Cowboystiefel gesagt? Ja, hatte er. Aber wie um alles in der Welt konnte der Bundestrainer das wissen? Wie hatte er sein Verschwinden bemerken können? Kuntz hob den Kopf an und schaute zu Vogts hinüber. Doch der Bundestrainer stand einige Meter entfernt, mit dem Rücken zu ihm und registrierte ihn gar nicht. Damals an diesem speziellen und sehr emotionalen Abend 2008 in Bochum erzählte Stefan Kuntz noch: "Ich hab in diesem kurzen Moment gedacht: Okay, das war’s. Aber Vogts hat nie irgendetwas gesagt. Es war wohl tatsächlich Zufall – die Sache mit dem Sightseeing und den Cowboystiefeln!" Ein Spiel später kam Kuntz dann gegen Belgien sogar zu einem Kurzeinsatz, bevor im Viertelfinale gegen Bulgarien schließlich Schluss war für das gesamte deutsche Team bei dieser WM.

In Italien geht es jetzt im Halbfinale weiter. Im Moment jubeln die deutschen U21-Nationalspieler ja vorzugsweise mit dem "Bierbauch-Jubel". Aber wer weiß: Vielleicht revanchieren sich die Nachwuchs-Stars ja spätestens nach einem möglichen Finalsieg mit einer Feier-Variante, die ihr Trainer damals in Deutschland populär gemacht hat – die sogenannte "Kuntzsäge": "Die habe ich mir im Winter im Eishockey abgeschaut. Diese sägende Armbewegung des Torschützen nach einem Treffer fand ich so irre, dass sie mir gleich ins Blut ging. Prompt habe ich sie nachgemacht. Nicht absichtlich. Nur ganz intuitiv. Rein aus der Euphorie." Ihr Chef würde sich sicherlich freuen und wahrscheinlich sogar das eine oder Tränchen der Rührung verdrücken. Und dieses Mal sogar ganz ohne Kai Pflaume.

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Quelle: n-tv.de

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