"Stärkste Liga der Welt" boomtWarum die Handball-Bundesliga ihrem Slogan alle Ehre macht

Der deutsche Handball floriert mit zuletzt zwei Silbermedaillen für DHB-Frauen und Männer, auch der Vereinshandball zeigt sich in Titelform. International spielen die Bundesligisten in den wichtigen Wettbewerben eine große Rolle, sodass die Stars reihenweise den Weg in das deutsche Oberhaus finden.
Sechs Jahre mussten die deutschen Handball-Fans auf einen Bundesligisten im Endspiel um die europäische Handballkrone warten. Zwischen 2014 und 2020 schaffte es kein Team aus der vermeintlich "stärksten Liga der Welt" in das Champions League-Finale. Ein Szenario, was für viele Anhänger kaum mehr vorstellbar ist. Zu dominant bestimmen die deutschen Vereine zuletzt die internationalen Wettbewerbe - und der Trend hält an.
Bewiesen der SC Magdeburg und die Füchse Berlin in der vergangenen Woche. Die beiden aktuell besten deutschen Teams konnten sich jeweils drei Spieltage vor dem Ende der Gruppenphase für das Viertelfinale der Königsklasse qualifizieren. Mit einer beeindruckenden Überlegenheit rauschten die beiden Bundesliga-Klubs durch die Gruppenphase, Magdeburg sogar verlustpunktfrei, Berlin mit nur einer Niederlage aus elf Spielen. Füchse-Trainer Nicolej Krickau hielt sich deshalb mit Lobeshymnen nicht zurück.
Füchse-Trainer Krickau lobt Entwicklung der Bundesliga
"Die HBL ist aktuell in einer fantastischen Entwicklung. Die Verpflichtungen zeigen, dass viele der besten Spieler der Welt in der Bundesliga spielen wollen. Diese Konkurrenzfähigkeit spiegelt sich in unseren Leistungen, die wir international einbringen, wider, denn unsere Alltagsqualität ist einfach höher", erklärt der Däne nach dem Auswärtsspiel der Berliner beim Bergischen HC am Dyn-Mikrofon.
Aber ist es so simpel oder was macht die deutsche Liga aktuell anscheinend so viel besser als die Konkurrenz aus Spanien, Ungarn und Dänemark? Fakt ist, dass die Qualität in der Breite nirgends höher und eng beieinander ist, wie in Deutschland. Während der FC Barcelona in der Liga ASOBAL mit 18 Siegen aus 18 Spielen quasi ein Abonnement-Ticket für die Meisterschaft hat, duellieren sich in der Handball-Bundesliga vier bis fünf Teams um den Titel.
Fehlende Ruhephasen waren Schwachstelle für HBL-Teams
Selbst in den Spielen gegen vermeintlich schwache Teams können sich die Favoriten nicht schonen, müssen auch in Erlangen, Leipzig oder Mannheim an die Leistungsgrenzen gehen. Jahrelang schien genau dies der große Vorteil der internationalen Elite zu sein: Aalborg, Kielce oder Paris St. Germain fokussierten sich fast ausschließlich auf die Champions League, gaben den Leistungsträgern dafür in der Liga die so wichtigen Ruhephasen.
In diesem Zeitraum wackelte der Slogan von der "stärksten Liga der Welt". Kaum internationale Stars wollten mehr nach Deutschland wechseln. Sie zogen jene Variante vor, die in der Liga geringere Belastungen versprachen. Durch die jährlich ausgetragenen Welt- und Europameisterschaften war der Terminkalender für Nationalspieler ohnehin bis oben vollgestopft, jede Ruhephase demnach gern gesehen. Als Beispiel: Die Bundesliga spielte noch am 27. Dezember, am 2. Januar trafen die Nationalteams für die am 15. Januar beginnende EM zusammen. Nach dem Finale am 1. Februar ging es in der Bundesliga am 10. Februar mit dem Spielbetrieb weiter.
Bundesligisten setzen bei Transfer auf Talente
Die Liga blieb weiter attraktiv und sicherte sich statt der großen Namen der Gegenwart die großen Namen der Zukunft. Mit Mathias Gidsel gelang Berlin ein Transfer-Coup, der heutige Welthandballer wechselte 2022 in die Hauptstadt und florierte unter Ex-Trainer Jaron Siewert. An seiner Seite Dänemarks Lasse Anderson, der bereits 2020 aus Barcelona nach Berlin wechselte.
Mit Sander Sagosen verpflichtete der THW Kiel 2020 eines der spannendsten norwegischen Talente, zwei Jahre folgte mit Eric Johansson das schwedische Äquivalent. Der Kniff funktionierte und die deutsche Bundesliga spielte sich wieder ins internationale Rampenlicht. Zwei der drei internationalen Titel gingen in der vergangenen Saison nach Deutschland.
Deutsche Dominanz in der European League
Während der "bedeutungslose" European Cup über keinen deutschen Teilnehmer verfügt, waren die Bundesliga-Klubs in den jeweiligen Final Fours der Champions und European League tonangebend. Melsungen, Kiel und Titelträger Flensburg kämpften in Hamburg um den Titel, lediglich der französische Verein Montpellier durchbrach die deutsche Dominanz.
In der Königsklasse spielten der SC Magdeburg mit seinem Trainer Bennet Wiegert und die Füchse Berlin 2025 in einem deutschen Finale um die wichtigste Trophäe im Vereinshandball. Der Titel ging nach Sachsen-Anhalt, zum zweiten Mal in nur drei Jahren. Im internationalen Vergleich dagegenhalten konnte zuletzt vor allem der FC Barcelona.
Mem und Perez de Vargas verlassen Barcelona
Doch dem spanischen Spitzenverein kommen die Top-Spieler abhanden. Ausgerechnet in der Liga des größten Konkurrenten tauchen sie wieder auf. Torhüter Gonzalo Perez de Vargas (THW Kiel) und Aitor Arino (Füchse Berlin) wechselten bereits zur Saison 2025/26, Superstar Dika Mem folgt im Sommer 2027. Auch er wird zukünftig ein Berliner Fuchs sein.
Der französische Nationalspieler ist mehrfacher Champions-League-Sieger, Europameister und einer der besten Spieler der Welt. Aber die Vorfreude ist nicht nur bei den Verantwortlichen in Berlin groß: "Ich war lange in Spanien, und jetzt fühlt es sich richtig an, den Schritt in die Bundesliga zu wagen. Berlin hat als Klub in den letzten Jahren sehr überzeugt und ich will Teil davon werden. Ich will dabei helfen, den Klub weiterzuentwickeln und so viele Titel wie möglich zu gewinnen."
Mit Mem und Gidsel haben die Füchse einen Rückraum der Superlative. Ab 2027 wird mit Simon Pytlick sogar noch ein weiterer dänischer Ausnahmekönner dazukommen. Möglich wurde die Transferoffensive wohl durch einen neuen Ausrüstervertrag und wegfallende Gehälter von Großverdienern wie Lasse Anderson oder Sportvorstand Stefan Kretzschmar. In der Vergangenheit hatte die deutschen Klubs oftmals das Nachsehen gegen die finanzstarken Vereine, zum Beispiel aus Norwegen oder Polen.
Millionenprojekte in Kolstad und Kielce in Schieflage
Doch die Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern birgt auch Risiken, wie das Projekt Kolstad zuletzt zeigte. Dem norwegischen Vorzeigeprojekt droht das Aus samt Zwangsabstieg und Lizenzverlust. Den Stars wurden die Gehälter gekürzt, Superstar Sagosen wechselte bereits vor einem Jahr nach Aalborg. Und auch weitere Leistungsträger werden auf dem Markt angeboten - Torhüter Andreas Palicka wechselte etwa übergangsweise zur HSG Wetzlar und soll dort den Abstieg verhindern, ehe der Schwede weiterzieht nach Berlin.
Auch der ehemalige Top-Klub von Nationalspieler Andreas Wolff KS Kielce geriet zuletzt in finanzielle Not, zahlte wohl Spielergehälter über Monate nicht. Wolff verdiente in Polen knapp eine halbe Million Euro im Jahr, möglich gemacht von Mäzen Bertus Servaas.
Stars werden mit attraktiven Steuererleichterungen gelockt
Besonders lukrativ werden die Gehälter in anderen Ländern, wie Dänemark und Ungarn durch einen geringen Steuersatz, vor allem im Vergleich zu Deutschland (Spitzensteuersatz 42%). Der ungarische Meister Telekom Veszprem bot Mem vor seinem Wechsel nach Berlin laut Medienberichten knapp 60.000 Euro netto im Monat. Der Franzose lehnte ab und entschied sich für den deutschen Meister - trotz finanzieller Einbußen: "Ich freue mich riesig darauf, für Berlin und in Deutschland zu spielen. Das war von Anfang an mein Wunsch."
Weil die Bundesliga auf vielen Ebenen überzeugt. Nicht nur finanziell sind Liga und Vereine gewachsen, auch Stimmung und volle Hallen werden zum Trumpf in Transferverhandlungen. In keiner Liga sind die Hallen derart gut gefüllt oder sogar ausverkauft wie in Deutschland. Insgesamt 1,69 Millionen Besucherinnen und Besucher strömten 2024/25 in die Arenen der 18 Klubs - ein neuer Allzeitrekord. In Spanien waren es zum Vergleich 360.856 Zuschauende, ein Durchschnitt von nur 1503 Personen pro Spiel.
Nächster Star in der Liga: Gummersbach holt Dujshebaev
Selbst die 2. Bundesliga hat einen höheren Zuschauerschnitt. Ob die Zahlen ein Schlüsselfaktor für einen weiteren "Mega-Transfer" waren, ist unklar, abträglich wird es nicht gewesen sein, um Alex Dujshebaev nach Gummersbach zu lotsen. Ab dem Sommer schließt sich der zweifache Europameister den Oberbergischen an: "Ich bin unheimlich stolz, zu einem Verein mit einer solchen Historie zu wechseln und als Teil eines ambitionierten Projekts in der Bundesliga und damit der besten Liga der Welt zu spielen."
Da ist er wieder, der Slogan von der besten Liga der Welt. Für einige Fans vielleicht überstrapaziert, für andere mit zu viel Bedeutung bemessen, aber für manche bestimmt auch die perfekte Bezeichnung für den momentanen Zustand des deutschen Oberhauses. Berlins Krickau ist auf jeden Fall optimistisch und beschwört schon mal einen erneuten deutschen Titelsommer, in dem "die deutschen Mannschaften am Ende oben stehen".