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Schwimmer Wellbrock im Interview Was hatte Franzi van Almsick, was Sie nicht haben?

Holte Gold über fünf Kilometer: Florian Wellbrock.

Schwimm-Star Florian Wellbrock ist einer der erfolgreichsten Athleten Deutschlands.

(Foto: Uncredited/AP/dpa)

Olympiasieger, Weltmeister, Weltrekordler: Florian Wellbrock ist einer der besten Schwimmer der Welt und der besten deutschen Athleten aller Zeiten. Und dennoch kennen viele den 24-Jährigen nicht richtig. Vor der heute in Rom beginnenden Europameisterschaft spricht der Ausnahmekönner mit ntv.de über Ruhm, Frust, Qualen - und sexuellen Missbrauch im Schwimmsport.

ntv.de: Herr Wellbrock, wurden Sie heute schon auf der Straße erkannt?

Florian Wellbrock: Im sportverrückten Magdeburg kommt das häufiger vor. In einer Großstadt wie in Berlin allerdings kaum. Da müsste es schon ein lustiger Zufall sein, dass ich angesprochen werde.

Sie sind der erste männliche deutsche Schwimmer mit Olympischem Gold seit 1988, Sie könnten einer der erfolgreichsten deutschen Athleten überhaupt werden. Sind Sie zu unbekannt für all Ihre außerordentlichen Leistungen?

Schwierige Frage. Ich habe mich vor meiner Karriere nie damit auseinandergesetzt, wie bekannt ich vielleicht irgendwann mal werden könnte. Natürlich spielen Fußballer oder auch der Tennisprofi Alexander Zverev in einer andere Liga.

Als Franziska van Almsick als 14-Jährige bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 zu vier Medaillen schwamm, wurde sie über Nacht zum deutschen Sport-Superstar. Was hatte sie, was Sie nicht haben?

Der Schwimmsport stand damals in einem ganz anderen Licht als heute, weil regelmäßig Erfolg erzielt wurden. Das gibt es seit etwa 2009, nach der Super-Ära von Britta Steffen und Paul Biedermann, so nicht mehr. Der Medaillenregen ist beim DSV ausgeblieben, wodurch der Schwimmsport an Attraktivität in den Medien verloren hat. Jetzt bin ich dabei, das Ganze durch meine Leistung ein bisschen aufzupeppen.

Wären Sie US-Amerikaner und nicht Deutscher, wären Sie in den USA, wo Schwimmen eine größere Bedeutung zukommt, ein Superstar?

Die Frage habe ich mir tatsächlich selber schon mal gestellt und auch im Freundeskreis diskutiert. Ich weiß es nicht. Dadurch, dass ich in Deutschland mit meiner Leistung so heraussteche, bin ich hier das Aushängeschild. Würde ich die gleichen Leistungen als US-Amerikaner schwimmen, wäre ich nur einer von vielen, weil sie dort eine ganz andere Dichte an Top-Leuten haben. Gegen eine Katie Ledecky oder einen Caeleb Dressel komme ich mit meiner Leistung gar nicht an. Deshalb wäre ich wohl nicht mehr oder weniger bekannt, als ich es in Deutschland bin.

Hierzulande wurde die Schwimm-WM in Budapest nicht mal im TV übertragen. Wie war ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass stattdessen die Finals in Berlin gezeigt werden?

Das habe ich aus Sportlersicht überhaupt nicht nachvollziehen können. Welcher Schwimm-Fan schaut sich denn eine deutsche Meisterschaft an, wo die Top-Leute überhaupt nicht dabei sind, weil sie gerade bei der Weltmeisterschaft antreten? Das verstehe ich überhaupt nicht. Auf der anderen Seite gibt es im Fernsehen natürlich Verträge, die eingehalten werden müssen und wenn dann eine WM so kurzfristig eingeschoben wird, dann kann man den Plan vielleicht nicht mehr ändern.

Bei der WM holten Sie historische fünf Medaillen in fünf Rennen, allerdings waren nicht alle goldene. Ärgert man sich da als Erfolgsbesessener im Nachhinein auch mal?

Tatsächlich ist da nur pure Freude. Kurz nach dem Rennen habe ich mich natürlich auch geärgert, weil ich als Profisportler immer gewinnen will. Aber das geht dann schnell wieder weg. Wenn ich mit Abstand auf die WM blicke, dann bin ich sehr zufrieden. Ich bin noch nie bei so einem hochkarätigen Wettkampf über fünf Strecken gestartet, diese körperliche Herausforderung habe ich sehr gut gemeistert. Und dann noch mit fünf Medaillen aus dem Wasser zu kommen, das ist schon großartig.

Manch ein Sportler knabbert länger an einer frustrierenden Niederlage, als er sich über einen großen Erfolg freut: An welche Niederlage erinnern Sie sich?

Ich erinnere mich vor allen an eine frustrierende Niederlage: Das war 2016 bei meinen ersten Olympischen Spielen, als ich vor lauter Nervosität meine Leistung gar nicht abrufen konnte. Das war sehr enttäuschend! Aber ich bin nicht der Typ, der sich mit negativen Erfahrungen länger aufhält als mit positiven. Ich zehre von einem Sieg viel mehr, als ich mich mit einer Niederlage aufhalten würde.

In Budapest gewannen Sie Bronze über 10 Kilometer im Freiwasser. Welche Gedanken dürfen einem auf keinen Fall bei Kilometer sieben in den Kopf schießen?

Es dürfen kein Zweifel aufkommen. Man muss die kompletten zwei Stunden über an sich glauben und wissen, dass man der Beste ist. Dass man das heute gewinnt. Man konzentriert sich viel auf die technischen Elemente, damit die Dauerbelastung gut von der Hand geht.

Wie trainiert man darauf hin, fast zwei Stunden lang so konzentriert zu bleiben?

Das kommt durch den Trainingsprozess. Für diese Marathonstrecken muss man extrem viel trainieren und das konzentrierte Abschalten pendelt sich dann irgendwann ein.

Es war ja eine Art Tabu für Beckenschwimmer, ins Freiwasser zu gehen: Wann dachten Sie: 'Ich habe da jetzt richtig Bock drauf, mir die 10.000 Meter auch noch anzutun'?

2017 bei der WM wollte ich schon damit an den Start gehen, aber das wurde mir durch den Bundestrainer verwehrt, weil er sich gegen die Doppelbelastung gestellt hatte. Das Freiwasserschwimmen hat mich aber nicht losgelassen, weil es ganz anderes ist, als im Becken mit immer den gleichen Bewegungen zu schwimmen. Ich will nicht sagen, dass das langweilig ist, aber es ist immer der gleiche Ablauf und immer die gleiche Wassertemperatur. Im Freiwasser muss ich mich jedes Mal auf neue Gegebenheiten, Temperaturunterschiede und ein neues Gewässer mit Wellen einstellen. Ab Kilometer sieben oder acht noch mal die Zähne zusammenzubeißen, sich zu quälen und das durchzustehen, das finde ich sehr reizvoll.

Eine Art Ausbruch aus der Routine.

Definitiv. Ich könnte jetzt die ganze Zeit nur mit dem Beckenschwimmen weitermachen, aber ich finde die Abwechslung einfach sehr schön. Die 10.000 Meter sind als olympische Strecke natürlich besonders interessant.

"Wasser ist mein Ruhepol", sagten Sie einmal. Wie fühlt sich für Sie dann das Leben in der Stadt, auf dem Land, außerhalb des Wassers an?

Teilweise etwas stressig. Ich froh, dass ich in einer kleinen Stadt wie Magdeburg lebe. Ich büchse immer wieder gerne aus dem Stadtleben aus, schnappe mir meinen Hund und fahre irgendwohin an die Elbe, wo ich am Wasser meinen Ruhepol wiederfinden kann. Ein Stadtleben in Berlin könnte ich mir zum Beispiel gar nicht vorstellen.

Nun geht es nicht in die deutsche, sondern in die italienische Hauptstadt zur EM in Rom (11. bis 21. August). Müsste es für einen Erfolgshungrigen wie Sie das Ziel sein, alle Titel der WM zu bestätigen und gar noch besser abzuschneiden?

Das sollte es eigentlich sein. Aber wegen meiner Corona-Infektion kurz nach der WM muss ich mit einem reduzierten Programm antreten. Die Erkrankung hat meine Vorbereitung und Zielsetzung komplett über den Haufen geworfen. Ich reise an und entscheide in Rom dann spontan, werde aber die 800 Meter weglassen. Weltrekorde kann ich kategorisch ausschließen (lacht). Aber sonst kann ich wirklich kaum etwas vorhersagen für die EM.

Viele Sportlerinnen und Sportler leiden nach einer Corona-Infektion an Long-Covid und beklagen sich, dass etwas "auf der Lunge sitzt".

Ich habe körperlich keine Beschwerden und auch meine Medizinchecks waren sehr gut, nachdem ich wieder negativ war. Aber ich merke im Wasser meinen Trainingsrückstand und dass alles etwas schwerer läuft als sonst. Zum Glück habe ich aber nicht das Gefühl, dass ich keine Luft bekomme oder so etwas in die Richtung.

Themenwechsel: Der frühere Schwimm-Bundestrainer Stefan Lurz wurde im Februar wegen sexuellen Missbrauchs einer minderjährigen Schwimmerin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Was löste der Skandal bei Ihnen aus?

Das tangiert mich glücklicherweise gar nicht. Vollkommen egal, ob es diese Negativmeldung ist oder eine andere aus dem DSV, ich höre da überhaupt nicht hin. Ich habe zu viel mit mir selber und mit meinem Training zu tun, als dass ich mich auf die ganzen Negativmeldungen aus dem DSV konzentrieren könnte, von denen wir in letzter Zeit leider sehr viele haben. Nur so kann ich solche Leistungen bringen, wie ich sie jetzt bei der WM gezeigt hab. Ansonsten hätte ich mit so vielen Sorgen und Ängsten zu tun, dass ich nicht mehr leistungsfähig wäre als Sportler.

Sehen Sie sich aber nicht in einer Vorreiterrolle als Symbol des Schwimmsports, um für Strukturen einzustehen, in denen so etwas nicht passiert?

Doch auf jeden Fall und dafür sorge ich auch vor Ort im Team. Ich werde natürlich durch die Medien als Aushängeschild gehandelt und im Team als eine Art Kapitän wahrgenommen. Da sorge ich, so gut es mir möglich ist, für ein gesundes Klima und wir kommen auf diese Art und Weise sehr gut miteinander klar.

Zum Abschluss noch ein Ausblick: Eine andere deutsche Sportgröße, der Basketballer Dirk Nowitzki, genoss es nach dem Karriereende, endlich jeden Tag ein Eis essen zu können. Wie enthaltsam leben Sie und worauf freuen Sie sich, wenn Sie mal die Badehose an den Nagel hängen?

Ich freue mich jetzt schon auf eine geordnete Woche und ein freies Wochenende. Alleine, mal Samstag und Sonntag hintereinander auszuschlafen, das wäre schon ein Highlight. Aber ich bin sehr dankbar für das Leben, das ich aktuell führen kann.

Mit Florian Wellbrock sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de

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